Closer (Joy Division)

 Seit 1980 ist dieses Album schon der Soundtrack zum Leben vieler Menschen. Auch ich gehöre zu denen, die seit ihrem 15 Lebensjahr wirklich alles rund um Joy Division aufgesogen haben. Zu der Zeit liefen noch keine Altersgenossen in den berühmten „Unknown Pleasures“-Shirts durch die Gegend. Damals gab es keinen der sich auch für die emotional härteste, traurigste und hoffnungsloseste aller Musiken begeistern konnte. Dann kam „Control“ in die Kinos und die Wombats füllten die Tanzflächen mit ihrem Ausruf „Let’s Dance To Joy Division“ und ein Hype ging um. Und Franzi ist und bleibt misstrauisch. Warum mag das Jungvolk plötzlich Joy Division? Haben sie die Musik denn mal gehört? Das kann doch der breiten Masse nicht gefallen. Das ist viel zu einzigartig und besonders. Jeder einzelne Song tut weh. Doch mit diesem wunderbaren Kleidungsphänomen muss ich mich dank H&M und Co. wohl abfinden. Ich lasse sogar so stark nach und frage nicht mehr jeden mit „Bandshirt“, welcher denn der Lieblingssong wäre. Nach den tausenden Ramonesshirts ist die Enttäuschung schlicht zu groß. Trotzdem habe ich das Verlangen jedem Individuum mit „Unknown Pleasures“-Shirt einfach darüber zu schreiben, dass „Closer“ besser ist. Und dass die Person ja sowieso keine Ahnung hat. In manchen Punkten ändere ich mich dann doch leider nicht weiter. 

Zurück zum Thema. „Closer“ ist das bessere Album von Joy Division. Es ist schlicht bis zur Perfektion ausgearbeitet. Alles hat seinen Platz und seine Zeit. Es ist deutlich schwerer als „Unknown Pleasures“  und nicht mehr so roh und postpunkig. Es klingt nach Leid. Es ist purer Selbstmord in hörbarer Form. Das Album in voller Länge zu hören ist eine Erleuchtung, aber auch Selbstmalträtierung. Ein brutal authentisches, ehrliches Album, welches vor allem durch die Texte des Ian Curtis getragen wird. Und seiner tiefen, traurigen Stimme. Kein glückliches Ende in Sicht.

1. „Atrocity Exhibition“

This is the way, step inside.

Schrammelnde Gitarren, ein dominantes Schlagzeug. Holprig, doch einnehmend. 

2. „Isolation“

Mother I tried please believe me,
I’m doing the best that I can.
I’m ashamed of the things I’ve been put through,
I’m ashamed of the person I am.

Einer meiner Lieblingssongs. Ein selbstoffenbarender Text und eine instrumentale Kälte. Ob das Schlagzeug oder die Synthies. Es wirkt so  hart und trostlos und doch eingängig.

3. „Passover“

Es wirkt ein wenig wie die Ruhe vor dem Sturm, so getragen und resignierend. 

4. „Colony“

Ein endloser musikalischer Kreislauf, der Rhythmus brennt sich ins Hirn.  Deutlich lauter und aggressiver als „Passover“ davor. 

5. „A Means To An End“

I put my trust in you.

Interessanterweise finde ich den Song sehr sehr eingängig und doch für einen Ohrwurm so an die Substanz gehend. Eine seltene Kombination. 

6. „Heart And Soul“

Existence well what does it matter?
I exist on the best terms I can.
The past is now part of my future,
The present is well out of hand.
The present is well out of hand.

Heart and soul, one will burn.

Die B-Seite beginnt sehr atmosphärisch. Besonders ist die Art wie Ian Curtis singt. Es hebt sich ein wenig ab. Ansonsten ist es wie bei jedem Track.  Stephen Morris sorgt wieder für ein geniales, rhythmisches Grundkonstrukt. Wie immer sorgt Peter Hook für prägnante Basslines, die so tief und düster wie die Texte von Ian Curtis sind.Und durch Bernard Sumners Gitarrenarbeit und den Synthies kommt dann doch etwas helles, hoffnungsfroheres manchmal zum Vorschein. Man wird Zeuge davon, was passiert, wenn mehrere talentierte Menschen etwas zusammen kreieren: Magie. Es ergibt sich ein großes Ganzes, was nicht entstanden wäre, wenn die Umstände, das Umfeld, die Zeit, die Personen anders gewesen wären. 

7. „Twenty Four Hours“

Just for one moment, thought I’d found my way.
Destiny unfolded, I watched it slip away.

Stürmische Rhythmuswechsel unterstreichen eine ambivalente Gefühlslage. Der Song wirkt so hin- und hergerissen, textlich überfordert und hilflos.

8. „The Eternal“

Ein Song wie ein grauer, nebliger Tag an dem nur unangenehmes einem zugestoßen ist. Unzufrieden, verletzt und zu  kraftlos für das Leben. Und dann zeigt sich plötzlich ein kleiner Sonnenstrahl in Form des Pianos, welcher das Ganze noch untragbarer und melancholischer macht.

9. „Decades“

Where have they been?

Ein ungnädiges, fieses Ende. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt die an dieser Stelle nicht weinen. 

 

Musik

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Danke! Bin ja schon lange Fan aber so so schön in Worte gefasst habe ich es noch nie gesehen! Fettes Dankeschööön!

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