Personenkult: Mike Patton

Ich sitze auf der Couch und frühstücke. Mir ist nach neuen Musikimpulsen, weshalb ich Putpat anmache und gespannt warte, was mir vorgeschlagen wird. Ein Clip des leider sehr unterschätzten und würdig gealterten Jerry Cantrell beginnt. Ich kenne ihn nicht, da ich mich immer noch nicht mit seiner Solodiskografie vertraut gemacht habe.

Ich bemerke seine Mitmusikanten und muss erst mal lachen. Mein Musikgeschmack ist purer Inzest. Alles ist mit allem verknüpft. Am Schlagzeug lächelt mich Puffy von Faith No More an, der andere Kerl ist von Metallica. Es war wirklich nur eine Frage der Zeit bis ich die Erleuchtung bezüglich Faith No More hatte. Ich wusste schon immer, dass ich sie mag, aber das Feuer ließ sich Zeit um zu entflammen. Also werde ich wahrscheinlich in der Zukunft meinen Hass auf Lars Ulrich ignorieren können und Metallica gut finden. Auch mit den Melvins müsste ich mich musikalisch verstehen. Ich sollte dringend eine Mindmap anlegen. Geschrieben wirkt es zu wirr. Fakt ist, dass bei meinem Musikgeschmack meist alles aufeinander aufbaut. Die Grundsteine wurden in meiner Kindheit mit die ärzte, Depeche Mode, den Beatles und Nirvana gelegt und seitdem habe ich deren Inspirationsquellen und die wiederrum dadurch inspirierten Bands abgegrast. Der Weg von Adam Ant zu Nine Inch Nails ist nicht weit, auch wenn es beim ersten Gedanke befremdlich wirkt. Ich schweife ab.

Mike Patton! 

Hätte man mich vor einem Jahr nach meiner Meinung gefragt, hätte ich angegeben, dass ich den Soundtrack zu „The Place Beyond The Pines“ besser fand als den Film und dass ich dank Star FM in der Klasse 7, 8 und 9 ab und zu mit den Songs „Epic“ und „Midlife Crisis“ von Faith No More in Berührung gekommen bin. Und mochte. Genauso wie „Mojo“ seines Projektes Peeping Tom. Damals wusste ich noch nicht, dass derselbe Herr involviert ist. Damals wusste ich auch noch nicht, dass ich den Herrn, der mich auf MTV mit der Coverballade „Easy“ böse bis gelangweilt mit Augenbrauenpiercing (Ich hasse Piercings.) und Bart (Ich hasse Bärte.) anfunkelt, bald nach London folgen werde. 

Doch wie kam der Umschwung?

Der Ursprung allen Übels ist der Raum 419 A der Anna-Freud-Schule (OSZ für Sozialwesen). In diesem Raum hatte ich primär Spananisch (Soy un perdedor!) und gelegentlich Deutsch. Fast täglich lächelte mich dieser Sticker von der Innentür aus an. Über zwei Jahre lang wurde ich damit manipuliert. Ich wollte ihn eigentlich als Andenken mitnehmen, hatte jedoch keine Möglichkeiten in den Raum zu kommen. Ich stiftete einen wunderbaren Schüler eine Klassenstufe niedriger an, was erklärt warum der Sticker auf dem Foto leider sehr mitgenommen aussieht. Er sieht zwar so aus, bewegte sich leider jedoch nicht vom Fleck.

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 So stolperte ich über „Ashes To Ashes“ im letzten Herbst. Packte es auf meine Merkliste. Ich spürte das Potenzial, aber es wurde kein Ohrwurm. Keine Euphorie. 

Und dann kam die eisige Winterzeit und mit ihr eine Erleuchtung. Nichtsahnend schaute ich zum ersten Mal das Video von „Falling To Pieces“. Da war er. Blutjung und ohne Bart. Lange Haare mit einem fast so coolen Sidecut, wie ich ihn in der 11. Klasse trug. Ich hatte damals ein Schachbrettmuster, bei ihm Linien. Auch die Kleidung hat mich verzaubert. Der Strampler, den er in der Clockwork-Orange-Gedächtnisszene anhat wird mal mir gehören, oh ja. Es war um mich geschehen. Plötzlich war Mike Patton attraktiv und Franzi musikalisch angefixt. Traurig, wie oberflächlich mein Gehirn vorgeht.

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Und dann begann meine Reise, die bis heute anhält. Ich habe mich musikalisch durchgefressen von Faith No More, Mr. Bungle bis hin zu Mondo Cane. Zwar noch nicht jede einzelne Kollaboration, aber die wichtigsten Werke.  Synchron habe ich natürlich mein Verlangen nach Privatem, Klatsch und Tratsch genährt. Dies geschah in den letzten Monaten, die bei jedem Abiturienten geprägt ist von Ängsten, Euphorie unerwarteten und erwarteten Veränderungen des Freundeskreises und Orientierungslosigkeit.  De facto eine neues Kapitel des Lebens beginnt.  

 Und was hat das jetzt alles mit  Mike Patton zu tun?

Genau genommen natürlich recht wenig. Die Privatperson ist mir immer noch ein Mysterium, was wohl auch das nicht abebbene Interesse meinerseits erklärt. Es ranken sich wunderbare Mythen und Legenden um diese Person. Doch man hat bei allem das Gefühl, dass da jemand die Presse verarschen möchte. Ob nun die Verspeisung benutzter Tampons der wunderbaren Band L7 oder Beschäftigungstherapie a la Kotbällchen formen und für die nächsten Gäste im Fön deponieren- man liest allerhand in der weiten Welt des Internets.  Desweiteren lassen auch schöne Zusammenschnitte auf Youtube Rückschlüsse auf sein Verhalten zu. Mal lustig, mal pöbelnd, meist nicht vorhersehbar. Und das fasziniert mich. Und er wird im Alter auch nicht ruhiger, wie man hier sieht. 

Er trat in mein Leben zur perfekten Zeit. Ich brauchte jemanden der mich entspannt, mir Mut macht, mir in den Hintern tritt und bei dem man sich ausheulen kann. Andere Menschen finden zu Gott, ich werde von einem musikalischen Genius mit 6-Oktaven-Spektrum heimgesucht. Ja, es ist offiziell: Mariah, Beyonce und Co. können einpacken verglichen mit diesem Herrn.

Meine Inspirationsquelle führte zur Weiterentwicklung meinerseits. Ich habe die ersten Wochen wahrhaftiger Freiheit zelebriert. Keine Verpflichtungen, keine Verantwortungen – so sollte das Leben immer aussehen.  Schade, dass diese Zeit schnell wieder vorüber ist. Angefangen mit dem hohen Konsum an Büchern und Filmen bis hin zu kreativen Auslebungen durch das Malen und Zeichnen bis hinzu zarten Versuchen des Songschreibens und dem Kampf sich endlich der Angst vorm Scheitern zu stellen und die Gitarre in die Hand zu nehmen. So versuche ich jeden Tag wenigstens eine der Aktivitäten zu machen, um auch mit 21 Jahren etwas zu erschaffen. Es wird wohl kein legendäres Werk wie „The Real Thing“ herauskommen, aber vielleicht ja ein Weltbestseller. Oder die Erkenntnis, dass alle Leinwände, die ich bemale am Ende gleich aussehen und ich mir nicht sicher bin, dass als eigenen Stil oder Mangel an Talent der kreativen Umsetzung zu sehen. Oder ich fange doch an mir meine eigene Kleidung zu nähen. Oder ich frische meine verdrängten Französisch- und Spananischkenntnisse auf. Wenn Patton fließend italienisch kann, dann werde ich das auch hinbekommen. Wir werden sehen. Alles ist möglich.

Ich habe meiner Exzentrik auch in den letzten Schultagen ein Denkmal gesetzt. Auch ich fordere und unterhalte meine Mitmenschen gerne. Oder lasse sie überfordert oder unschlüssig zurück. Manchmal habe ich das Gefühl ich bin ein laufendes Kunstprojekt. Bis heute sind sich viele nicht sicher, ob ich tatsächlich Fan von One Direction bin oder aus anderen Beweggründen das Schulklo mit Stickern der genannten Boyband tapeziert habe. Ich trage diese drei Bilder in meiner Jackentasche immer mit mir herum. Warum? Ich finde es lustig. Vor allem die Reaktionen.

Ein weiteres schönes, unsinniges Ritual startete ich zu den Abiturprüfungen. Zu jeder einzelnen nahm ich natürlich Kumpel Jesus mit, den ich legendärerweise von einem wunderbaren Jay-und-Silent-Bob-Jünger zum Geburtstag bekam.  Perfektioniert habe ich diese Art der Stressbewältigung dadurch, dass ich mir auf beide Handflächen „Mike“ und „Patton“ geschrieben habe. Ansonsten habe ich relativ wenig bis nichts an Vorbereitung geleistet. Meine Faulheit hat jedoch gesiegt, da ich seit gestern weiß, dass ich ein Abi von 2,5 habe und ich mich als Leistungsgesellschaftsverweigerer somit sehr freue.

Ich weiß, dass ich in wenigen Dekaden wahrscheinlich sehr nostalgisch und wehmütig auf diese Ära des jungen Erwachsenendaseins blicken werde. Dasselbe Gefühl kommt auf und auch der dazugehörige Soundtrack.  Und dafür bin ich jetzt schon sehr dankbar.  Dafür bin ich fast jedem Musiker dankbar. Das muss ein wunderbares Gefühl sein, etwas zu kreieren was fester Bestandteil von dem Leben anderer ist und mit so vielen Erinnerungen und Gefühlen verbunden. Da ist die Wahrscheinlichkeit natürlich sehr gering, dass die Person hinter der Musik diesen Erwartungen entsprechen kann. 

Trotzdem werde ich am 4. Juli in London sein und Faith No More sehen. Sie sind einer der vielen Vorbands von Black Sabbath. Es kann nur legendär werden. Wenn ich danach nicht mehr schreibe, dann bin ich wohl mit Mike durchgebrannt.

Ich musste sehr lachen, dass sie auf der Facebookseite Wolfmother nicht auflisten. Wenn man jemanden scheiße findet, dann muss man das auch durchziehen. Sehr löblich.

Dass uns schon der Hass auf Anthony Kiedis eint, muss eigentlich auch nicht erwähnt werden. Ich bin wohl prädestiniert dafür, Mike Patton zu verehren. Ich habe mich sogar mit seinem Bart abgefunden. Erschreckend, wie schnell man seine Prinzipien vernachlässigt, wenn man jemanden mag. 

Es ist wohl Liebe, wenn ich solch Verhalten emotionslos hinnehme. Ich hätte keine Lust bei der Bloodhound Gang in der ersten Reihe zu stehen, aber hey, bei Mike Patton ist das natürlich was anderes. Mit einem würdevollen Ausdruck lässt sich bestimmt auch eine Urindusche ertragen. Er darf alles.

Wobei diese Unterwäsche mich doch aus dem Konzept gebracht hat.

Er darf zwar alles, aber das darf er nicht. Ich akzeptiere seinen Bart, seine Mafia/Rentner-Anzüge, seine Haarnetze, aber nicht dieses Höschen.

Und was bleibt?

Nichts außer meiner überdimensionalen Vorstellung eines Menschen. Ich würde so gerne seinen kreativen Prozess beobachten. Ich würde gerne erfahren, ob er ein langweiliger Mensch, der nicht gerne über sich redet ist, wie er es in einem Interview kundtat.  Er ist als Workaholic bekannt, doch wie sieht sein Alltag wirklich aus. Ich werde es wohl nie herausfinden. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Mike Patton, ich liebe dich, man!

 Sonst wäre mein Wille beide Soloalben freiwillig komplett durchzuhören nicht erklärbar. Wer tut sich sonst sowas an?

Mein missionierendes Gen verlangt zu allerletzt auch auf die musikalischen Ergüsse einzugehen, mit der Hoffnung für weitere Erleuchtungen zu sorgen. Höchstens drei Tracks pro Interpret. Versprochen.

Faith No More:

Ich denke zu dieser Truppe hat man den leichtesten Zugang. Ich hatte mir umgehend die Platte „The Real Thing“, auf der zum ersten Mal Herr Patton als Sänger und Texter in Erscheinung trägt, besorgt und mochte auch das Nachfolgealbum „Angel Dust“ von 1992 sehr, hatte anfangs jedoch Schwierigkeiten mit den zwei Alben von 1995 und 1997.

Mein Lieblingspädophilensong. Zuerst nicht auf den Text geachtet, dann beim nachlesen:

Lay your head on my shoulder
It’s not the point
That I’m forty years older
You can trust me
I’m no criminal
But I’d kill my mother
To be with you

Wenn der schwule Keyboarder einen Song schreibt in dem Wissen, dass der heterosexuelle Sänger das singen darf, dann kann es nur legendär werden. 

Ich bin zwar ein durchaus friedlicher Mensch, aber manchmal denke ich, dass ich einfach meine ungenießbare Seite auch ausleben sollte. Mehr Arschloch sein. 

Peeping Tom:

Während alle ausrasteten aufgrund der Präsentationsprüfung, lag ich im Bett und habe ausschließlich dieses wunderbare Projekt gehört. Mike Patton goes Pop! Dieses Album ist perfekte Kopfhörer-Rückzugsmusik.

Mondo Cane:

 Zuerst hatte ich Bedenken, ob die italienische Sprache und Orchesterbegleitung nicht zuviel des Guten ist. Zu schmalzig, zu übertrieben, wenn der Herr Schlager der 50er und 60er Jahre interpretiert. Dann hörte ich dies und musste heulen, so schön war das.

Trotzdem ist dies mein Lieblingsstück der Platte. Mag wohl auch an der Livedarbietung liegen.

 Mr.Bungle:

Das war wahrlich Liebe auf den ersten Blick. Das erste Album liebe ich musikalisch, aber auch textlich. Absolut mein Humor. Dazu diese fordernde Mischung aus Zirkus, Jazz, Metal und anderen unzählbaren Einflüssen. Einzigartig. 

Tomahawk:

Ein schwierigen Start hatten die Herren bei mir. Sie wirkten wie die Foo Fighters im Vergleich zu Nirvana. Solide, aber irgendwie glatt und gewöhnlich. Es gibt ein Ausnahmealbum namens „Anonymous“, was etwas ungemein spirituelles, indianisches hat. Damit fand ich endgültig Zugang. 

Fantômas:

Mein Sorgenkind. Da werde ich selbst hyperaktiv oder wahnsinnig. Ein Projekt perfekt, um Franzis zu ärgern. Zum einen keine Texte zum mitsingen, sondern nur die pure Klangwelt des Mike Patton. Dies ist entweder in sekundenlange Songs verpackt oder schimpft sich als über 70-Minuten-Song als ein Album. Ich als Befürworter von knackigen 3-Minutenliedern musste mich durchkämpfen. Wobei mir das Album mit den klassischen Filmmusiken sehr gut gefällt. Ansonsten habe ich mich gefragt, wie sich live merken können, wie die Songs klingen müssen. Ich könnte mir das bei simplen Nummerierung ohne konkreten Titel nicht merken.  Ist wahrscheinlich eine einzige Jamsession.

Er klingt wie ein Hahn.

Lovage:

Bis auf ein paar Songs ist es ein ziemliches Fahrstuhlalbum. Es tut nicht weh, ist ganz nett, kann im Hintergrund laufen, wären da nicht die beiden Protagonisten. Neben dem Männchen Mike Patton gesellt sich die gute Jennifer Charles dazu. Das führt zu einer sehr erotisierten Grundatmosphäre, die an manchen Stellen hart auszuhalten ist. Ich finde ihre Stimme manchmal nervig. Vielleicht bin ich aber auch nur eifersüchtig. Jedenfalls sind sie damit auch ernsthaft auf Tour gegangen. In Satinbademantel und Haarnetz. Was hatte ich auch anderes erwartet. 

Das waren jetzt die prägnantesten Projekte zum einsteigen. Ja, ich gebe zu, die Bilder- und Videorecherche haben ungesund viel Zeit in Anspruch genommen. Generell ist es eine sehr ausufernde Hommage geworden. Vielleicht werde ich ja offizielles Protoexemplar zur Veranschaulichung von Obsessionen. Man weiß es nicht. 

Randnotiz: Wenn man keine Vorliebe für blonde Haare oder langweilige Independentstreifen hat, muss man sich Mike Pattons Schauspieldebüt „Firecracker“ nicht zu Gemüte führen. Hach, diese blonden Haare…

Personenkult

5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Echt schöner Eintrag Friedl , man merkt deine verbundenheit zu Mike und dieser Post fasst auch schön deinen Personenkult der Abiturzeit zusammen 🙂

    • Ich danke und kniee nieder für solch Durchhaltevermögen bei dem hohen Trivialitätspotenzial. Ich hoffe mindestens ein Ohrwurm war dabei.^^

  2. A Wizzard Never Comments To Late , Nor Comments He to Early. He Comments Precisely When He Means To .
    Soviel dazu, nun zu dem eigentlichen Kommentar: Ich finde das dir der Eintrag ganz gut gelungen ist^^ Nicht nur das es recht unterhaltsam Geschrieben und gestaltet ist , man ließt auch richtig so eine Entwicklung raus , so nach dem motto am anfang war schon gute musik , und dann kam mike ( insert generik reveal sound ) ^^
    Und mann muss dazu sagen das du dir da auch nen ordentlichen crush ausgesucht hast , hättest schlimmeres nehmen können xD
    Da du ja eh alle um dich herrum Franzifierst bin ich natürlich auch nicht verschont geblieben , und vorallem Peeping Tom (vorallem vorallem Mojo ) hats mir hart angetan ^^
    Also frei nach dem Motto : Party On Garth , Keep The Flow And May The Force Be With You !

    • Ich danke dir! Ich hab jetzt Peeping Tom auf Vinyl. Es ist eine Picture Disc. Soooo wunderschön.
      Die Franzifizierung wird niemals enden, I promise.
      Party on!

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