Abiverleihung

Ich bin umgeben von Gesichtern. Sie wirken vertraut. Mitschüler, Freunde, Verwandte. Und doch sind sie unnahbar, verbunden mit keinerlei Gefühl. Wir laufen alle in dieselbe Richtung. Der sandige Untergrund läuft über zu verspieltem grünen Gras. Es wirkt wie ein Urlaubszenario, doch mit den falschen Protagonisten. Ich frage mich, was ich hier soll. Ein Stück weiter beginnen Straßen und Gebäude sich abzuzeichnen. Eine warme Sommerbrise weht den Nebel fort und ich bemerke, dass es nur noch eine Querstraße bis nach Hause ist. Ich weiß nicht warum, aber der Drang dort hinzugehen überkommt mich. Ein vertrautes, glückseliges Gesicht lächelt mich wissend an. Sie wirkt befreit und nicht mehr so zerbrechlich und vom Kampf mit sich selbst zersetzt. Ihr sonst blondes Haar ist heute golden. Ich lade sie zu mir ein.

Vor der Haustür möchte sie eine rauchen. Sie schaut auf die Uhr. „Oh, noch eine Stunde bis zur Abiverleihung. Eigentlich unnötig, aber ich bin schon aufgeregt. Eigentlich wollte ich ja nicht hingehen. Ist doch eh nur eine heuchlerische Prozedur, die die Schulzeit im Nachhinein für die Erinnerungen akzeptabler machen soll.“

Ich nicke, habe aber keinen Nerv etwas ähnlich wertvolles von mir zu geben. „Ich gehe schon mal hoch und ziehe mich um.“, sage ich und lasse sie allein. In der Wohnung angekommen, werde ich nervös. Die Zeit läuft. Ich muss meine Kleidung finden, mich schminken. In Unterwäsche renne ich panisch durch alle Zimmer. Ich werde wütend, beschimpfe die Wand an der sonst mein Kleiderschrank anzufinden ist. Nichts passiert.

Ich gehe in die Küche, wie immer ohne erfindlichen Grund. Dort entscheide ich mich einfach nochmals in mein Zimmer zu gehen, um auf die Rückkehr meines Kleiderschrankes zu hoffen. Doch plötzlich klingelt es. Ich öffne immer noch nur in Unterwäsche und erwarte, dass meine Eltern mitsamt meinen Brüdern und Freunden mich abholen wollen. Es steht jedoch Woody Harrelson vor der Tür. Er ist sichtlich erfreut über mein Outfit und hat selbst nur einen blauen Bademantel an. Ich bin perplex, aber nicht vollkommen verwirrt. Es scheint als hätten wir ein vertrautes Verhältnis. Er möchte unbedingt eintreten, doch ich gestikuliere wild. Gleich würden ja meine Familie und Freunde mit mir zur Abiverleihung gehen. Und da habe ich schlicht und ergreifend keine Zeit für ihn. „Die Idee war gut, nur die Umsetzung mangelhaft.“, erklärte ich ihm und wir schauten uns traurig in die Augen als es erneut klingelte. Doch ich hatte einen Plan. So eine Chance würde sich bestimmt nicht noch einmal ergeben.

Ich scheuchte Woody ins Treppenhaus. Er solle dort warten. In der Zwischenzeit wollte ich alle überreden einfach unten auf mich zu warten, bis ich fertig angezogen bin. So hätten Woody und ich die Wohnung für einen Moment ganz für uns gehabt und wir hätten ohne peinliche Momente danach unserer Wege gehen können. Doch der Prozess des Abwimmelns verlief zäh. Ich musste alle fast schon aus der Wohnung zerren. Der Fahrstuhl ging auf, alle waren verstaut und kurz bevor die Situation gemeistert wurde, entdeckte sie alle einen Mann im blauen Bademantel, der zu voreilig auf den Gang gestürmt ist. Woody hatte die Zeit genutzt. Er hatte sich mit Federn und blauer Farbe geschmückt. Er sah aus wie ein Indianerschlumpf.

Allmählich bekam ich das Gefühl, er hatte diese Performance exakt durchgeplant. Oder er begann langsam durchzudrehen. Jedenfalls befand ich mich in Erklärungsnot. Doch nachdem Woody wegrannte, war die Angelegenheit für alle Anwesenden geklärt. Alle kehrten zurück in den Fahrstuhl, ich war plötzlich dem Anlass entsprechend gekleidet und wir konnten zur Abiverleihung fahren.

Alles was bis dahin geschah wirkte nach der Ankunft in der Schule so trivial. Woody war nur noch eine verblasste Erinnerung. Mein Gefühlsspektrum war begrenzt auf Nervosität und Euphorie. Dies hielt die Zeremonie über an. Nach der Vergabe der Zeugnisse sollte noch ein Überraschungsprogramm folgen. Doch irgendetwas fühlte sich daran falsch an. Eine ungute Vorahnung überkam mich. Ich merkte, dass am Anfang des Tages etwas vorgefallen war. Da war etwas. Ich konnte mich nur nicht erinnern. Irgendetwas würde passieren.

Eddie Vedder kam auf die Bühne. Ich hoffte, er hatte Pearl Jam anstatt einer Ukelele mitgebracht. Ich wurde leider enttäuscht. Er klimperte und betonte mehrmals im Song, wie gerne er hier sei und das er dieses Lied nur für diesen Anlass geschrieben hat. Eine gewisse Passivaggressivität machte sich in mir breit. Er begann den zweiten Song. Darin bedankte er sich bei jedem Crewmitglied und Sicherheitsmenschen einzeln.  Wie kann man nur so widerlich nett sein? Es wirkte auch noch ehrlich, was mich noch wütender machte. Eddie hatte nach dem dritten Song Bedenken bezüglich der Menschenmassen und forderte alle auf drei Schritte nach hinten zu gehen. Ich fühlte mich bevormundet und meines Sinnes für Rock’n’Roll beraubt. Doch bevor ich meinen Unmut kundtun konnte, rannte Woody Harrelson auf die Bühne. „You may take my life but you’ll never take my freedom!“, schrie er aus voller Überzeugung. Es war eine Liebesbekundung an mich. Ein romantisches Gefühl ereilte mich. Woody wurde von der Polizei abgeführt, doch ich war stolz auf ihn. Eddie Vedder war irritiert und war sprachlos. Er wusste einfach nicht für was er in diesem Moment dankbar sein sollte. Also ging er.

Nun war die Bühne leer. Ich erhob mich in der Hoffnung, dass die Veranstaltung vorbei sei. Ein Raunen erfüllte den Saal. Die Beleuchtung fiel kurz aus, viele Menschen rannten herum. Und dann stand er da. Mitten auf der Bühne, erfüllt von Größenwahn und Selbstgerechtigkeit. Es war Bill O’Reilly. Panik ergriff mich. Was machte dieser Herr hier? Was für dunkle Machenschaften werden hier ausgelebt? Ich zwang mich ruhig sitzen zu bleiben und abzuwarten. Vielleicht würden gleich Stephen Colbert und Jon Stewart auftauchen und für Erheiterung sorgen.

Es folgten drei Sätze konservative Propaganda. Danach konnte ich es nicht mehr ertragen. Ich rannte auf die Bühne und stürzte mich wie ein Wrestler auf O’Reilly. Man muss ja mal im Leben Initiative zeigen. Leider wurde ich dafür nicht belohnt. Die meisten Anwesenden waren noch mit ihren Zeugnissen beschäftigt und hatten keine Aufmerksamkeit für die anhaltenden Bühnenaktivitäten.  Somit kein Prestige für Franzi.

Ich wurde von der Polizei abgeführt. Bill O’Reilly lächelte mir satanisch zu, meine Freunde und Familie waren spurlos verschwunden. Ich saß allein in einem Polizeiwagen. Die Welt fühlte sich hoffnungslos an. Ich wurde in eine dunkle Zelle verfrachtet. Es war still und ich brauchte einige Minuten um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich erkannte die Gitterstäbe, die Wand und weiter hinten einen größeren Umriss. Ich trat näher. Ich erkannte eine Bank. Auf dieser saß jemand und zündete just in dem Moment ein Streichholz an. Der blaue Bademantel sah am Ende des Tages ganz schön mitgenommen aus.

Dreamatorium

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: