Experiment: Tinder

Ich hatte den Juli zum Medienmonat ausgerufen. Mein erster Monat mit etwas neumodischem namens Smartphone. Wie bei allen neuen Dingen im Leben, übte es eine ungeheure Faszination aus und ich habe mich absolut der Mehrheit gebeugt. Egal, was mir vorgeschlagen wurde, ich habe es ausprobiert. Der werte Fabian erzählte mir von einer Dating-App und zeigte mir dieses wunderbare Video.

Das Projekt „Tinder“ war geboren und bestimmte meinen Alltag für 5 Tage. 

Tag 1: 

Nach dem installieren fühle ich mich seltsam. Nach dem öffnen der App noch mehr. Ich suche Fotos für mein Profil heraus und versuche eine gesunde Mischung aus gutgemachten und verwackelten, grenzdebilen zusammenzustellen. Nach Minuten der Orientierungslosigkeit gelange ich zur Seite mit den Vorschlägen aus meiner Umgebung. Der erste Mensch den ich sehe, ist ein über 30-jähriger Tätowierer. Ich fühle mich beobachtet, so als würde er hinter mir stehen und warten, was ich als nächstes tun würde. Ganz ganz seltsam. Als wäre man in der glorreichen Anfangszeit der Pubertät, das erste Mal im Leben auf einer pornografischen Seite, mit der Angst irgendwer könnte einen beobachten.

Ich schiebe den Tätowierer nach links und das nächste Bild erscheint. Jemand in einem Latexanzug. Ich muss lachen. Mein Finger bewegt sich wieder nach links im Sekundentakt. Da ich mir denke, dass der Sinn hinter dieser App bestimmt nicht darin besteht über ungünstige Fotos und eventuelle Lebensgeschichten zu philosophieren, drücke ich bei sympathisch wirkenden Personen auf das ominöse Herzchen. Schon bald darauf ploppt ein Fenster auf und sagt mir, dass die jeweilige Person mich auch gut findet und man jetzt kommunizieren könnte.

Ich bin überfordert und ignoriere dies. Die Fotos anzugucken macht mehr Spaß. Außerdem fühle ich mich immer noch irgendwie, als würde ich etwas unrechtes tun. Eine Atmosphäre wie hier:

Tag 2:

Eine Sucht macht sich breit. Ich kann nicht mehr aufhören. Ich fühle mich wie Heidi Klum, vergebe Fotos und entscheide wer weiterkommt. Nach einer Weile sehen alle männlichen Wesen irgendwie gleich aus. So viele Bärte. Ätzend. 

Zur Feier des Tages beschließe ich bei meinen Matches zu gucken, ob mir jemand geschrieben hat. Tatsache, ich lese „Heyy“, „Hi“, „Where are you from?“, „Hi Franzi! Ich finde deine Haare unglaublich schön! Wie geht’s dir?“ oder „Du hast einen herausragenden Literaturgeschmack…oh erstmal hallo^^“. Entscheide mich morgen den Leuten zu antworten.

Bekomme einen Lachkrampf bei einem Foto, wo ein Herr auf Toilette sitzt. Noch einen, als ich in einem Profil lese, dass die Person keine Urlaubsfotos mehr sehen kann. Wie wahr, wie wahr. Ein Potpourri der guten Laune:

Tag 3:

Habe zwei Freunde infiziert. Arbeite mich an die 30 Matches heran. Fühle mich unbesiegbar. Habe bemerkt, dass der männliche Freund bisher keinerlei Matches hat, der weibliche Freund jedoch schon. Faszinierend. Habe eins der besten nonverbalen Gespräche seit Jahrhunderten. Desweiteren ein Gespräch über Nutella. Mein innerstes schreit „Cuckoo For Caca“, aber ich lasse keine eventuellen Andeutungen zwischen den Zeilen zu.

Ansprachen des Tages:

„Hi. Anybody quoting Conan O’Brien in their Tinder profile can get straight to sit on my face… ;)“

„What’s long, hard and has seamen in it? …. (einen Tag später)… a submarine…of course! Sorry…bad joke. I never know how to first message someone on here. Hope all is well“

Stelle die Anzeige kurz auf männliche sowie weibliche Ergebnisse. Kein einziges weibliches Wesen, was nicht hübsch arrangiert war. Bevor mich die ganzen schönen Weiber deprimieren konnten, stellte ich die Anzeige wieder um und bewegte im Takt den Finger meist nach links:

Tag 4:

Frau Jauer hat es zu weit getrieben. Es hat keinen Unterhaltungswert mehr, ist nur noch eine bittere, peinliche Angelegenheit. Stunden des oberflächlichen Umgangs mit männlichen Wesen haben dazu geführt, dass schon niemand in der Nähe angezeigt wird. Die App ist überfordert mit dem Enthusiasmus der letzten Tage, stürzte ständig ab.  Ich bemerke einen Stimmungswechsel. Ich ertrage wirklich keinen Urlaubsfotos mehr, auch keine Holocaust-Mahnmal-Bilder und schon gar nicht diese ätzenden Zitate und Weisheiten in den Profilen. Am unsympathischsten sind die, die zeigen, wie kreativ und begabt sie sind und sämtliche Berufsbezeichnungen hineinschreiben. Wären sie wirkliche „artists“, „directors“, und „writers“ hätten sie es nicht nötig sich so wichtig zu machen. Frage mich, was die Beweggründe sind sich ernsthaft bei Tinder anzumelden. Werde bei jedem weiteren Match aggressiver und denke mir, dass das doch eine beschissene Höllen-App ist. Niemand hätte und hatte in der „realen“ Welt die Eier mich anzusprechen und ich bin immer noch verdammt schüchtern und hier habe ich über 50 Matches.  Bekomme Anfragen sich doch mal zu treffen. Sehe die handvoll traumatische Dates vor meinem inneren Auge Revue passieren.

Tag 5: 

Ich habe 67 Matches, darunter definitiv auch Herren, die es ausschließlich auf spontanen Austausch von Körperflüssigkeiten abgesehen haben. Ich finde das nicht verwerflich. Meine Horrorvorstellung wäre, dass man sich trifft und der andere so überhaupt keinen anziehende Ausstrahlung auf einen hat. Dann muss man den anderen verletzen und irgendwie aus der Situation galant herauskommen. Oder noch viel schlimmer wäre das Szenario umgekehrt. Der andere sieht dich an und ist angewidert. Die reinste Panik, weswegen ich für One-Night-Stands wohl nie in der digitalen Welt empfänglich sein werde. Generell ist mir das Beziehungen knüpfen, jeglicher Art, im Internet suspekt. Diese Entwicklung gefällt mir nicht. Natürlich findet man meist Menschen mit ähnlichen Interessen mit denen man über diese schreiben kann, aber oft funktioniert so eine Beziehung in Natura nicht, da die Wesenszüge einfach auf dem Wege nicht harmonieren. Und bei Menschen die man im Alltag kennenlernt ist es meist nur ein oberflächliches Interesse und die Distanz wird erst mal gewahrt. Man beteuert, man mache mal was zusammen, meldet sich dann aber doch nie.

Und was nun?

Keine Ahnung. Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, einen Fragebogen zu entwickeln und mich mit meinen Matches zu treffen und sie auszulöchern, warum, wieso, weshalb sie sich für Tinder entschieden haben. Das könnte dazu führen, dass ich wie ein Creep wirke oder ich selbst lande in der Wohnung eines satanischen Kannibalen, der mich an seine 12 hungrigen Kinder verfüttert. Mal schauen.

Experiment: Leben

14 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ach herrlich. Ich kam aus dem lachen schon gar nicht mehr heraus, ehe es an Tag 4 & 5 ernster zuging. Du solltest öfters irgendwelche Apps testen und kommentieren!

  2. Hey, ich mag deinen rechten Nasenflügel. Wollen wir uns mal treffen?

    Ich halte von dem ganzen Kram ja gar nix. Aber wieso spricht dich denn niemand in der Öffentlichkeit an?

    • Echt, wirklich? Ich mag ja lieber den linken. *lach* Oh, ja. Machen wir, wir haben schließlich soooooo viel gemeinsam.

      das ist eine gute Frage. darüber habe ich schon lang und ergiebig philosophiert. *lach* Hier die möglichen Faktoren:
      1. Deutschland ist scheiße und zu still und höflich und zu sehr auf Distanzwahrung bedacht.
      2. Ich bin 1,79 groß.
      3. Ich habe einen sehr exzentrischen Kleidungsstil.
      4. Trotz Schüchternheit wirke ich meist sehr selbstbewusst, was im Gesamtpaket wahrscheinlich auf männliche Wesen einschüchternd wirkt.
      5. Alle guten Dinge sind 5…ööääärr…ich habe keine Ahnung. Ich sollte eine Befragung auf der Strasse durchführen.

      • Ich glaube das Problem ist, dass die meisten Männer eben auch nicht so viel Selbstbewusstsein aufweisen, wie man vielleicht glaubt. Ich bin zwar ein Typ, der einfach mit jedem labert, weil mir sowieso scheißegal ist, was passiert – was kann auch schon schlimmes vorfallen? – aber den meisten Leuten, die ich kenne, geht es nicht unbedingt so.

      • Das kann ich mir gut vorstellen. Ist ja auch nicht so, dass ich das rollenklischeemäßig fordere, dass männliche Wesen bitte die Initiative ergreifen. wäre nur aufgrund meiner Persöhnlichkeit produktiver.

        wenn ich nämlich aus mir raus gehe, wird es einfach nur creepy. so nach dem Motto, schnell nachm Konzert hingehen und sagen, dass der Herr heiß ist und dann wegrennen. *lach*

      • Okay, damit kommt man natürlich auch nicht weit.

        Hat was von den tollen Briefen damals in der Schule. „Willste mit mir gehen? Ankreuzen: Ja, Nein, Vielleicht.“ den man dann ganz unauffällig übergeben hat, ohne Blickkontakt und vor allem ohne ein Wort zu sagen.

        Aber ich glaube ja sowieso, dass deine Taktik, einem Typen zu sagen, dass er „heiß“ ist, eher kontraproduktiv für den Beziehungsaufbau ist. Das führt eher zu dem gedanken: „Yeah, die will mich!“

      • ahaha, das waren noch Zeiten. damals in der Grundschule mit den Briefchen. da war zwischenmenschliche Beziehungswelt noch in Ordnung.^^

        ach, mit dem Gedanken hätte ich jetzt auch kein Problem. *lach*

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