Personenkult: Craig Ferguson

 

Es gibt nichts eigenartigeres als bei der Eröffnungssequenz einer Late-Night-Show zu weinen. Doch es war unvermeidlich, schließlich wurde die einzige Alternative zum nächtlichen Talkshow-Einheitsbrei zu Grabe getragen. Meine einzige Konstante im Leben, die ich mir bewahren konnte seit 2012.

615 Episoden seitdem und ich habe sie alle gesehen. Meist einen Tag darauf auf Youtube oder mangels Elan am Sonntag darauf alle Folgen der Woche am Stück. 

Ich glaube, ich habe Craig Ferguson häufiger zu sehen bekommen als meine besten Freunde und er wurde der beste imaginäre Mitbewohner, den man sich vorstellen kann. Nicht nur durch seine Lateshow, seine Stand-Up-Programme oder seine Bücher, sondern wegen seiner Art, seinen Überzeugungen. Und seinen Socken.
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So kam es, dass ich innerhalb weniger Wochen konvertierte und zum Tardis-Besitzer und Whovian wurde, sämtliche Catchphrases übernahm und stets zur Freude meiner Mitmenschen DAS Foto von Paul McCartney mit mir herumtrug. Man hätte mich zu jeder Uhrzeit wecken können, die Essenz der Sendung war so sehr in mich übergegangen, ich hätte sofort beginnen können meine eigene Late Late Show zu hosten.  

So unterhaltend auch verschiedene Segmente bei Jimmy Kimmel, Jimmy Fallon, Conan und Co. sein mögen, sie funktionieren zwar als nette Brocken auf Youtube, aber die klassische Sendungsstruktur mitsamt Eröffnungsmonologen und Interviews ist im Rahmen einer 40-minütigen Episode eher ermüdend und absolut austauschbar. Witze über Promi A und seinen letzten Fehltritt, Witze über das aktuelle Ereignis B und keinerlei Überraschungen in den Gesprächen mit den Gästen. Alle haben sich lieb, alle finden sich toll und nicht unvorhergesehenes passiert.  Natürlich können die lustigen Spielchen mit Schauspielern und anderen bekannten Gesichtern amüsieren, aber doch ist es irgendwie verlogen. Irgendwie zu Hollywood auf Dauer.

Und mit dieser Oberflächlichkeit kann ich mich mitnichten identifizieren. Ich als Verfechter der authentischen, ungeschönten Momente. Ehrlich, mit Herzblut und sich selbst nicht so ernstnehmend. Ich möchte einen Menschen auf dem Bildschirm sehen, seine Gedanken und Gefühle nähergebracht bekommen und nicht bloß eine neutrale Witzmaschine. Ich meine, schon allein durch die Jingles des Tweets/Email-Segments erfuhr man soviel über Craig, wohingegen ich beispielsweise von Conans Kommentar zu dem Anschlag auf den Boston-Marathon ziemlich enttäuscht war, da ich mir mehr erhofft hatte, von jemanden dessen Heimatstadt von solch einem Ereignis ereilt wurde. 

Es scheint als hätte wirklich niemand sonst den Mut oder das Interesse die Konventionen bewusst zu missachten und sowohl Zuschauer als auch Gäste im Studio zu fordern, zu überraschen oder wenigstens zu verwirren. 

In keinem anderen Format gab es mit Geoff Peterson ein gay robot skeleton als Sidekick, ein Pferd namens Secretariat, ein Nashorn und Kraftwerksketche. Womöglich können damit weniger exzentrische bis popkulturaffine Menschen etwas anfangen, aber in einer Sendung das Spektrum vom Fäkalhumor bis hin zu intellektuellen Witzen über Søren Kierkegaard und verschiedenen Philosophieströmungen abzuarbeiten, ist schon eine Leistung auf die selbst die Herren von Monty Python stolz wären.

Desweiteren wird man wohl auch nie wieder „Das rote Buch“ von C.G. Jung in einer amerikanischen Talkshow zu sehen bekommen, genauso wenig wie zahlreiche in Therapiestunden mündende Interviews, wie beispielsweise mit Stephen Fry, wo sogar kein Publikum vorhanden ist, um die intime Atmosphäre nicht zu ruinieren.

“If I start giving people what they like I’ll turn into one of them and I don’t want to be one of them I want to be one of me.”

“I don’t think there’s anything wrong with telling the truth. I know it isn’t fashionable.”

Es war diese Mischung aus Selbstironie, Selbstreflektion und Interesse, die immer wieder spannende Seiten beim Gast zum Vorschein brachte. Die Stars hatten bei dieser nur grob strukturierten, sehr improvisierten Sendung einfach keine Chance, sich ihre Antworten vorher zurecht zu basteln. Sie mussten spontan reagieren. Manchmal führte das zu absoluten Nonsensgesprächen, manchmal führte das zu unglaublich cleveren, tiefsinnigen Aussagen. Damit gelang es Craig Ferguson eine Themenvielfalt zu erschaffen, die die typischen „Hey, mein neuer Film ist der Beste, den ich je gemacht habe und alle waren so furchtbar nett während der Dreharbeiten“-Momente galant umging.  

So schaffte er es, dass wirklich jeder nach diesem Video in diese beiden Herren verliebt ist:

So schaffte er es mit simpelsten Mitteln einen Lachkrampf zu produzieren:

So schaffte er es immer wieder den eigenen Arbeitgeber anzupöbeln und aus jeder durch technischer Unzulänglichkeiten geschuldeten Situation etwas gutes zu machen, ohne sich dafür zu fein zu sein:

So schaffte er es sich mit großartigen Menschen auseinanderzusetzen:

Und so schaffte er es mein Herz zu berühren:

Und ganz ehrlich, welche Interviews habt ihr euch angesehen, als Robin Williams und Philip Seymour Hoffman gestorben sind? Ich habe fast ausschließlich Verlinkungen zur Late Late Show gesehen. Und das sagt doch alles aus.

Einen Platz in meinem Herzen hat der glasgower Punkrocker definitiv. Er beweist, dass man sich seiner Fehler und Misserfolge nicht schämen, sondern durch sie gestärkt etwas wunderbares kreieren sollte. Außerdem hat er mit Peter Capaldi LSD konsumiert. Wie kann man ihn also bitte nicht ins Herz schließen?

So lasset uns den letzten Rebell Hollywoods zelebrieren und hoffen, dass er bald ein neues Buch veröffentlicht oder in Film und Fernsehen bald wieder zu sehen ist. Oder mit den Worten von Larry King:

craig

 

Personenkult

12 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Sagt mir gar nix, die Show, aber da schein ich ja echt was verpasst zu haben. Bin allerdings kein großer Laten Night Fan. Außer Conan hin und wieder, verfolge ich das nicht wirklich, und den auch nur, weil das teilweise so richtig schön silly ist, was die da treiben. Bei den Interviewparts geht mein Interesse dann aber auch oft wieder in den Keller, weil es eben nur dieses typische vorgescriptete Palaver ist.

    Komischerweise ist die einzige Late Night Show, die ich tatsächlich regelmäßig geguckt habe eine deutsche. Nämlich die Harald Schmidt Show, in ihrer Hochphase, mit Andrack als Sidekick und fast täglichen Aktionen, aus dem wahren Leben gegriffen, aber von Schmidt hervorragend parodiert. Der hatte dafür einfach ein Händchen damals. War dann aber nach der Pause auch vorbei.

    • Ich mag Conan ansich auch, aber mir würde bei ihm nie einfallen den Monolog sehen zu wollen, da gescripted und so.

      Bei Craig habe ich auch von Personen, die ich nicht kannte die Interviews geschaut und manchmal wurde ich sehr überrascht.

      Ich habe von Harald Schmidt wenig mitbekommen, was wohl dem Alter ein wenig geschuldet ist. Naja, und ich muss immer daran denken:

      Jetzt bin ich sehr begeistert vom Neo Magazin, was den Schmerz ein wenig lindert.

  2. Der ist schon eine coole Socke. Zumindest in den Fragmenten, die ich mir immer via YT zu Gemüte geführt habe. Scheint auch so ein sympathischer Typ zu sein ^^

    Magst du mir mal bitte einen YT-Link zu dem Edward/Bella-Gif schicken? Würde das nur zu gerne sehen. 😀

  3. Ich trauere mit dir. Ich mochte ihn auch sehr gern und habe viele Shows gesehen. Einen besonderen Draht hatte er ja zur Damenwelt (Mein Lieblingsvideo ist ein Interview mit Sandra Bullock: https://www.youtube.com/watch?v=AoRAMDSE2jw). Wobei ich meistens nicht wissen will, wie oft er sich gedacht hat, wieso er ausgerechnet so ein Hascherl an seiner Seite sitzen hat. Das Beste hast du schon zusammengefasst: die Gespräche war recht oft wunderbarer Nonsens – manchmal völlig absurd. Ich glaub manche Stars fanden das sogar sehr reizvoll, gerade zu ihm in die Sendung zu kommen – einfach, weil sie bei ihm als Person wahrgenommen wurden und nicht als alberne PR-Maschine, die nur den neuesten Film promoten darf. Ich hab auch eine seiner Biographen gelesen – ist einfach ein krasser Typ, der viel erlebt hat und mit seinen gemachten Lebenserfahrungen ganz andere Gespräche führen konnte. Seufz. Farewill, Craig – ich werde dich vermissen.

    • Ach der Craig. Ich finde ja nicht nur zur Damenwelt. Wenn man ihn mit Ewan McGregor oder Jeff Goldblum sieht, ist die sexuelle Spannung auch kaum auszuhalten. *lach*
      Ach ja, die Sandra ist schon eine grundsympathische Frau. Herrlich.
      Zum guten Craig sind ja eh gefühlt immer dieselben Menschen gegangen. Tim Meadows war 42 Mal da. Jim Parsons 10 Mal. Ganz eigenartig fand ich glaube ich z.B. den Auftritt von Kristen Stewart. Oder Courtney Love.

      Was ich bei ihm unglaublich mag, ist seine Art mit dem Vergangenen umzugehen. Er bemitleidet sich nicht selbst oder spielt sich groß auf, sondern geht einfach offen und belustigt damit um. Und das tun nicht viele. Die meisten mit Klinikerfahruing verheimlichen das eher oder widmen sich vollkommen der Nabelschau und wollen Aufmerksamkeit.

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