Konzert: Jamie T im Postbahnhof (09. Februar 2015)

Das ist der Jamie. Wir kennen uns schon ein Weilchen. Ich war 14 und hatte meine erste herzhafte Tarte für den Tag der offenen Tür gebacken, er war 21 und hatte für den passenden Soundtrack gesorgt. 

Nun bin ich 21 und er erscheint mir mit seinen 29 gar nicht mehr so weit entfernt wie damals, als Fotos von Jamie im Spind hingen und jeder Mensch Anfang 20 erwachsen und selbstsicher und somit beneidenswert wirkte. So hatte ich meine Bedenken vor dem Konzert, wie ich sie immer bei Musik habe, die mich durch die prägendste Lebensphase begleitet hat. Denn nichts ist schlimmer als mit zu hohen Erwartungen auf ein Konzert zu gehen. Doch diese Angst war unbegründet.

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Nach meinem Fotoautomatenritual ging es zügig zum Einlass, wo der erste Höhepunkt des Abends wartete. Ich wurde nämlich nach meinem Alter gefragt und muss wohl so unauthentisch geantwortet haben, dass ich sogar meinen Personalausweis zeigen musste. Da war ich schon ein wenig stolz.

Als wir vor der Bühne ankamen, war so wenig los, dass ich ohne es zu wollen, tatsächlich mal in der zweite Reihe direkt vor dem Künstler Platz nehmen konnte. Ich war mir zu dem Zeitpunkt aber nicht sicher, ob ich eh wieder wie ein Gummiball durch den Raum katapultiert werde oder es ein Treffen der nickenden, fotografierenden Hipster werden würde und ich tatsächlich etwas von meinem Stehplatz haben würde.

Der Postbahnhof füllte sich allmählich mit einer bunten Mischung an Menschen. Von Mitvierzigern, Schwangeren, 17-jährigen Mädchen bis hin zu dämlichen Penismützenträgerpaaren (in Knallgelb und Tannengrün) und die Vorband Palace klimperte vor sich hin, was nicht wehgetan hat, aber auch nichts besonderes war. Sie wirkten aber sympathisch und das Publikum war wirklich sehr euphorisch für Vorbandverhältnisse. Außerdem wurde mir von der einen Frau in der ersten Reihe nebenbei mitgeteilt, dass rechts beim Bühnenaufgang der gute Jamie sich die Vorband auch anschaute, was wir nach einer starken Dehnung nach links auch sahen und dämlich grinsend und winkend für sehr sympathisch erachteten. Nach dem Auftritt konnten die Herren von Palace es sich nicht nehmen lassen und haben das Publikum fotografiert, was ich mit Skepsis beobachtete oder wie auch immer man diese Gesichtsentgleisung deuten sollte.

Nach einer kurzen Umbaupause war es dann soweit und ein gut gekleideter, schmaler Herr kam mitsamt Gefolge auf die Bühne und eröffnete die Veranstaltung mit „Limits Lie“ und „Don’t You Find“, den Eröffnungssongs des aktuellen Albums. 

Entzückt von der Melancholie der neuen Klänge und überrascht von der lautstarken Textsicherheit des Publikums wusste ich in dem Moment, dass es kein Abend der Enttäuschungen werden würde. So erlöste mich Jamie mit meinem Lieblingslied „Operation“ danach von den zwei nervtötenden Weibern, die nicht zur Musikzelebrierung anwesend waren, sondern durch anhaltendes, lautstarkes Verhalten bloß die Aufmerksamkeit des Künstlers erhaschen wollten. Mit Verachtung gestraft, wurden sie dank zahlreicher anderer Dampframmen und mir aus den Verkehr gezogen und wie der Zufall es wollte ging der gute Ellis in der wilden Masse unter, wohingegen Lene in die erste Reihe flutschte und ich so nah der Bühne wie selten mich meinem Spring- und Singtrieb hingeben konnte. Und auch da war ich positiv überrascht vom Publikum. Es war nicht zu aggressiv, ich habe nur einmal eine Kamera bzw. ein Mobiltelefon aufblitzen sehen und hatte das erste Mal seit langem das Gefühl, dass die Menschen sich wirklich auf ein Konzert gefreut haben und in diesem exakten Moment gelebt haben und diesen nicht panisch für die Nachwelt festgehalten haben. Dass ich nicht die einzige war, die fünf Jahre auf dieses Konzert gewartet hatte. 

Und das Hemd des Mannes, der wie alle guten Männer optisch derzeitig seine Rockabillyphase durchlebt, wurde nasser und meine Faszination für Jamie T’s Bühnepräsenz größer. Die abbekommene Wasserdusche und den Gruß an die Beatsteaks bestärkten meine Sympathien und das Gefühl einen großartigen Performer bei der Arbeit zuzuschauen. Mit wenigen Worten und Gesten schaffte er es einem das Gefühl zu geben, dass er sich mindestens genauso freut hier zu sein und manchmal wirkte er selbst genauso erstaunt wie ich, wie textsicher doch die breite Masse selbst bei den Parts des Sprechgesanges war. Die Setlist war perfekt, die Konzertdauer angemessen und alle wurden mit der Zugabe von dem eingängigen „Zombie“, welches live herrlich punkig daherkommt und dem perfekten Abschiedshöhepunkt „Sticks n Stones“ ein letztes Mal durchgerockt. So muss das doch sein.

Zum einstimmen oder post concert depression frönen:

 

Musik

5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

    • Was denn für Vorurteile? Gib dem hübschen jungen Mann doch eine Chance. Jemand, den ich in meinem Regal zwischen The Clash und den Beastie Boys packen würde, hat das doch verdient. Und die Drummerin ist auch cool.

      • Tja wenn ich das genau beziffern könnte. Irgendwie kam bei mir immer der Gedanke auf „der Typ sieht so nach schlechten Kitsch-Pop aus“. Frag mich bitte nicht wieso xD
        Aber deine Beschreibung klingt echt super, da muss ich wirklich mal ein Ohr voll nehmen.

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