Mark Lanegan im Postbahnhof (17.Februar 2015)

Überraschungen gibt es immer wieder. Ich hatte mich nämlich schon damit abgefunden, allein in der Melancholie des Mark Lanegan zu baden, aber nein. Da hatte ich die Rechnung ohne meine derzeitige Couchsurferin gemacht. 

img049Die gute Julia entschied sich spontan mitzukommen. Der Titel „Couchsurfer des Jahres“ hat sie sich somit definitiv gesichert.

So pilgerten wir gen Postbahnhof, dessen Gäste meist die nette Angewohnheit haben, sehr spät zu erscheinen. Der feine Nebeneffekt war, dass ich ohne Mühe 10 Minuten vor Beginn die Möglichkeit hatte in der ersten Reihe zu stehen. Dies lässt sich ein kurzsichtiges Wesen bei Konzerten ohne Aussicht auf Massenkloppereien natürlich nicht entgehen. 

Auch wenn ich unter dem Punkt der Publikumsbeteiligung Recht behielt, war ich doch fasziniert, dass die Masse doch nicht ganz meiner Vorstellung entsprach. Eben nicht nur alte Grungeveteranen und Bluesenthusiasten, sondern tatsächlich auch Jungvolk. Es gibt also noch Hoffnung für diese Welt. Und wenn zwei Herren mit meinem Joy-Division-Shirt und meinem Nine-Inch-Nails-Shirt nebeneinander stehen, dann sowieso.

Anhang 7Lyenn kündigte sich als Aperitif an und legte ganz gut an Melancholie vor. Leidene Stimme, simpel gehaltene, eindringliche Songs und eine sehr sympathische Art. Er erwähnte, dass er danach am Merchandisestand zu finden sei und man ihn gerne umarmen dürfe. Oder küssen.

Anhang 6Duke Garwood hingegen bescherte uns herrlichen Blues irgendwo zwischen Wüste und New Orleans, wie im Gespräch hinter mir referiert wurde. Und auch wenn man beide nicht wirklich als ansehnlich bezeichnen konnte, hatte ihr Zusammenspiel etwas zutiefst sinnliches. Organisch, wie mit dem Instrument verschmolzen. Der Schlagzeuger wirkte wie ein blinder Mann mit Zuckungen und Duke Garwood spielte seine Gitarre ohne Plektrum auf eine faszinierende, einnehmende Weise als wäre dieses Instrument wirklich die Liebe seines Lebens. Echte Vollblutmusiker eben.

Anhang 4Und dann kam der Mark, dessen erster Ton es schon wert war, die Karte gekauft zu haben. Fast schon ungläubig, dass diese Stimme tatsächlich existiert, stand ich da und lauschte den perfekten Klängen. Besonders der Gitarrist hatte dafür gesorgt, dass Songs wie „The Gravedigger’s Song“ unglaublich dynamisch klangen und ich seitdem die Riffs mitsinge. Und keine Studioaufnahme, kein Mitschnitt eines anderen Konzertes erzielt dieselbe Wirkung. Äußerst unbefriedigend aber durchaus ein Indiz für eine gute Liveerfahrung. Dennoch waren wir uns einig, dass wir diesen Moment lieber unter freiem Himmel, auf einer Wiese liegend zelebriert hätten als neben stocksteifen, stummen Menschen stehend. Es kann doch nicht sein, dass ich Tanzatheist als Einzige dem Drang des Mitwippens nicht widerstehen kann. Auch irritierend waren die zwei Fotografen, die die ersten drei Songs über fotografierten. Noch nie war ich von einem Klacken so genervt. Und über den Zeitraum hatte sich das Motiv nicht wirklich geändert, da der einzige nicht beleuchtete Herr (was ich übrigens sehr sympathisch bei Sängern finde) sich nicht vom Fleck rührte. Vielleicht hatte der Mark aber heimlich Grimassen geschnitten, um die Nahaufnahmen zu versauen. Anders kann ich mir den Stinkefinger des einen Fotografen nach Beendigung seiner Tätigkeit in seine Richtung nicht erklären.  

Ansonsten war der Herr recht wortkarg und distanziert, eben nicht die geborene Rampensau, was sich perfekt mit dem Bild, was ich von ihm habe deckt. Und ich mochte dieses unaufgeregte, verunsichernde an ihm. Dieses mysteriöse. 

Deswegen war ich sehr verwirrt, als der Gitarrist nachdem Auftritt noch meinte, dass Mark in 10 Minuten am Stand sein wird, um zu signieren. Damit konnte ich gar nicht umgehen, so dass ich mich entschied nicht zu warten. Meine Platte war eh zuhause und die Szenarien des Schuhunterschreibens führten zu Beklemmungen. Wenn er dann nämlich freundlich und zuvorkommend gewesen wäre, wäre mein Bild von diesem Mann und seiner Musik ruiniert gewesen. Wenn ich ihm jedoch meinen einen Chuck auf dem anderen humpelnd gebracht hätte und er die Dämpfe, dessen Aufmachung oder die Besitzerin abgelehnt hätte, dann wäre mein Bild von ihm auch ruiniert. Und für meine Frage, ob er statt zu unterschreiben etwas malen könnte, hätte es wahrscheinlich Ohrfeigen geregnet. Oder auch nicht. Man weiß es nicht. Und was soll man denn zu Mark Lanegan sagen ohne pathetisch zu wirken?

Musik

8 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schöner Bericht. Ich schau ihn mir am Samstag an. Hoffentlich ist Duke Garwood auch dabei, seine neue Platte schätze ich sehr. Der Mark ist wahrlich kein großer Kommunikator. Hab ihn mal vor einigen Jahren im Duo mit einem Akustikgitarristen gesehen. Kein Danke, keine Ansage, kein „Good Night“,keine Zugabe, garnix. Bin gespannt auf Samstag.
    Viele Grüße,
    Gerhard

  2. Wieso eigentlich nicht zum zeichnen anfragen? 😀 Das ist doch eine super Idee, ab jetzt versuche ich den Musikern eine Skizze abzugreifen, anstelle einer schnöden Unterschrift.
    Bin sowieso kein Autogrammjäger, und beim letzten Konzert mit Moon King hat die tolle Gitarristin der Band von sich aus etwas gekritzelt. Sternförmige Explosionswolke mit Signatur oder so.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: