Berlinale: Gone With The Wind (Victor Fleming, 1939)

Ja, ich weiß, ich bin ein Kind der Pünktlichkeit. Tun wir also bitte so, als wäre die Berlinale noch voll im Gange.

Ich habe ja dieses Jahr zum ersten Mal in meinem Leben den Valentinstag zelebriert. Romantisch ging es ins Kino. Mit einer Freundin. Genauer gesagt mit der guten Melly, die man ja vom Hörensagen kennt. Die hatte übrigens das Buch gelesen, aber niemals den Film gesehen, weshalb ich sehr gespannt auf ihre Meinung war. So nahm ich ungläubig im Kino Platz, da ich tatsächlich nicht damit gerechnet habe, jemanden zu finden, der sich 4 Stunden rührselige Südstaatenpropaganda antut.

Mein Plan funktionierte wie erhofft und der Film entfaltete seine volle Wirkung auf großer Leinwand. Die Musik rührte zu Tränen, man wurde ganz pathetisch und es war einfach schön zu beobachten, wie ein Film der über 75 Jahre alt ist, die Menschen zum Lachen und zum Mitfühlen bringt

Und jetzt, wo ich dem Spektakel in Originalsprache beiwohnen durfte, konnte ich auch die allgemeine Begeisterung für Clark Gable nachvollziehen, der mit Abstand die besten Abschiedsworte der gesamten Filmgeschichte übrig hat.

Doch darf man „Gone With The Wind“ eigentlich gut finden?

Mich persönlich faszinierten schon immer die weiblichen Charaktere. Ich empfand sie nie als eindimensional, wobei dies bei genauer Betrachtung nur auf die weißen Damen zutrifft. Wie jeder sympathisierte ich mit Mammy, die im gesamten Film, die einzige ist, die den Mut hat jedem die Meinung zu sagen. Doch wenn man ehrlich ist, entspricht das genau dem propagierten Bild der schwarzen, kessen Hausangestellten, der es ja eigentlich so versklavt ganz gut geht. Und obwohl ich das weiß, mag ich sie und finde es toll, dass Hattie McDaniel als erste Schwarze für ihre Darstellung einen Oscar bekam. (Ganze 31 weitere Oscargewinner seitdem in sämtlichen Kategorien, was ziemlich traurig ist.)

Verklärt von der Idylle, der Opulenz der Kulissen bestaunte ich die Entwicklung der Protagonistin und war mir bis zum Ende nicht sicher, wie meine Haltung ihr gegenüber ist und vergaß jeglichen geschichtlichen Kontext und konnte mit dieser Ignoranz gut leben. Wohingegen ich Propaganda und Wert für die Entwicklung des Films bei „Die Geburt einer Nation“ bis heute nicht trennen kann und jedem, der den Film positiv erwähnt, einen feinen Klaps auf den Hinterkopf verpassen würde.

Schwierig, schwierig. Ambivalente (Schuld)Gefühle eines Franzis, die seit dem Kinobesuch im Kopf herumschwirren.

Kinowoche

24 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich bin offenbar gut darin, solche Dinge hinzunehmen oder weiß der Teufel, warum mir damals praktisch nur die Liebesgeschichte durch den Kopf ging, dafür in aller Ambivalenz. Da ist ja auch einiges zu schlucken, eigentlich. Aber geweint habe ich natürlich nur, als die eigentlich aus König der Könige stammende Mauer aus King Kong vollends den Flammen zum Opfer fiel.

  2. Aber natürlich darf man diesen großen Schmachtfetzen GONE WITH THE WIND gut finden! Sogar als Mann! Ich hab‘ mir vor ein paar Jahren in den USA die rot-plüschige Luxus-Blu-ray-Edition gegönnt (als sie mal online günstig zu kriegen war).

  3. Im Kino kann der glaube ich auch heute noch herrlich funktionieren. Nur auf dem Fernseher oder gar am PC wäre das ein unerträglich langes erlebnis für mich 😀

    Birth of a Nation kann man doch ruhig positig erwähnen, hat ja viel Einfluss auf die Bildästhetik genommen und so 😛 und wer sieht denn in der heldenhaften und noblen Organisation des Ku-Klux-Klans was anderes als die uneigennützigen weißen Ritter, die sie nun mal sind? 😉

    • Jap, getestet und für gut befunden. Ein klassischer Kinofilm. Wobei ich den Film in der Weihnachtszeit gerne beim Mittagsschläfchen anhabe.^^

      Und nein, ein Film basierend auf Klanbüchern kann und will ich nicht gut heißen. Scheiss auf den Einfluss auf Schnitt und Bildkomposition. Bei Nazifilmen macht das ja auch keiner.

      • keine Angst, war nur ein Spaß 😀 wobei ich den ehrlich gesagt schon interessant finde und mir auch irgendwann noch anschauen wil – wie im übrigen auch einige Nazi-Filme
        ich finde da stecken zweierlei, fast schon faszinierende, Sachen dahinter: einmal sind sie ein hervorragendes Zeugnis für den damaligen Zeitgeist, außerdem finde ich es durchaus spannend, mit welchen Techniken das Kino politisch eingesetzt wurde und manipulierte (und auch immer noch manipuliert). Kohlberg ist einem Film wie Pearl Harbor gar nicht so unähnlich

    • Ja, für mich hat der Film auch eher wenig mit der Realität zu tun und zeigt für mich eher die Entwicklung und den Lebensweg einer untypischen Frau auf. Aber ich hatte beispielsweise über die Autorin des Buches gelesen, dass sie eben mit „Die Geburt einer Nation“ aufgewachsen ist und somit das propagierte Bild ihre Weltsicht in der Jugend beeinflusst hat und es wohl deswegen auch sehr fragwürdige Passagen im Buch gibt.

      • Das Buch kenne ich nicht, nur den wirklich gelungenen Film. D.W. Griffiths „The Birth of a nation“ ist historisch gesehen natürlich schon eine reine Verherrlichung des amerikanischen Rassismus, filmhistorisch allerdings immer wieder gern als Referenz in so ziemlich jedem universitären Filmseminar herangezogen. Manchmal sind die größten Innovatoren eben auch gleichzeitig die engstirnigsten.

      • Ja, schön, aber ein zweites Mal tue ich mir die drei Stunden nicht noch einmal an. Und wahrscheinlich haben zur selben Zeit irgendwo andere Leute dasselbe gemacht, wurden jedoch nicht so berühmt.

  4. Ich bin doch so leicht von Filmplakaten zu beeinflussen. Woher soll man denn da wissen, dass es kein Schmachtfilmchen sein soll?! 😀 Oder soll ich mir denken, dass der Onkel mit dem offenen Hemd eigentlich Optiker ist, der ihre Augen näher untersuchen muss? Hochheben tut er sie dabei natürlich nur, weil sie sich zufällig kurz zuvor den Knöchel verstaucht hat und deswegen nicht auf dem normalen Untersuchungstuhl Platz nehmen kann. Und es is warm dort. Ja, sieht sehr warm aus.

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