Die Schinkendiskussion

Die Welt wird derzeit nicht nur durch ein blau-schwarzes Kleid in Atem gehalten. Nein, sie lacht sich auch noch über Franzi kaputt.

 Schinken – Einstellung oder Fantasie?

Schinken, also ein kaltes Fleischerzeugnis in  gepökelter, gebrühter, gebratener, getrockneter oder geräucherter Form mit dem ich eigentlich seit einiger Zeit nicht viele gemeinsame Interessen teile und doch in ihm meinen innigsten Kumpanen gefunden habe. Meine Lieblingsleiche im Keller äh Kühlschrank. Mein aufmerksamer Zuhörer. Meine Stütze im Alltag.

Entliehen von Schulfreunden führte ich eine ganz simple Essenspolitik ein. Jeder kann essen was da ist, aber Sonderwünsche tierischer Natur müssen selbst gekauft und mitgebracht werden. Zack fertig, Problem gelöst. Dachte ich. Meine Wohnung, mein Kühlschrank, meine Regeln, mein Block, dachte ich. Doch mein Lieblingsphysiker dachte anders.

Eine Übernachtungsroutine stellte sich schnell ein und ich bekam zwei Mitbewohner zum Preis von einem. Der Schinken trat in mein Leben. Wenn der Physiker ging, so blieb jedoch sein Schinken stets bei mir. Mich störte mitanzusehen, wie er wöchentlich den alten aus Prinzip wegwarf und immer mit einer neuen Ration auftauchte und ich sagte ihm, er könne doch meine Frischhaltedöschen benutzen. Kein Tier wird zurückgelassen, dachte ich. Und das Problem des (imaginären) Schinkengeruchs aus Kühlschrank oder Müll wäre somit auch abgeschafft, dachte ich. Ist ja nicht so als wäre ich spontan vollkommen immun gegenüber dem Geruch geworden, nur weil ich meine Ernährung umgestellt habe. Alles also ein wenig wie die Vorstellung einer adretten Prostituierten in einer feschen Lebensgemeinschaft mit einem Mönch. Und der Physiker als ihr Zuhälter. Das würde ich jedoch nie zugeben, schließlich muss ich ja hauptberuflich perfekter Gutmensch sein. So wie Bono, nur in gut.

Die Zeit verging und der Schimmel kam. Eine letzte Meldung meinerseits an den Physiker. Der Schinken gehört eingepackt, denn ich hatte weder Lust ständig Fleisch wegzuwerfen, noch mich generell um ihn zu kümmern. Bin doch nicht seine Mama. Und mag nicht die sein, die mit Konsequenzen droht. Die, die immer nur rummeckert. Es wurde Besserung gelobt, doch plötzlich fand sich neben der Dose eine weitere Packung Schinken. Hatte sich in meinem Kühlschrank eine neue Lebensform erschaffen und vermehrt? 

Nein, der Schimmel kehrte zurück. Trotz Dose. Franzi durfte beide Packungen wegwerfen und war sauer. Ein offizielles Fleischeinfuhrverbot wurde erteilt. Physiker sauer. Es ist ja schließlich nur Schinken (Es ist nicht nur Schinken!) und ich solle mich da nicht so haben. Wo ist das Problem? Es ist ja sein verschwendetes Geld, es sei ja auch kein Weltuntergang und er habe mir ja auch gesagt, ich könne den in der Dose wegwerfen. Ein Gefühl wie auf Arbeit kam in mir auf. Wenn du zum Kaffeemachen degradiert wirst (ausschließlich), obwohl du keinen trinkst. Da war sie wieder, die Schinkenmutti. Ein nicht endender Kreislauf mitsamt klassischem Kommunikationsproblem, denn ich konnte mich natürlich nicht daran erinnern, dass er gesagt hat, ich solle den Schinken eliminieren. Ansonsten hätte ich mich auch an die vergebenen Ohrfeigen erinnert. Ich habe doch keine Lust ständig nach dem Schinken zu schauen. Ob er es bequem hat, wie es ihm geht, was ihn so bewegt. Nee, das ist nicht meine Aufgabe. Auch wenn ich zu Schweinen im Gegensatz zu Schimmel eine positive Einstellung habe. Streicheleinheiten, Zuwendung und Liebe sind bei mir aber immer noch den Lebenden vorbehalten. Auch wenn meine Zimmerpflanzen jetzt resignierend die Köpfe schütteln, es ist so. Wie meine Eltern schon so selbstreflektierend bemerkt haben, man wird immer wunderlicher mit dem Alter. Ich anscheinend schon recht früh.

Doch es ist wirklich viel mehr als Schinken. Wirklich! Der Schinken war durchaus die Spitze des Eisberges einer Kette von Ereignissen und Verhaltensweisen, das gebe ich zu. Das wird geklärt. Das wird aus dem Weg geräumt. Trotzdem war er mein Schinken der Weisen. Mein toter Indikator der über das menschliche Verhalten viel preisgegeben hat. Über deren Moral, deren Alltagsbewältigung und Erziehung. Und dafür liebte ich ihn. Dafür hasste ich ihn. Eine Ambivalenz, kaum zu ertragen und deswegen mit der Öffentlichkeit nun zu teilen. Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid.

Und mir bleibt wenigstens für immer die dazugehörige Tupperdose, die selbst nach mehrmaligem Spülen keinen neutralen Geruch annimmt. Einmal Schinkenmutti, immer Schinkenmutti.

Entscheide dich! Bist du Team Franzi oder Team Schinken?

Erkenntnisse bis Erleuchtungen

22 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Schinken, Schinken, Schinken… In meinem Kopf geistern gerade nur verschimmelte Schinken. Ich muss zugeben, als ich da war, war auch der Schinken da. Der Schinken ist schon da, bevor du dort sein wirst. Ein Hoch auf den Schinken.
    Schinken, Schinken, Schinken ….

  2. Ok, also bei dir wohnen ab und zu Leute? Und die essen dann auch? Und du isst kein Fleisch? Und du magst Physiker? Und Physiker essen den Schinken nicht, den sie anschleppen? Und warum schimmelt bei dir Schinken? Is mir noch nie passiert. o.O

    • Ja, Freunde oder Couchsurfer.
      Ja, seit vorletztem Weihnachten nicht mehr.
      Jein, so was sollte man nicht verallgemeinern. Den Physiker, der mich durch Mathe und Physik gebracht hat, aber schon.
      Nein, dieser hat das jedenfalls nicht korrekt getan.
      Frag den Schinkengeist!

      • Woe to ye oh pork and reek for the devil sends ye slabs with stench, because the fat is running through. Let her who hath understanding reckon the malodorousness of the gammon for she is truly her tupper’s keeper. And she will execute great vengeance upon them with furious anger, who poison and destroy her tuppers; but she shall know that Hamlet is the gammon spirit, when I shall lay my slabs upon her. Ye solved the tupperbox, we came. Now you must come with us, taste our pleasures. Some things have to be endured. And that makes the pleasures so much sweeter! I am the Video Word made Flesh. Cured be!

  3. Die armen Tupperdosen! ;_; Die Seele des grausam vernachlässigten Schinkens wird auf ewig in ihnen weiterspuken! Du solltest einen Exorzismus an ihnen – nein, noch besser, am Physiker durchführen! Vielleicht schleppt er dann keinen *künstliche Donnergeräusche mach* verfluuuuchten *Licht aus und anschalt* Schinken mehr an. Halte ich für einen guten Plan. Bitte um Aufzeichnung der durchgeführten exorzistischen Riten zwecks wissenschaftlicher Analyse seines Blickes. Danke. 😀

    • Ich glaube ich werde das alles unter Drehbuchmaterial verbuchen und einen fiesen Splatterfilm daraus machen. Ich halte dich auf dem laufenden, aber bei dem Fleischeinfuhrverbot bleibe ich jetzt eisern. Auch Pysikier müssen mit Konsequenzen leben.

      Ich wäre schon gerne Exorzist, aber eher so in Ghostbustersmanier.

      • Guter Plan. Wird dann im Rahmen des Media Revolution Sunday sicher begeistert rezipiert werden!
        Ghostbusters wäre sogar mein Alternativvorschlag zum guten alten Exorzismus gewesen. Dachte mir nur da sind die technischen Requisiten so teuer. 😉

  4. Team Schinken! Bella und der Schinken, damit der Mist endlich mal spannend wird… ähm, Moment, falscher Film. XD

    Schinken, der meinen Kühlschrank infiltriert, wird schnell entdeckt und unter Verlust seiner Gliedmaßen solange gefoltert, bis er mir verraten hat, woher er kam und wie ich mehr von seiner Sorte anlocken kann. :mrgreen:

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