Senza Fine: Venedig Part 2

Notiz an mich selbst: Reiseberichte sofort schreiben, ansonsten wird die Rekonstruktion dermaßen erschwert. Wer den Beginn nochmal nachlesen möchte, kann dies gerne hier tun.

Sonntag, 18. Januar

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 Sonntag war unser zweiter Strebertag, an dem wir das Museo Correr, die Biblioteca Marciana, das Museo Archeologico und das jüdische Museum abarbeiteten. In ersterem nahm ich vor diesem Text Platz, freute mich über das Wort „Wunderkammer“ und erzählte Melly feine Anekdoten wie z.B. dass Mike Patton genau hier saß und sich dachte, die Vinylbox aller Alben von Fantômas „Wunderkammer“ zu taufen und alle Tapes für die 5000 Boxen selbst zu überspielen und dabei immer wieder „Wunderkammer“ vor sich hinzusagen. 

 Sehr fasziniert war ich generell von der Umgebung rund um das jüdische Museum, da es sich atmosphärisch und optisch deutlich abhebt. Hätten wir einen längeren Aufenthalt geplant, hätte ich mich mindestens einen Tag dort ausschließlich zum essen, zeichnen und Leute beobachten aufgehalten. Und Melly hätte dabei tausende von Fotos schießen können.

IMG_1045Das war übrigens der Moment, in dem ich Melly ausgelacht habe. Sie hatte nämlich das Taubenfutter der Selfiestickmänner angenommen und hatte erst dann gemerkt, dass Tauben unheimliche Viecher sind. Außerdem musste sie natürlich für das aufgezwungene Futter bezahlen, weswegen sie meinen iPhone-Kreationen mit einer gewissen Passivaggressivität begegnet, die mich immer wieder schadenfroh schmunzeln lässt.

img031Wer hätte gedacht, dass man mit einer Einwegkamera einen so schönen Himmel über der Tamponflasche einfangen kann?

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Und wer hätte gedacht, dass Melly sich einen kleinen Perry kauft und mir einen nie enden Lachkrampf beschert? 

Montag, 19. Januar

Ein weiterer Lachkrampf veränderte mein Leben grundlegend. Ich hatte seit langem kein unvorteilhafteres Bild gesehen, schon gar nicht vom guten Mike. Ich musste einfach mein gesamtes schauspielerisches Talent sammeln und es nachstellen.

img035 - Kopie

Doch der Tag bot auch eine vollkommen neue Erfahrung für mich. Melly bat mich bei der Tagesplanung auch zu schauen, dass eine der zugänglichen Kirchen auf dem Weg lag, da an jenem Tag die Beerdigung ihres Verwandten stattfand. Während sie also für den Verstorbenen eine Kerze anzündete, siegte bei mir die Neugier und ich zündete auch eine Kerze an. Meine erste kirchliche Kerze. Aufregend! Melly fragte mich für wen oder für was ich sie anzündete, worauf ich sie anlächeln musste und meinte, dass bestimmt auch hier doppelt besser halten würde. Ich glaube mein Akt der Solidarität spendete ihr wirklich ein bisschen Trost. Und das ist doch das wichtigste.

Dachte ich jedenfalls bis ich diesen Herr (Monat September) sah:IMG_1146

Wenn der Vatikan einen Calendario Romano herausbringt, mit lauter mehr oder weniger attraktiven Bibeljüngern, dann muss ich Blasphemiker den haben. Im Bad natürlich neben der feministischen Tür. 

Desweiteren konnte ich auch bei dem grünen Ring nicht widerstehen, der auch noch zu einem herrlichen Gespräch mit echten Venezianer führte.

Und was hat Melly in der Zeit getrieben?img038

Die Ausmaße, wenn der kommunistische Laden geöffnet gehabt hätte, möchte man sich nicht vorstellen.img037

Beim Abendbrot habe ich dann Melly bei der Auslebung ihrer Fantasie geholfen. Die Gute hatte ihr Herz nämlich an den Coverboy verloren.

Mir persönlich sieht er zu nett aus. Und zu sehr nach Matt Damon, der wiederum zu nett aussieht. 

Dienstag, 20. Januar

Hier habe ich meine Deutschheit ausgelebt. Na, eine Ahnung, was ich fotografieren wollte?img027

Richtig, die offengelassene Tür. Während der Fahrt, in der Januarkälte! Aber ich sagte mir „Nein Franzi, du bist jetzt nicht so deutsch und stehst auf und machst die Tür selber zu. Nein Franzi, du hasst deutsche Touristen!“ und stattdessen fotografierte ich diese schändliche Tat. Ha!

Ansonsten hatten wir es tatsächlich an unserem letzten Tag geschafft zur Post zugelangen. Jedenfalls zu einer Zeit in der sie offen war. Und auch unseren Running Gag konnten wir noch abarbeiten. Wir hatten es nämlich an keinem Tag pünktlich zu Goldinis Haus geschafft. Ja, ich weiß, der Kerl heißt eigentlich Goldoni, aber es konnte sich einfach nicht in mein Hirn pflanzen. So wie die Rialtobrücke für Melly auf Ewig die Retaldobrücke sein wird. img040

Dies ist übrigens mein Lieblingsbild mit mir als Motiv. Selten sah man so kindliche, ehrliche Freude. Kurz vor der Abreise realisierten wir nämlich, dass sich hinter dem Modegeschäft mit der „White Party“ ein Supermarkt verbirgt. Und auf diesem Foto zeige ich stolz die Grissini und die Kekse, die wir uns von unserem letzten Geld gekauft hatten.

Nachdem wir es nachmittags genau 10 Minuten nach Schließung auf die Friedhofsinsel schafften, entschlossen wir uns zu einem gemütlichen Abschiedsspaziergang ab San Elena. Diesen Zipfel hatten wir die Tage über ziemlich vernachlässigt. Wir sahen einen kleinen Rummel, die verwegene Jugend auf den Spielplätzen und ein sehr schönes Gewächshaus. Und plötzlich fanden wir uns in einem Künstleratelier wieder und durften uns seine Werke anschauen. Es handelte sich um interessante Fotomanipulationen, meist eine historische Fotografie kombiniert mit einer Figur der Popkultur. Er meinte, er könne jedem innerhalb einer halben Stunde beibringen so etwas auch mithilfe eines simplen Smartphones zu kreieren. Ärgerlich, dass wir ihm natürlich im geldlosen Zustand begegneten. Er war zwar sehr von sich eingenommen und seine subversiven Werke (Hitler.) eher enttäuschend, aber es war trotzdem inspirierend. Und die Dämpfe haben, wie man sieht, auch abgefärbt. Möglicher Bandname: Die grillenden Grissinis.IMG_1153

Mittwoch, 21. Januar

Mittwoch war unser Abreisetag, was man sich in etwa so vorstellen könnte:

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Rückblickend fehlen natürlich tausende von Begegnungen und Erlebnisse, aber diese sind ja eh meist eher Dinge, die nur die Beteiligten wirklich verstehen. Ich sage nur „Karpfen, bitch!“ und „Du bist ekelhaft!“. 

Was mich jedoch absolut fasziniert hat, was mir im Leben noch nicht passiert ist, ist die Tatsache, dass wir wirklich bis auf die Duschzeit rund um die Uhr für 7 Tage aufeinanderhockten, es jedoch nie (außerhalb der Hungerzeit) zu Spannungen oder Streitereien gekommen ist. Es war von Anfang an klar, wie wir das Ganze angehen. Und damit haben wir beide, glaube ich, nicht gerechnet, da wir uns streng genommen davor nur flüchtig aus der Schule kannten. Mir scheint ein gemeinsamer Grad an Sinn für unkonventionelle Ideen und Lebensgestaltung verbindet, so dass wir beide die Tage danach Probleme mit der Alltagsbewältigung hatten. Erschwerend kam noch hinzu, dass Melly oder Grützekowski,wie ich sie liebevoll nenne, seit einiger Zeit in Boston als Au Pair arbeitet. Nachdem ich in Berlin also wieder normal schlafen konnte, ohne das Gefühl zu haben, alles schwimme, machte ich mich an die Geldbeschaffung. Und das dank Wohngeldbewilligung sogar erfolgreich, so dass ich nun offiziell verkünden kann: Ich fliege das erste Mal in meinem Leben nach Amerika! 

Einen Tag nach meinem Geburtstag werde ich losfliegen (8. April) und Boston unsicher machen. Und komme, was wolle, ich werde dann das Wochenende nach New York fahren. Außer die Sicherheitskontrollen in Flughäfen laufen exakt so ab, wie ich sie mir vorstelle. Dann bin ich mit meinen neuen, tollen biometrischen Terroristenfotos geliefert. 

Hier noch zwei musikalische Mitbringsel:

http://www.clipfish.de/musikvideos/video/4167036/kutso-elisa/

http://www.clipfish.de/musikvideos/video/4146930/james-bay-hold-back-the-river/

und gratis Postkartenmotive: IMG_1117DSCN7704

Friedl On Tour

14 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ach, übrigens: Ich bin am Samstag beim Blues Pills Konzert in Berlin und bleibe voraussichtlich bis Montag in der Stadt. Falls du also Sonntag oder Montag Zeit hast und den potentiellen Mitreisenden persönlich treffen willst (man kauft ja nicht den Wolf im Sack), find ich da bestimmt irgendwo ne Lücke… 😉

    • Ach, das freut mich ja. Ich denke es wird einiges passieren bei dem Trip. Ich hab mir jetzt zwei Couchsurfer geangelt und bin natürlich furchtbar aufgeregt. Schon allein, weil es noch gar nicht sicher ist, ob Melly mit nach NY kommt oder ich das allein mache, was ein sehr sehr großer Schritt für mich schüchternes Wesen wäre. Und danke für deinen Artikel, so muss ich ihn nicht selbst nochmal suchen.^^

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