Faith No More (+Dubioza Kolektiv) in der Sporthalle Hamburg (23. Juni 2015)

Wisst ihr noch damals Anfang Juni? Damals, wo ich ein perfektes Konzert zu verarbeiten hatte? Wie ein vorbildlicher Junkie, begann ich diesem heiligen Moment nachzujagen. Zwar mit dem Wissen, dass es wohl niemals wieder so magisch sein würde, aber mit der Aussicht den Abschied ein wenig herauszuzögern. Also morgens für 11 Euro nach Hamburg und am nächsten Tag wieder zurück. Zum letzten Deutschlandkonzert. Und ich nahm mir vor bei diesem Auftritt von Faith No More das zu machen, was ich sonst nie mache. Meine letzte Chance um 16 Uhr vor einer Halle zu stehen, auf der Suche nach einer wundervollen Twitterianerin. Meine letzte Chance zu sehen, wie unsere Gruppe aus drei Wartenden langsam größer wurde und alle Augen voller Leidenschaft von dieser verdammten Band sprachen. Vom ersten Konzert. Von der Jugend. Vom Leben mit dieser Sucht. Ich fragte Mira, ob es irgendwann besser wird. Nach über 20 Jahren Pattonismus sah sie jedoch kein Licht am Tunnel der geistigen Genesung für mich. Und doch beruhigend, wenn mir Menschen jenseits des Teenageralters von Recherchearbeit bezüglich Exfrauen etc. berichten und immer noch ein wenig Hoffnung auf die großartige Liebe des Patton haben. Franzi fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft – ungewohnt, aber schön. 

Die Tore öffneten sich eine Zeit später, eine grandiose Vorband begrüßte uns mit Polka-Balkan-Ska-Proll-Rock und wurden dann von Faith No More abgelöst. Wie immer gut, aber eben nicht perfekt. Komplett mit Getränken und Schweiß durchzogen, ging ich trotzdem zufrieden in den kalten hamburger Regen. Doch mit einer gewissen Nervosität, da ich eine Abmachung mit Mira, der personifizierten Fankompetenz, hatte. Meist hatte ich keinen Nerv oder keine Ahnung, wie und wo man auf eine Band wartet. Außerdem will ich niemanden auf die Nerven gehen. Doch dies war das letzte Deutschlandkonzert, also meine letzte Chance verschwitzt, durchnässt, frierend und mit einem riesigen Pickel auf dem Kinn (aber der wasserfeste Eyeliner hielt perfekt!) vor Leuten zu stehen, die etwas erschaffen haben, was mir sehr viel bedeutet. Und so konnten wir kleine, wartende Truppe doch tatsächlich dank einiger magischer Momente von Zeit zu Zeit unsere körperliche Verfassung vergessen.

Zuerst von Roddy erlöst, der nicht nur von Ellis mit meiner Einwegkamera gequält wurde, konnte ich mich danach stolzer Besitzer eines Bottum’schen Gemäldes bezeichnen. Ich hatte nämlich mein Kritzelbuch dabei. So konnte ich meine Tradition fortsetzen, obwohl auf meinen Chucks kein Platz mehr zum Malen vorhanden ist. Dieses herrlich trockene „It’s a wave.“ als Erklärung des Bildes geht mir noch immer nicht aus dem Kopf.

Jon konnte ich aufgrund von Zeitmangel nicht nach einer Zeichnung fragen, aber dafür konnte Ellis eine Flasche Wasser von ihm schnorren. Die steht jetzt natürlich bei mir. Diese berliner Dreistigkeit lohnt sich tatsächlich hin und wieder.

Die Zeit danach verlief äußerst zäh. Ich sah mich die nächsten Tage mit einer heftigen Erkältung im Bett verbringend und versuchte nicht allzu oft an meine Gedanken an die Dusche zu verschwenden, die erst um 10 Uhr in Berlin auf mich wartete. Hoffnungslosigkeit und Euphorie wechselten sich regelmäßig ab, je nach Tropfenstärke und Umbauaktivitäten. 

Doch der gute Billy gesellte sich dann zu uns, gab routiniert Autogramme und versuchte sich bei mir am eigenen Bandlogo. Das Foto, dass von ihm spontan entstand ist am niedlichsten, da er eine fesche Tüte spazieren führt und unglaublich lieb guckt. 

Und dann folgte doch tatsächlich der Moment auf den ich mich nicht vorbereitet hatte. Mike Patton. Im realen Leben. Vor mir. 

Natürlich stürmten alle auf ihn ein und natürlich wurden zuerst die aufdringlichen und lauten mit Aufmerksamkeit bedacht, doch bevor er angewiesen wurde ins Auto zu steigen, konnte ich mich noch ausreichend bemerkbar machen. 

Und dann? 

Ich rieß die Zeichnung aus dem Buch und sagte ihm, dass ich etwas für ihn habe. Dass die Skizze nach dem legendären Berlinkonzert entstanden sei und ich sie ihm gerne im Gegenzug schenken möchte. 

img099Und dann betrachte Mike Patton kurz das Blatt und meinte, er könne das doch nicht nehmen und fragte mich eindringlich, ob ich mir sicher sei. In den ersten Sekunden seiner Reaktion befürchtete ich, dass das vielleicht überheblich gewirkt haben könnte und er es einfach aus Prinzip ablehnt. Doch er wirkte einfach nur wie ein feiner, ehrlicher Mensch. Dann fragte ich ihn noch, ob er nicht auch was in mein Skizzenbuch zeichnen könne, was in ihm sichtlich ein wenig Panik und ein Stammeln über fehlendes Talent hervorbrachte. Und das schönste Strichmännchen der Welt.

11660279_10200709405655611_1973032717_oDanach wurden die Mitarbeiter unruhig und sie bewegten sich gen Auto. Doch bevor Mike Patton ging, fragte er mich erneut, ob er das Bild wirklich mitnehmen dürfe.

Das war der perfekte Moment im Leben eines Franzis. Diese eine Frage.

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals wieder so geehrt fühlen werde. Mike Patton hat eine Zeichnung von mir. Es ist mir egal, was er damit machen wird und ich werde wohl nie erfahren, was er sich im Auto beim näheren Betrachten dachte, aber er besitzt einen Teil von mir.

Und nein, auch dies ist nicht das Ende einer surrealen Woche.

I love your friends, they're all so arty, oh yeah! Musik

14 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. O wie geil! Wie absolut geil! Das dürfte der beste Konzertabschluss überhaupt gewesen sein.
    Irgendwie cool, wie so ein abgedrehtes Bühnenimage danach doch gänzlich anders sein kann. Freut mich riesig für dich! Mensch, das kann ich mir gerad so richtig schön bildlich vorstellen. Da bin ich ja selbst ganz aus dem Häuschen! 🙂
    Jaa… die Welle erkennt man… mit viel Fantasie. Ja… doch.
    (Und was ist nun das nächste Ziel Patton’schen Franziuniversum? :P)

    • Ich sage dir, morgen oder übermorgen (je nachdem wann ich es schaffe), wirst du beim dritten Teil meiner vierteiligen Konzertodyssee für die Woche nochmal ungläubig mit dem Kopf schütteln.

      Das ganze ist wirklich das perfekte Mittel gegen depressive Verstimmungen. Franzi, entspann dich, alles wird gut. Mike Patton hat ein Bild von dir.

  2. Das klingt echt wunderbar verrückt, unaushaltbar hin und hergerissen und ein perfekter Moment in der Fan-Karriere. Ehrlich gesagt bin ich ein wenig neidisch. Nicht wegen Faith No More, sondern wegen deiner Entscheidung. Ich selber wage mich nie, oder viel zu selten, an die Künstler ran. Ein Schwatz am Merchandise-Stand ist Standard, aber oft bewegt sich das nicht über „super Konzert dank, und ich nehm diese Platte hier“ hinaus. Autogramme sammle ich nicht, lieber sind meine Erinnerungen im Kopf. Aber das Kritzelbuch mitzunehmen, die Künstler damit in deine eigene Position zu setzen und den Spiess komplett umzudrehen, grossartig.
    Eigentlich muss ich es auch versuchen, im Herbst bei U2. Und zuvor bei vielen anderen. Doch ob ich die Geduld für das Ausharren aufbringen kann?

    • Ich kann dich so gut nachvollziehen. Bin da normalerweise auch so. Da kann ich dir nur empfehlen auf Twitter oder anderen Netzwerken nach coolen Menschen mit Plan Ausschau zu halten. So hatte ich das ja auch gemacht. Einfach früh da sein, nett plaudern und dich an den routiniertesten Fan hängen. Ich muss gestehen, trotz meiner Bonophobie hätte ich auch Bock sie live zu sehen. Aber nur wenn sie „I Will Follow“ spielen. Ich weiß nicht, ob du bei einer so riesigen Location Glück hast. Mhmm…Probiere es doch einfach mal aus.
      Das mit der Geduld ist auch immer mein Problem, aber sich dir einfach jemanden zum quatschen und dann verfliegt die Zeit im Flug. Wie teuer war die Karte für U2?

  3. Da schwebst Du als Fan 3 Meter über dem Boden. Sehr fein! Ich sag nur John Cale, letzten Sonntag in der Pinakothek, ich hab heute noch Gänsehaut ;-))))

  4. Ich kann deine Begeisterung für Faith No More durchaus nachvollziehen, ich habe sie vor ein paar Wochen zum ersten Mal auf der Bühne gesehen und war ebenfalls komplett begeistert! Bei ihrem nächsten Konzert in der Nähe bin ich auf jeden Fall wieder dabei!
    Auch dass du die Band getroffen hast ist großartig, Mike Patton finde ich besonders interessant, er ist so ein talentierter Künstler – und schlecht sieht er ja auch nicht gerade aus 😉

    lg
    Volume Injection – Live loud!

    • Ach, das freut mich. Wo hast du sie denn live bestaunen können?
      Ahaha, ja ja, der Patton. Bei ihm ist der Kontrast zwischen Bühnenperson und Privatperson sehr spannend. Mit seiner Brille und Alltagsklamotten wirkt er echt erschreckend normal. Und so klein. Ich würde ihn natürlich trotzdem sofort heiraten. Aber das wollen ja eh alle. 😊

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