Das Konzert, von dem ich noch meinen Kindern und Kindeskindern erzählen werde (24. Juni 2015)

Routerlos wurde ich leider eine Weile aus dem Verkehr gezogen, doch nun kann meine Odyssee der schönsten, surrealsten Konzertwoche weitergehen. Benebelt durch Primusverzaubert von den Zeichenkünsten von Faith No More, erfuhr ich erst vor Ort (Hamburg) von kompetenteren Jüngern, dass die Herren am folgenden Tag einen kleinen, feinen Überraschungsgig spielen. Wo? In Berlin. Meinem Berlin.

Anmelden konnte man sich auf der Seite von Arte Live nicht mehr und uns blieben nur noch die Gewinnspiele vom Rolling Stone und der Visions, die ich prompt an alle möglichen Hoffnungsträger verschickte. Das machte mich alles ganz schön panisch. Die Tragik, allein zuhause zu sitzen, während in einem idyllischen, intimen Gayclub Faith No More spielen, wäre einfach nicht tragbar gewesen. Doch dann wurden diese Gedanken in der Nacht vertrieben, denn ich traf die Herren oder wichtiger DEN EINEN und lebe seitdem eh durch den hohen Adrenalinspiegel auf einem anderen Planeten.

Ich meine, ich habe die gute Leah gegen 2 Uhr dann noch angerufen, um das Ganze zu verarbeiten und um ihr mitzuteilen, dass ihre Mission („Das wäre so lustig, wenn du ihm die Skizze schenken würdest.“) erfüllt wurde. Sie klnag ziemlich verschlafen und meinte ich solle mich kurz fassen, da sie in ein paar Stunden zur D-Pop müsse, aber sobald ich das Thema offenbarte, klang sie hellwach und bombardierte mich mit Fragen. Freunde, die Euphorie teilen können, sind also absolut der Anschaffung wert. Am Ende des Gesprächs versprach sie mir sofort bei den Gewinnspielen teilzunehmen. Und dann mussten wir wieder aufgrund der Absurdität der Konversation lachen. Zweimal Faith No More erleben in zwei Tagen. Das wäre einfach surreal.

Gegen 11 Uhr kam ich dann stinkend und frierend in meiner Wohnung in Berlin an. Ich hörte brav Star FM, versuchte telefonisch mein Glück, bettelte Roddy auf Twitter an und versank nach einer überfälligen Dusche in eine Art Schockschlaf. Waren wohl einfach zu viele Emotionen in den letzten Stunden. 14 Uhr klingelte mein Wecker und ich öffnete hektisch mein Postfach.

5665Das war der theistischste Moment meines Lebens. Ich verdammtes Glücksschweinchen. Das glaubt mir doch wieder kein Mensch. Devise: Erst einmal Leah anrufen. Darin hatte ich den Tag ja bereits Übung. 

Leah: Hallo?

Franzi: Hi, ich wollte dich kurz was fragen.

Leah: Okay.

Franzi: Hättest du heute eventuell Zeit?

Leah: Nee, ich fahre gleich zu meiner Prüfung und danach gleich weiter zu… (Stille.) Warte, hast du gewonnen?

Franzi: (manisches Lachen, übergehend zu einem Quieken) Ja.

Und so trafen sich ein prüfungsgestähltes Leah und ein dauerkopfschüttelndes Franzi und gingen ins SchwuZ. Vorbei an der langen Schlange eventueller Zuschauer in die VIP-Riege, zur Garderobe und vor die Bühne. Da es sich um einen Fersehmitschnitt handelte, hatte ich eher nicht den Drang in der ersten Reihe zu stehen, aber es war trotzdem erschreckend nah. Ich meine, die Herren haben wahrscheinlich das letzte Mal vor vielleicht 200 Hanseln in den 80ern gespielt. Wir standen da, warteten und wussten, dass wir Teil von etwas legendärem waren. Die Atmosphäre war familiär. Der Fotograf vor uns entschuldigte sich für seine Existenz und versicherte, dass er sich nach ein, zwei Liedern verkrümeln würde. Der Portugiese (Wir sind uns nicht sicher.) daneben, der einen Kopf kleiner als ich war, fragte besorgt, ob ich ausreichend sehe und die Liebe aller konnte sich zum Soundtrack von „Hair“ im gesamten Raum ausbreiten.

20:15 Uhr: Es begann. Entspannt kamen die Herren auf die Bühne. Mike wirkte anfangs etwas verwirrt. Er hatte nicht viel Platz, um sich auszutoben und es hatte den Anschein, als hätte sich unser kleiner Cutie Pie (Das wollte ich schon immer mal schreiben.) eine Erkältung geholt und war deswegen ein wenig neben der Spur. Wie der Roadie ihm die Brille noch absetzte, könnte man fast als rührend bezeichnen. Dann bestätigte sich meine Vermutung, als sie das Set mit dem Titeltrack „Sol Invictus“ begannen. Sie würden das gesamte Album spielen und ich somit endlich in den Genuss von „Cone of Shame“ kommen. Lebensziel also erreicht.

Was gibt es noch zu sagen?

Meine Befürchtungen, die ich immer habe, wenn offiziell bekannt ist, dass ein Konzert mitgeschnitten wird, waren absolut unbegründet. Keine unterkühlte (VIP-)Masse, die sich selbst vor der Kamera inszenieren muss, sondern lauter leidenschaftlich mitsingende Menschen, die auch gleich zum zweiten Song „Superhero“ gebührend abgegangen sind. Was verständlich ist, denn hier haben wir es schließlich mit Musikern zu tun, die wirklich alles von Swing, Metal bis Funk beherrschen und selbst Werbejingles oder „Niggas in Paris“ authentisch und wohlklingend darbieten können. Oder wie in letzten Tagen zu beobachten, auch die guten Foo Fighters.

Machen wir uns jedoch nichts vor. Zwar war „Cone of Shame“ von der ersten Minute an mein Lieblingslied auf dem neuen Album, live hingegen entwicklete sich „Black Friday“ zu meinem persönlichen Höhepunkt. Früher noch persönlicher Rüger des Tamburins und seiner Besitzer, geht nun mein Herz und meine Hose auf, wenn der Patton zu diesem Instrument greift. So scheint es nur mir zu gehen, da ich definitiv zu dem Zeitpunkt mein Dasein als Ein-Mensch-Moshpit fristete. Das wird ja vielleicht lustig aussehen bei der Ausstrahlung auf Arte. Wenn ihr also eine einzelne Person mit roten Haaren, rotem Lippenstift, herumwirbelnd und hüpfend seht, dann wisst ihr Bescheid.

Was ich allerdings immer noch nicht nachvollziehen kann, ist die allgemeine Begeisterung für „Matador“. Auch Leah war dem Song nach dem Konzert verfallen. Für mich zu lang und schwerfällig, aber live trotzdem immer eine Bereicherung. Wie eigentlich jeder Song dieser Band.

So spielten Faith No More das beste Albums des Jahres, schauten sich verschmitzt an und schenkten uns zum Abschluss noch „Caffeine“, „Midlife Crisis (ganz ohne funky Zwischenteil, was ungewohnt war)“ und als goldener Abschluss „I Started A Joke“. Dass Leah und ich uns irgendwann zu einem Lied der Bee Gees in den Armen liegen, hätten wir auch nicht gedacht. Perfekte, platonische Romantik und ein perfekter Abschiedsmoment für mich. Eine Sucht, die 2014 in London begann, kann nach vier weiteren Konzerten dieser Band langsam ausklingen.

Und ich könnte damit leben, wenn sie entscheiden sollten, sich nach diesem glorreichen, unübertrefbaren Comeback zu verabschieden. Ich könnte damit leben.

Wenn sie wenigstens alle 5 Jahre auf einer Bühne zu bewundern sind. 

Und da mir das Glück anscheinend hold ist, möchte ich bitte auch höchstens ein Jahr auf ein anderes Pattonprojekt warten müssen. Ich glaube an Wunder (Im Namen des Patton, des Patton und des heiligen Patton.), also gebet mir bitte 2016 oder 2017 Fantômas, Tomahawk oder Mondo Cane live. Und da ich mich gerade so erleuchtet fühle, probiere ich es einfach: Ich schwöre, wenn es zu einer Reunion von Mr. Bungle kommt, dann werde ich NIEMALS mehr blasphemische Äußerungen tätigen und die Existenz eines allmächtigen Wesens anerkennen. Versprochen. Ich würde mich dann aber gerne als Messias bezeichnen wollen. Franzi – der musikalische Heiland.

Der Mitschnitt wird im übrigen am 14. November um 23:55 Uhr auf Arte zu bestaunen sein. Ich erwarte, dass ihr alle an dem Tag frei nehmt und mit Freunden und Familie lautstark euch, Franzi und Mike und Roddy, Billy, Puff und Jon zelebriert.

Und zum Abschluss mein persönliches Highlight der letzten Tage. Patton und der Poncho:

Mike Patton sings with a plastic poncho over his head. Don't do this at home, kids! #tb15 #faithnomore

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Musik

12 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Du elende Glücksau! 😀 😀 😀
    Ja, das lässt sich natürlich nur sehr schwer toppen. Ist ja schon unheimlich, wie hoch deine FNM-Konzertdosis derzeit liegt. Hast für die nächsten paar Jahre also definitiv ausgesorgt. ^^

    • Ich möchte jetzt bitte immer so von dir angesprochen werden. 😂
      Ja, ist schon bedenklich, oder? Selbst Die Ärzte habe ich nicht so oft gesehen. Okay, das war eine Lüge. Aber da war ich seit der Geräuschtour immer dabei. Und nicht bloß ein Jahr unterwegs. 😂

      • Lässt sich einrichten, Madame Glückssau. 😛
        Gut, bei DÄ war ich bei der letzten richtigen Tour auch innerhalb zwei Wochen auf drei Konzerten… Also von daher… bist du nicht ganz so verrückt, wie es manchmal den Anschein hat. 😀

  2. Das ist ja richtig geil! 😀 Glückwunsch, dass du das so genießen konntest 🙂

    Hach, aber das macht mich neidisch 😦 Ich will auch wieder auf ein Konzert, aber meine Bands spielen hier einfach nicht :/

  3. Wahnsinn, da standen wohl alle Planeten, Sterne und Galaxien im richtigen Winkel zueinenader! 😮 😀
    So ein Glück aber auch, und ich werd im November mal reinschauen und dann rufen: „Die kenn ich!“ :mrgreen:

  4. Einfach unglaublich! 😀 Du solltest den Bericht einlaminieren, so zumimmer mitnehmen und Enkeln unter die Nase halten. Natürlich mit einem ganz großen Foto von dem einen Kampf mit dem Poncho dazu 😀

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