Rock im Revier 2015 (Part 2)

Für den zweiten Tag des Festivals verlange ich bitte einen Orden für besondere Leistungen des Rock’n’Rolls. Ellis attestierte mir jedenfalls Eier aus Stahl. 

Wie immer folgte auf die paar Stunden Schlaf ein schönes ausgedehntes Frühstück. Ich philosophierte über die Leute, die hinter uns zelteten, die mich mit wahrlich seltsamen Gesprächen weckten. Mein Lachen hatte sie allerdings etwas verunsichert. Entspanntes Völkchen, doch habe ich ihnen eine Nacht voller Böhse-Onkelz-Lieder zu verdanken.  Zuvor, aufgrund der richtigen Erziehung nie gehört, habe ich nun sogar einen Grund mehr diese Band abzulehnen. Die Musik ist wirklich ein Grauen. Stumpf, stupide bis lächerlich mit einem Hauch Fremdscham. Und dann die Texte. Ich lag die Nacht teilweise kopfschüttelnd im Zelt und schämte mich meiner Herkunft. Dann lieber echte Emotionen wie bei anderen noch entfernteren Campianern, die im Stundentakt von mir wissen wollten, was Liebe ist. 

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Da lässt man einmal die Kamera unbeaufsichtigt.

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Unsere Chefin. Jedenfalls in diesem Moment.

Kurz darauf machten wir uns fertig, da um 13:20 Uhr die Arcane Roots spielten. Diese sind eine der Lieblingsbands von Leah und Keshia, weswegen wir alle ihnen natürlich eine Chance gaben. Leider begann es auf dem Weg unerbittlich zu schütten, so dass alle schnell zurück zum Zelt liefen, um sich von der Kleidung her anzupassen. Ich ging währenddessen auf Toilette. Ich ziehe doch kein Regencape auf einem Festival an. Und ja, es regnete sogar ins Klo hinein. Und ja, ich war schon auf dem Weg zum Shuttle Bus komplett durchweicht. Das Problem war nach der Fahrt im warmen Bus, dass es draußen immer noch tropfte und vor allem der Wind einen erfrieren ließ. Doch wie ihr seht, habe ich es überlebt.

122Für die Arcane Roots stand ich das erste Mal vor der Boom Stage, die mir irgendwie größer als die Big Stage vorkam. Es fanden sich sogar schon einige Menschen in lustigen Ganzkörperanzügen für Babymetal an. Die Band spielte solide, wobei ich den Sound eher als eigenartige Suppe wahrnahm und hat sich sichtlich über uns paar Hanseln gefreut. Warmen Tee oder eine Decke haben sie trotzdem nicht zu uns geworfen.

Danach trennten sich die Wege von mir und Ellis und Leah, Lene und Keshia. Die Damen beschlossen zurück zum Zelt zu gehen, während ich darauf bestand zur Big Stage zu gehen. Ich erhoffte mir warme, stickige Luft zum gemächlich trocknen. Außerdem bin ich ja für die Musik hier. Und ein Festival ohne musikalischen Überraschungen ist kein gutes Festival. Leider wurde ich meiner Illusion beraubt, denn es war genauso kalt und windig im Stadion. Also hieß es in Bewegung bleiben und den einzigen Vorteil des Settings ausnutzen: Die Toiletten ganz oben. Dort konnte ich meine Kleidung ein wenig auswringen und mit Papiertüchern trocknen. Wo ist ein verdammter Händetrockner, wenn man ihn mal braucht?

Es half nur ein wenig, aber das war mir in dem Moment dann auch egal. Sobald Musik lief, konnte ich einfach ausblenden, dass ich nass und durchgefroren war und womöglich zuhause erst einmal eine fette Erkältung bekommen und letztendlich sterben würde (Was nicht eintraf. Ha! Gerechtigkeit!).

Wir schauten uns eine Band namens Orchid an, die uns sehr amüsierte. Die Band versuchte mit jedem Millimeter ihrer 70er-Jahre-Kleidung und -Dekoration Black Sabbath zu sein. Absolut lächerlich. Außer man möchte eine Coverband sein.

Danach folgte unser besagter Überraschungsmoment. Kurz nach Beginn sind wir wieder vor die Bühne und das erste, was wir sahen, war der Schlagzeuger, der sich mit einem Drumstick in der Nase bohrte. Er hatte irgendwie eine kinski’sche Aura. Auch die anderen beiden Bandmitglieder zogen einen sofort in den Bann. Da wir beide keinen Plan mit uns trugen, wussten wir auch gar nicht wen wir hier gerade beim Ausrasten zuschauten. Wir wussten nur, dass wir die Herren unbedingt noch einmal live erleben müssen. Sie waren die einzige Band, die es nachmittags geschafft hatten, alle in Bewegung zu bringen. Und der Sänger hatte einen feschen Anzug und Glitzerschühchen an. Mein Herz hatten sie also nach 3 Sekunden.

Zu Babymetal trafen wir wieder auf die anderen, die netterweise einen Plan dabei hatten. Da war ich ganz schön geschockt, als ich las, dass wir gerade Triggerfinger bei der Arbeit zugesehen hatten. Ich kannte von denen nämlich nur diese Coverversion von „I Follow Rivers“, die ich genauso wie das Original nicht mochte. 

Und dann standen wir vor diesen süßen, disziplinierten Mädchen aus Japan. Ich zum zweiten, die anderen zum ersten Mal. Kindergeburtstagsstimmung hoch 10. Lene und Keshia wirkten ein wenig verstört, Ellis verliebt und Leah transformierte sich zum niedllichen Schulmädchen. Zu meiner Linken stand ein Anime-Mädchen, perfekt zurechtgemacht mit sehr hohen Plateauschuhen, die es aber nicht daran hinderten voller Passion mitzutanzen. Ich war ein Fan. Ihre Eltern hinter ihr dem Anschein nach auch. Zu meiner Rechten hingegen galoppierten im kleinen Kreise ein paar Jungspunde voller Freude. Der Rest war ebenso amüsiert bis fasziniert. Einzig die überall verteilten zwielichtigen Typen, die meist schon in die Jahre gekommen waren und durch ihre unheimlichen, lüsternen Blicke zu erkennen waren, waren mir suspekt. Da habe ich mit unserer jugendverherrlichenden Gesellschaft dann wieder einmal ein Problem.  

Nach Babymetal eilten wir zurück in die Arena. The Hives hatten schon begonnen zu spielen, doch wir waren noch oben, weil wir alle auf Toilette mussten. Ich konnte hören wie sie „Take Back The Toys“ spielten und stimmte mit ein. Als wir uns alle dann wiedertrafen wurde ich panisch. Zwar hatte ich The Hives schon live bewundern dürfen, doch erklang just in dem Moment „Walk Idiot Walk“. MEIN Song. Es folgte die größte sportliche Leistung meines Lebens. Ich rannte zu dem Eingang der in den unteren Bereich des Stadions führte, vorbei an den Sicherheitsleuten, eine elendig lange Treppe hinunter (dabei sehr laut den Text grölend), um dann bis nach vorne zur nächsten Sicherheitskontrolle zu sprinten (Hatte ich  schon erwähnt, dass ich die ganze Zeit am singen war?), mich dann durch die Masse kämpfte (singend), um glückselig vorne in der Mitte diese Band zu preisen. Und das innerhalb der Hälfte des Songs, der im übrigen 3:31 Minuten lang ist.  

Leider wurde bei diesem schönen Beispiel der Bühnenpräsenz des Pelle Almqvist der schönste Teil herausgeschnitten. Es gab tatsächlich jemanden, der sich weigerte, auch niederzuknien und, wie der gute Pelle ihn bezirzte, war schlicht und ergreifend legendär. Diese Band schafft es nämlich zu jeder Uhrzeit, jede Truppe zu unterhalten. Ich wage sogar zu behaupten, dass sie den gemeinen Metallica-Anhänger wenigstens zum rhythmischen Kopfnicken bringen könnten. 

Jedenfalls wurden nach dieser Erfahrung und der jahrelangen Beschallung meinerseits Lene und Leah endlich auch Gläubige. Plan hat also funktioniert, so dass wir uns alle beim Pure & Crafted Festival wiedersehen werden, um die schwedische Musikkultur zu ehren.

Körperlich fertig mit der Welt, kamen mir Incubus sehr entgegen. Eine Band mit mit Wohnzimmeratmosphäre. Der Teppich wurde ausgerollt, das Foto der glücklichen Familie des Drummers neben das Schlagzeug platziert und die lustigen Muster des Windows Media Player hinter die Band projiziert. Und dann kam unser aller geistiger Führer Jesus äh Brandon auf die Bühne und begann das Konzert gleich mit „Wish You Were Here“, „Anna Molly“ und später „Are You In?“.

Die perfekte Musik, um sich selbst mal eine ehrliche, liebevolle Umarmung zu spendieren. Oder wie ich, nach den wichtigsten Lieder zu gehen, um eine Sünde zu begehen. Ich hatte nämlich ein inneres, peinliches Verlangen eine Band live zu sehen, die der Inbegriff der Douchebagness schlechthin ist. Ich wollte aber nicht allein für diese Band Geld ausgeben, also nutzte ich die Gelegenheit um vom Kuschelextrem ins Stay-Away-Motherfucker-Extrem zu wechseln. Hiermit ist es offiziell, ich habe Limp Bizkit live gesehen. Und seitdem denke ich oft über diese Band nach. 

Gewisse Dinge, die ich erwartete, hatten sich bestätigt, doch einiges bringt mich bis heute um den Schlaf. Sind Limp Bizkit vielleicht doch eine Undercover-Avantgardegruppe, die sich über ihr Publikum, dass optisch in den späten 90ern hängen geblieben ist, durch gnadenlose Imitation lustig macht? Wollen sie damit auf die weltweit grassierende Dummheit aufmerksam machen? Die Nebenwirkungen von falschherum aufgesetzten Basecaps, Hoodies, kurzen Hosen und langgezogenen weißen Socken mitsamt Sportschuhen? Leider sind wir nicht mehr vor den ersten Wellenbrecher gekommen, aber auch kurz dahinter in der Mitte war die bloße Existenz schon ein Garant dafür, wie ein Flummi durch die Gegend zu schießen. Wogegen ich nichts habe, wenn die heiligen Regeln des Pogens eingehalten werden und ich nicht zur Dampframme umfunktioniert werde. Ich musste ja unbedingt „Break Stuff“ einmal im Leben live hören. 

Und ja, eigentlich war der Plan Wes solange mit bösen Blicken zu strafen, bis er plötzlich das Verlangen in sich spürt nie wieder zu Limp Bizkit zurückzukehren, um stattdessen wieder etwas mit Black Light Burns herauszubringen. Doch leider war es innerhalb von Sekunden um mich geschehen. Das Make-Up, der Mantel, die feschen Strumpfhalter- Franzi hatte ihren ultimativen Festivalcrush. Ich ärgerte mich sehr als er mitsamt seinem gestreiften Unterhöschen in die Massen sprang, war aber zeitgleich angewidert von den Damen hinter mir, die ganz aufgeregt wurden, sobald Fred Durst seinen Bart außerhalb der Bühne mit Millionen Leibwächtern spazieren trug. 

Wir hatten großen Spaß daran, die Band und die Fans zu analysieren. Doch wir stehen bis heute vor einem ungelösten Rätsel. Sie streuten bescheuerte DJ-Einlagen (Ich kann 50 Cent’s „In Da Club“ mitsingen. ) und Coverversionen (Ich habe „Smells Like Teen Spirit“ live erlebt. Und ich schäme mich dafür.) ein, aber es amüsierte mich zu sehen, wie die zahlreichen Krawallianer zu „Faith“ von George Michael feierten. Und auch diesen Abgang fand ich durchaus sympathisch: 

Und dann sehe ich wieder das Gesicht von Fred Durst vor meinem inneren Auge und mein Douchebag-O-Meter steigt ins Unermessliche.

So nehme ich die Ungewissheit hin und ergebe mich meinem Schicksal.

Letzte Station des Tages waren Muse. Auch hier mussten wir leider hinter dem ersten Wellenbrecher Platz nehmen, was mir persönlich mindestens 50 Prozent der Atmosphäre geraubt hat. Sie sind mir leider zu viel Stadionrockband, als dass ich mich damit verbunden fühlen könnte. Die Lichteffekte, die Grafiken und Ballons hätten sicherlich einen massiveren Effekt auf mich gehabt, wenn ich vorne in der Masse als Teil eines Ganzen gestanden hätte und irgendwie eine Beziehung zur Band hätte aufbauen können. Wobei das auch an der Band liegt, die mir zu perfekt, verkopft auf der Bühne ist. Das ist aber Geschmackssache. Im Kino ergab die Übertragung eines Muse-Spektakels irgendwie mehr Sinn. Doch die dreiköpfige Familie vor und neben mir war goldig. Das Mädchen aufgedreht, alle Texte beherrschend, dahinter die verhaltene Mutter und neben ihr der Vater. Dieser hüpfte von Zeit zu Zeit im Einklang mit seiner Tochter und war sichtlich glücklich, weil sie glücklich war. Da war ich dann auch glücklich. Doch machte sich leider primär körperlich bemerkbar, wie ausgelaugt ich nach dem Tag war, so dass ich diesen Abschluss des Tages bis heute eher mit dem dringenden Wunsch zu sitzen und zu essen verbinde.

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Das Häufchen Elend auf dem Boden ist ein Teil meiner teuren, veganen Kokos-Kartoffelsuppe, die ich Feinschmecker und Gaskocherexperte galant ins Gras beförderte. Der traurigste Moment eines hungrigen Franzis in ihrem ganzen Leben. Waren wahrscheinlich die Nachwirkungen des Konzerts von Limp Bizkit.

to be continued…

Und wer wissen will, wie die Reise begann: Part 1

Musik

2 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Wahrscheinlich komme ich nie darüber hinweg, dass es solch eine Band wie BABYMETAL tatsächlich gibt. Total drollig. 😀
    Und zu Limp Bizkit… Ich schätze man entwächst dieser Band extrem schnell. Früher fand ich sie nicht schlecht, aber heute. Puh. Die stecken mir zu sehr in der Vergangenheit fest.

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