Rock im Revier (Part 3)

Ach ja, der Sonntag… da hat man sich einen ruhigen Abschluss gegönnt. Vollkommen in der Festivalroutine, widmete man sich seinem ritualisierten Frühstück, ging danach im Fledermauskostüm Zähne putzen und tauschte sich über das Glitzer von gestern aus, was den Weg in wirklich jeden Winkel des Körpers gefunden hatte. Wir haben es wirklich ruhig angehen lassen. War ja auch der einzige Tag, wo kein Hardcorefan unter uns befriedigt werden musste. So machten wir uns gemächlich gegen Nachmittag auf die Socken.

img081Ellis kann seine Begeisterung kaum verbergen.

img082Lene auch nicht. Nur das Glitzer an ihren Augen tanzt fröhlich zu meinem Festivalmix.img083

Meine Schuhe, meine Kopfhörer, mein Rucksack, mein Zelt. Okay, street credibility hin oder her, letzteres gehört mir nicht.

Doch nun zur Musik. Angekommen waren wir noch zu den Tönen von Hellyeah. Das Dargebotene klang allerdings so furchtbar, dass wir uns Zeit ließen zur großen Bühne zu gelangen. Leah, Lene und Keshia gingen eh zur Boom Stage, aber ich hatte nach meinem Regentag zuvor wirklich genug von Nässe und Kälte und blieb aus Faulheit vor der Big Stage.  Obwohl ich eigentlich The Darkness sehen wollte. Darüber ärgere ich mich bis heute ein bisschen. Doch ich blieb standhaft, irgendwann mit der Begründung, dass ich Kiss und Judas Priest so nah wie möglich erleben möchte, wenn sich die Chance schon bietet.122

 

So erlebten wir als erste Band des Tages Accept, die perfekt an den ersten Tag anknüpften. Die Kuttenträger waren wieder da, die Musik treibend mit einem Hauch Homoerotik. Wie eigentlich immer bei den ganz harten Bands. Ich fand es höchst amüsant.

Danach füllte sich die Veranstaltungsstätte mit sehr vielen männlichen Wesen, die sich in kurzen Hosen, weißen Socken, Turnschuhen und Basecap uniformierten, meist dämliche Bärte trugen und wohl vom gestrigen Limp-Bizkit-Douchebag-Of-The-Year-Wettbewerb übrig geblieben waren.  Und auch ein Mensch mit Faith-No-More-Shirt fand seinen Weg zur Bühne.  Und zu uns nachdem ich wild gestikulierte, dass ich sein Oberteil mag. Nach einem kollektiven Auskotzen über Fans von Metallica, machten sich die Fans von Five Finger Death Punch bemerkbar, in dem sie den Bandnamen brüllten. Mit dem schönsten, deutschen „th“ der Welt. Und das penetrant wie eine Sirene, so dass wir aus Trotz uns dem Niveau anpassten und beim „Dääääässssssss Pantsch“ mit einstimmten und in den Pausen immer fragten, welche Band denn jetzt spiele. Gekrönt wurde mein Eindruck dieser eher minderbemittelten Schar, als aus irgendwelchen Gründen (Entweder ging es um Stehplatzanspruch, Langeweile oder die Band schaute/warf etwas in den Bereich.) ein älterer Herr auf sehr unfeine Art eine zierliche junge Frau schlug, um an sein Ziel zu gelangen und ich mich schon auf meine erste Prügelei einstellte, was in mir doch eher Unbehagen auslöste. Doch der Freund der Dame konnte glücklicherweise beruhigt werden, so dass es nicht eskalierte. Trotzdem war die Stimmung weiterhin angespannt. Da haben auch keine Nein-es-liegt-an-mir-nicht-an-dir-du-bist-aber-trotzdem-scheiße-Balladen geholfen. Und auch nicht der Schlagzeuger, der Quoten-Wes-Borland. Leider habe ich meinen Ohrwurm des Konzerts nicht gefunden. Er beinhaltete der den romantischen Refrain „Burn Motherfucker Burn!“ und hat mich zutiefst bewegt. Bis heute.

Danach waren wir als Grüppchen wieder vollständig und ungefähr in der dritten Reihe auf der rechten Seite der Bühne vorzufinden. Die Bühne ließ auf eine große Show schließen und wir waren sehr gespannt, wie sich diese Größe des Heavy Metals wohl live so machen würde. Das Urteil fiel eher zwiespältig aus. Leider. Egal, ob auf einem Motorrad in Lack und Leder oder beim Gang hinter einen ominösen Vorhang nach jedem Song, bei jeder Bewegung von Rob Halford hatte ich Angst, er würde uns live wegsterben. Es fiel mir schwer das mitanzuschauen, weil ich verstehen kann, dass sie versuchen ihre Fans glücklich zu machen, aber auf der anderen Seite war das unerträglich peinlich. Ich dachte die ganze Zeit über die Kunst des würdevollen Alterns nach. Wenigstens durfte ich einmal im Leben zu „Breaking The Law“ abgehen.

Da hatten wir ganz schöne Angst, dass wir danach nochmals mit nicht älter werden wollenden Musikern konfrontiert werden. Doch die Kiss Army, die uns umschloß, machte uns Mut. Ich wusste, die Herren werden eine große Show abziehen, doch ich als Befürworter für kleinere, intimere Konzerte hatte meine Bedenken, ob ich mit unpersönlichem Stadion-Puff-Paff-Bumm etwas anfangen können würde. Doch schon nach einigen Sekunden von „Detroit Rock City“ war ich wahrlich überzeugt. Spätestens nach meinem Liebling „I Love It Loud“ wollte ich zur Kiss Army konvertieren. Ich habe ja schon einiges auf der Bühne gesehen, aber beim Anblick von Kiss ergab plötzlich die Welt Sinn. Ich konnte sofort nachempfinden und verstehen, warum so viele Künstler, die ich verehre, in diese Band vernarrt sind. Hätte ich dieses Erlebnis in der Kindheit erlebt, dann wäre sicherlich jetzt auch bei mir vieles anders gekommen.

Und das Schöne war, dass es Lene, Leah, Ellis und Keshia genauso erging. Selig standen wir danach eingehüllt in Konfetti mit unseren Plektren(Ich habe eins von Gene Simmons. Keshia wollte ihres von Paul Stanley einfach nicht eintauschen. ), die zuhauf ins Publikum geschossen wurden, mit strahlenden Augen und gaben allesamt bekannt: Das war der beste Auftritt des ganzen Festivals. Wer hätte das gedacht.

Die Abreise am Montag war nicht sonderlich spektakulär. Alle waren ein wenig müde und freuten sich auf die Aussicht auf ein feines, ganz normales Bett. Und Hunger machte allesamt zu eher empfindlicheren Geschöpfen.

img084Man sieht, ich mache mich nützlich und schieße die letzten Fotos.

img094Und in der Bahn widmete ich mich erneut meinem Festivalcrush.

Abschließend kann ich nur sagen, dass sich mein persönliches Motto wieder bestätigt hat. Es ist vollkommen egal, wie suboptimal Veranstaltungen organisiert sind oder wie das Wetter ist, wenn die richtigen Personen bei dir sind, kann es nur schön werden. Und da ich ja Erstlingsfestivals sammle, habe ich jetzt auch meine Antihaltung gegenüber hippen Festivals in Berlin über Bord geworfen und werde dieses Wochenende vom Pure & Crafted Festival im Postbahnhof und dem ersten Lollapallooza hier in town. Ich bin gespannt, bei welcher Veranstaltung ich mich mehr über die herumirrenden Gestalten aufrege. Die Aufnahmen, die ich nämlich vom Berlin Festival gesehen habe, demonstrierten die arrogante, berliner Publikumsbeteiligung schon sehr anschaulich. Es bleibt also spannend.

Und wer wissen will, wie die Reise begann: 

Part 1

Part 2

Musik

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