Neues aus dem Franziland (Part 4) : #bloggerfürflüchtlinge

Meine Mama sagt, ich soll ein bisschen netter zu meinem Papa sein. Auf der Arbeit herrscht im Moment wieder viel Chaos, die Menschen machen wohl auf den Straßen derzeit wieder was sie wollen und es häufen sich anstrengende Begegnungen mit Fahrgästen. Mein Papa ist Busfahrer. In Berlin. In der Nacht. Manchmal streiten wir uns, wenn er mir von den letzten Vorkommnissen erzählt. Wenn er wütend ist, weil er oder andere unhöflich behandelt werden, es zu Beschimpfungen und Prügeleien kommt und er dann von „den Türken“ oder „den Arabern“ redet. Ich sage ihm dann immer, dass er aufhören soll zu verallgemeinern. Wir streiten uns ein bisschen, ich knalle die Tür oder werfe mit Teebeuteln, wir ignorieren uns für eine halbe Stunde und irgendwann ist auf beiden Seiten die Wut verblasst. So geht das jedes Mal, wenn ich meine Eltern besuche. Mama meint, ich solle nicht so hart zu ihm sein, denn mit seiner offenen Haltung zur derzeitigen Flüchtlingslage, müsse er sehr viel Gegenwind seitens Kollegen aushalten. Dass er nur Kopfschütteln erntet, wenn er von kleinen Engagements (z.B. die Weihnachtskartons letztes Jahr) erzählt. Dass der Konsens negativ gegenüber Ausländern eingestellt ist. Man könne das als Land nicht tragen. Und dann ist da die Angst. Angst vor Arbeitslosigkeit. Angst, dass sich irgendwas im gewohnten Leben ändern könnte.

Meine Mama betreibt eine Cafeteria in einer Schule. Dort arbeiten auch einige Frauen von der Essensfirma, die die Schule versorgt. Täglich sehen sie sich, arbeiten zusammen, versuchen den Alltag so entspannt wie möglich zu gestalten. Meine Mama mag ihre Arbeit. Sie ist ihr eigener Chef. Manchmal wünscht sie sich aber jemanden, mit dem sie sich über Bücher, gute Filme und aktuellen Dingen austauschen kann. Desinteresse und Ablehnung. Sie alle haben ihre Päckchen zu tragen, sind wahrscheinlich eher weniger zufrieden mit ihren Leben und mussten so einiges ertragen. Für meine Mama ist eine kleine Aufmerksamkeit zum Geburtstag oder zu Weihnachten Pflicht. Die Damen waren überrascht, zu Tränen gerührt. Es gab Umarmungen. Ich glaube, sie haben ein gutes Herz, doch sobald ein Thema sie mit ihrer eigenen Existenz und den eigenen Fehlern konfrontiert, kommen nur noch Phrasen aus den Mündern, die in jahrelanger Kleinarbeit von der Bildzeitung, der öffentlichen Meinung und dem Umfeld im Hirn gefestigt wurden. Es ist einfacher das eigene Leid zu ertragen, wenn man die Schuld auf andere schiebt. Flüchtlinge nehmen mir meine Arbeit, sind die Wurzeln meines Übels. Das kann trösten, legitimiert aber keinerlei ihre Äußerungen und Handlungen. Man sollte ihnen einfach mit Zuneigung und Empathie entgegentreten und ihnen aus diesem Denkmustern helfen. Meine Mama ist da leider nicht so optimistisch. Ich bin trotzdem immer freundlich zu ihnen, wenn ich dort bin. Nichts, habe ich mehr gehasst in meiner Zeit auf dem Gymnasium, als diese herablassende Art gegenüber Putzkräften, den Cafeteriamitarbeitern, dem Hausmeister und im speziellen meiner Mama. Aber naja, man ist ja schließlich was besseres. Und das gibt einem das Recht, den niederen Wesen das deutlich spüren zu lassen. 

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Ich sitze oft mit meinem besten Freund auf meinem Balkon. Er arbeitet in einer Zeitungsdruckerei, die sich in meiner Nähe befindet. Er mag die Atmosphäre dort, den Austausch mit den Kollegen, denn dort arbeiten viele Studenten aus dem Ausland. Manchmal ist die Kommunikation etwas holprig. Allerdings primär, wenn deutsche Mitarbeiter mit ausgeprägten Dialekten agieren, dann fühlt er sich irgendwie auch wie ein Ausländer. 

Man fühlt sich wie ein Außenseiter. Man ist die Einzige auf einer Schule, deren Eltern aus der DDR stammen. Oder aus Polen. Ich schaue meine Lieblingsreisekumpanin an, fasziniert von den kulturellen Unterschieden, den Ritualen und Festivitäten von denen sie erzählt, berührt von ihrer Familiengeschichte. Der Mut, sich nicht unterdrücken zu lassen. Die Kraft, jahrelang eingepfercht in einem Zimmer auszuharren für ein besseres Leben. Die Scham, wenn die berufliche Ausbildung nicht anerkannt wird und man neu beginnen muss. Die Sehnsucht nach der Heimat und dem Leben, was man sich unter normalen Umständen dort aufgebaut hätte. 

Ich denke oft an meine Grundschulzeit. Meine Klasse bestand aus einem Drittel Vietnamesen, einem Drittel Türken und einem Drittel Deutsche. Als Kind war mir das nicht bewusst. Meine Klasse war ein Paradebeispiel für das deutsche Bildungssystem. Es gab ein, zwei hochbegabte Schüler, die sich langweilten und zu Klassenclowns wurden, es gab die lernbehinderten Kinder, die bis zur sechsten Klasse nicht flüssig lesen konnten, es gab die Raufbolde, die coolen Sitzenbleiber. Alles vertreten. Bei allen Nationen. Und alle wurden gleichwenig gefördert. Happy end. IMG-20150901-WA0005

 

Was ich eigentlich sagen will: Wir wissen alle, dass die derzeitige Flüchtlingspolitik furchtbar ist. Wir wissen alle, dass das nicht das einzige Problem in diesem Lande ist. Und tut mir leid, aber der besorgte Bürger, der um seine Heimat fürchtet, seine Arbeit, seine Frauen, seine Kultur, der ist für mich auf empathischer Ebene einfach nicht greifbar. Ich verstehe nicht, wie man die Gründe eines Fliehenden in Frage stellt. Das ist überheblich und widerlich. Ich urteile nicht, ich akzeptiere. Ich fühle mich sehr oft hilflos. Ich möchte beim Schauen einer Dokumentation über diese Jahre nicht zuhause sitzen und mich fragen, was ich getan habe. Oder was ich nicht getan habe. Ich habe bemerkt, dass ich mit dieser Angst nicht allein bin. Und das hilft, macht Mut. Ich mag zwar keine Person mit Macht sein, mit einflussreichen Freunden oder Geld, aber ich kann alle Personen, die ich kenne zusammentrommeln und mich beteiligen. Als Gemeinschaft zusammenwachsen und dadurch den Alltag erleichtern und jemanden mit einer selbstgebastelten Schultüte glücklich machen. Die kleinen Dinge eben. Ist das denn so abstraktes Verhalten, was man ablehnen muss? Ich möchte keine Ausflüchte in die politische Lage Europas zu hören bekommen, keine Ausreden, keine Anschuldigungen, wie naiv und realitätsfern ich sei. Wenn jemand Hilfe benötigt, dann bietet man sie ihm an. Punkt. Nächstenliebe’s not dead. Seid einfach lieb.

Und wem das zu wenig Informationsgehalt war:

 

http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de

http://wie-kann-ich-helfen.info

http://ichhelfe.jetzt

Für die spontanen Frustshopper: 

https://sharethemeal.org/de/

http://www.moas.eu/de/

Neues aus dem Franziland

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