Lollapalooza Berlin: Samstag (12. September 2015)

Zum ersten Mal konnte dieses Jahr das Lollapalooza in Berlin zelebriert werden. Zum ersten Mal hatte ich einen Sonnenbrand im September. Hurra! 

Und um das wichtigste vorwegzunehmen, nein, es sah nicht so aus:

Keine Freakshow, keine wütende, resignierte Generation X, sondern ein bunter Haufen an Menschen jeden Alters und jeder Herkunft. Vorzugsweise aber mit Glitzer im Gesicht, Blümchen im Haupt- oder Barthaar und schöner Kleidung, die für mich als Konzertgängerin einem Himmelfahrtskommando gleichen würde. (Flipflops bei den Beatsteaks. Dazu gehört viel Mut.)

Jedenfalls schlugen wir gegen Mittag auf, Ellis bereits vertieft in ein Gespräch mit einer elfengleichen, goldigen Amerikanerin (Ich wäre die beste Hochzeitplanerin der Welt, jedenfalls für Knalltüten wie mich, meine Freunde und alle, die wirklich etwas einzigartiges haben wollen. Und gute Musik.) und Lene im leichten Erkältungsdelirium, was sie mir erfolgreich die Woche vermacht hat. Am Einlass mussten wir 20 Minuten warten, um unsere Bändchen zu bekommen, aber dann konnte der Spaß beginnen. Wir inspizierten erst einmal das Gelände, luden Geld auf die Bänder und weihten die Toiletten ein. Besonders das Kidspalooza hatte es uns angetan und wäre ich nicht primär wegen Musik dagewesen, hätte man mich sicherlich beim malen, basteln und toben dort anfinden können. Das Fashionpalooza haben wir hingegen vergeblich gesucht. Hatte uns aber eh nicht so interessiert. Man konnte schließlich auf dem ganzen Gelände fesche Kreaturen beobachten. Und die dazugehörigen Konversationen auswerten. Ob nun betrunkene Finnländerinnen, die plötzlich in unserem Kreise Platz nahmen oder Papphutgangs, die einem die Brofist entgegenstreckten und man nach dem vollzogenen Akt der Freundschaft eine hübsch glitzernde Hand vorzuzeigen hatte. Die Menschen waren entspannt, alle hatten sich lieb und genossen die vielleicht letzten Sommertage des Jahres. Besonders interessant war der Blick auf meine Generationsgenossen und die gerade Heranwachsenen. Viele wunderschöne Menschen mit einem Lächeln im Gesicht, tanzend, aber auch viele, viele lifestyleuniformierten Selfiestickzombies. Jedem das seine. Hauptsache man ist glücklich. Was mir aber wirklich den Glauben an die Menschheit geraubt hatte, war das Gespräch zweier Mädchen, die neben Lene und mir auf dem Boden dinierten. Sie waren für das Festival angereist, hatten aber nicht mit solch warmen Wetter gerechnet, weswegen sie philosophierten, was sie morgen anstatt der Highwaist-Jeans und dem bis zum Bauch gehenden Top anziehen könnten. Eine der beiden schlug vor, es mal mit Röcken zu probieren, worauf die andere mit einer Ernsthaftigkeit, die einem fast Angst machte, erwiderte, dass sie dafür zu dick sei. Ich musste mich echt beherrschen, sie nicht mit meinem Greek Pie zu bewerfen. Da fühlte ich mich passiv von diesem dünnen, perfekt geschminkten Mädchen ganz schön verarscht. 

Doch viel wichtiger war natürlich Musik.

Von Joywave haben wir nur die letzten Songs mitbekommen, die nicht wehtaten. Der schnurrbärtige Sänger wusste das Publikum zu unterhalten und sorgte für eine bewegte Masse.

http://concert.arte.tv/de/joywave-lollapalooza-berlin-2015

<> live on stage during the first day of the Lollapalooza Berlin music festival at Tempelhof Airport on September 12, 2015 in Berlin, Germany.

Danach wollte ich mir Everything Everything anschauen, da ich den Song „Kemosabe“ sehr mag. Der kam relativ früh zum Einsatz, sodass danach kein Grund mehr bestand, eine lustig angezogene, aber live eher durchschnittliche Band anzuschauen. Die Stimme und Frisur des Sängers hatten einen großen Anteil daran, dass gebe ich zu.

 

http://concert.arte.tv/de/everything-everything-lollapalooza-berlin-2015

Wir flohen zu der Alternative Stage zu den Glass Animals, die unsere neue Lieblingsamerikanerin zuhauf lobte. Sie versprach mir experimentellere Töne, kein Indiegeklimper. Ich bekam eine Band, die ich nur als flauschig bezeichnen kann. Die perfekte Kopfhörer-Eskapismusmusik, doch in der vorhandenen, einlullenden Graswolke etwas ermüdend. Und hungrig machend. Da verpasste ich beinahe den Ruf des heißen Hutträgers, der schon im Venedigurlaub das Beste war, was man im Fernsehen anschauen durfte.

<> live on stage during the first day of the Lollapalooza Berlin music festival at Tempelhof Airport on September 12, 2015 in Berlin, Germany.

Ich war gespannt, ob James Bay nicht nur kommerziell erfolgreich sein kann, sondern auch auf der Bühne zu überzeugen weiß. Das Urteil war aber relativ schnell positiv ausgefallen. Sobald ich das Ghostbusters-Shirt erblickte. Und seine Stimme erklang. Die Atmosphäre war wirklich schön, da man bemerkte, dass sehr vielen Anwesenden seine Musik etwas bedeutete. Die primär aus weiblichen Wesen bestehende Ansammlung sang wirklich jeden Song aus vollem Herzen mit. Das hat mich ziemlich glücklich gemacht. 

<> live on stage during the first day of the Lollapalooza Berlin music festival at Tempelhof Airport on September 12, 2015 in Berlin, Germany.

http://concert.arte.tv/de/james-bay-lollapalooza-berlin-2015

Danach tauschten wir die Teeniemädchen gegen das Bartvolk und pilgerten zu Hot Chip. Ich hatte ein bisschen Bedenken, dass mich Tanzatheisten solch elektronische Musik schnell langweilen würde, aber ich wurde vom ersten Ton an eines besseren belehrt. Ich kannte tatsächlich jeden Song, konnte fein mitsingen und franzeln (Ich sehe mich nicht in ferner Zukunft den Begriff „tanzen“ dafür zu benutzen) und hatte allein von der Bühnenpräsenz der Herrschaften gute Laune. Und dann kam das Cover von „Dancing In The Dark“ und ein Gefühl von Liebe machte sich breit.

Vor FFS (Franz Ferdinand & Sparks) ärgerte ich mich noch ein bisschen, dass ich bisher versäumte mir ihr Gemeinschaftsalbum zu Gemüte geführt zu haben. Obwohl ich beide Bands sehr verehre. Umso mehr wurde ich überrascht. Das Ganze funktioniert so gut. Jeder Song geht in die Beine und enthält die Zutaten beider Bands, die ich so sehr liebe. Die Indiekids sahen das leider nicht ganz so. Nicht mal zu „Do You Want To“ oder „Take Me Out“ wurde angemessen gesprungen und mitgegrölt. Das war wirklich so gut. Wirklich. Und ich durfte „This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us“ live erleben. Habe ich schon erwähnt, dass Sparks eine legendäre Band ist, die der Ursprung von so vielen anderen legendären Bands ist? So unterbewertet. So vergessen. Es bricht mir das Herz.

http://concert.arte.tv/de/franz-ferdinand-sparks-lollapalooza-berlin-2015

<> live on stage during the first day of the Lollapalooza Berlin music festival at Tempelhof Airport on September 12, 2015 in Berlin, Germany.

Es machten sich Ermüdungserscheinungen breit, so dass wir uns ein Plätzchen seitlich der Hauptbühne suchten, Süßes schnorrten und herumlagen, während Bastille langsam die Sonne verabschiedeten. Ich mochte Songs wie „Laura Palmer“ oder „Things We Lost In The Fire“ sehr gern, muss aber zugeben, dass ich mir live etwas mehr als Durchschnittlichkeit erhofft hatte. Es war seicht, es war nett, aber keineswegs ergreifend. Einzig die Coverversion von „No Scrubs“ war eine tolle Überraschung.

http://concert.arte.tv/de/bastille-lollapalooza-berlin-2015

487926982Einer der wenigen Gründe, warum ich doch ganz froh bin, in Deutschland geboren und aufgewachsen zu sein. Eine Welt ohne Deichkind wäre eigenartig. Zwar wurde mir auch beim zweiten Male „Electric Super Dance Band“ verweigert, aber ich verzeihe meinem Lieblingskindergeburtstag alles. Wie kann man diese Band nicht mögen? Mein Motto: Egal was, Deichkind haben immer Recht. 

Den goldenen Abschluss machte Fatboy Slim, da ich eigentlich mag, was er so macht. Leider vergaß ich, dass er ja zu der Gattung DJ gehört und somit live irgendwelche Samples aneinanderreiht, einen fetten Beat runterpackt und dabei im Hintergrund nicht Epileptiker freundliche Bilder laufen lässt. Und ich hätte so Lust auf den „Rockafeller Skank“ gehabt. 

Nachdem „Psychokiller“ verwurstet wurde, ging es für die letzte Zugabe noch kurz zu Macklemore und dann gen Bett.  

Sehet im nächsten Part, wie man organisatorischen Schwierigkeiten aus dem Weg geht und welche Bands noch zu einem Hot-Chip-Moment führten.

To be continued…

Musik

5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ach, wie gern wäre ich doch dabei gewesen (ich war auf einem anderen Festival). Danke für den tollen Bericht! Dafür bin ich dann bei der Independent Berlin Night dabei, Hurra!

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