New Order im Tempodrom (11. November 2015)

Ein Konzert als Sinnbild und Parabel für meine Beziehung zur Welt. Zu Menschen. Ein Sittengemälde des Zeitgeists gewissermaßen und doch ungefilterte, subjektive Wahrnehmung. Ein Versuch, meine Gefühle zu artikulieren und meine Beobachtungen zu teilen. 

Treibendes Schlagzeug, melancholische Basslinien, Tanzmusik par ex­cel­lence und doch keiner gibt sich ihr aus vollem Herzen hin. Ich stehe in der ersten Reihe, die Bilder eines Berlins der 80er Jahre sind intensiv. Bewegend, wie meine Füße, die dem Rhythmus auch als kategorischen Tanzatheisten nicht entkommen können. Die Lichter sind grell, wild und der Nebel verhüllt die zurückhaltende Band, die wortkarg hinter der großartigen Musik verschwindet. Neue Kompositionen werden in eine perfekte Gesamtauswahl eingefügt. Sie funktionieren. Für mich. Die Illusion meines eigenen kleinen Manchester Rave funktioniert. Für mich.

Die Halle wirkt starr, unentspannt. Keine Band, bei der man mitsingt. Keine Band, der man offenherzig zeigt, wie wichtig sie für einen ist.

Die Menschen konsumieren gewöhnlich Alkohol, um sich aufzulockern, doch niemand ist wirklich locker. Ich werde hinter meinem Rücken als Tussi bezeichnet, da ständig das Bild der Kamera verwackelt. In ihren Einheitsoberteilen mit humoristischen Aufdruck. Pöbelnd, nicht feiernd. Konstant Aufmerksamkeitserhaschend den Namen des Sängers brüllend, sobald er auch nur in die Nähe des linken Bühnenrandes kommt, aber trotzdem lästernd, wie alt und rundlich Bernard Sumner doch geworden ist. Ich füge meiner inneren To-Do-Liste ein Konzert im Heimatland von New Order hinzu, um dem Proto-Mallorca-Deutschen zu entfliehen, dem leidenschaftlichen Proto-Proll-Engländer liebend gern entgegen. 

Ich war zufrieden. Ich war amüsiert von den leichten Versuchen des Tanzens des Bernard Sumners , die im harten Kontrast zu seiner regungslosen Mimik standen. Ich musste über mich selbst lachen, da ich mich im Vorfeld am meisten auf Stephen Morris gefreut habe, aber durchgängig eine Hi-Hat sein gesamtes Gesicht bedeckte und ich mich demnach wirklich nur an seinem Können erfreuen konnte. 

Und ich hätte damit leben können, wenn „Temptation“ (wie angekündigt) wirklich das Ende des Abends besiegelt hätte. Er wäre dafür perfekt gewesen. Stattdessen wurde mir mein Herz gebrochen.

New Order haben Lieder von Joy Division gespielt. Da sie in jüngster Zeit diesem Drang öfter unterlegen waren, hätte mich „Love Will Tear Us Apart“ zum Abschluss nicht überrascht. Sie spielten aber „Atmosphere“. Und die Menschen johlten und schiere Begeisterung brach plötzlich aus. Es fühlte sich einfach falsch an. Dieser Song steht für den Suizid eines Menschen. Er wird in zwei Filmen direkt nach der inszenatorischen Abhandlung des Ableben Ian Curtis‘ verwendet und auch das damalige Video von Anton Corbijn  gleicht einer musikalischen Beerdigung, einem Abschied und würdevollem Tribut. Und die Menschen kreischen vor Begeisterung? Alle sind glücklich während ich mir die Augen ausheule? Ich empfand es als eine Geschmacklosigkeit, die in „Love Will Tear Us Apart“ gipfelte. Die Menschen in ihren Unknown-Pleasures-Shirts hatten ihren Willen bekommen. Es prangten die Wörter „Forever Joy Division“ auf der Leinwand, vollkommene Ekstase und Schreie nach Ian Curtis während Fotografien von ihm zu sehen waren. 

Manche würden das wohl ein Tribut nennen. Es war unauthentisch, kalkuliert und widerlich. Eine Ausbeutung und vollkommen sinnfreie Glorifizierung eines depressiven Selbstmörders. Die Mystifizierung einer Person bis zum Anschlag.

Diese Glamourisierung psychischer Krankheiten in der Popkultur kotzt mich an. Keiner will sich in der realen Welt ernsthaft damit auseinandersetzen, aber sobald wieder ein Musiker stirbt und somit zum absoluten Anbeten freigegeben ist, sind wir alle wieder betroffen und gefühlsbeladen. Elendstourismus galore. Hurra. 

Da fühlt man sich als Betroffene von Depressionen verarscht. Nicht ernstgenommen. Aber hey, zum goldenen Abschluss sollte man sich nicht in solchen Gedanken verlieren, sondern seiner vergangenen Jugend hinterher tanzen, schließlich läuft „Blue Monday“. 

Und ich weiß ganz genau, dass mein bester Freund mich in der Bahn auf dem Heimweg fragen wollte, warum ich während der Zugabe so bitterlich angefangen habe zu weinen. Und ich weiß nicht, ob es darauf eine konkrete Antwort gibt.

Ich fühlte mich betrogen. Verletzt. Von der Band und von dem Publikum. Einfach von der Welt.

Von dieser verlogenen, verwirrenden Welt, die tagtäglich auf mich einprasselt und das Bewältigen des Lebens manchmal so schwermütig werden lässt. Wie ein Lied von Joy Division eben.

Friedl On Tour

10 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Uff. Das ist hart. Als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen werden. Bei so viel Geschmacklosigkeit ändert auch ein blauer Montag nichts, der selbst mich zur völligen Tanzekstase führen würde. Da glaubt man doch an gar nichts mehr, wenn vollständig herangewachsene Menschen im Kollektiv so etwas bitteres abfeiern und auf den Kontext pfeifen. Verständlich, dass es einem Musiclover wie dir mächtig den Abend verhagelt hat. :/

  2. Ähnliche Gedanken hatte ich leider auch schon einige Male an Konzerten. Betreffend Bands und Musiker. Allerdings ist auch hier Ignoranz und Unwissenheit leider oft ein zu grosser Anteil, um solche unschönen Szenen zu verhindern.
    Menschen. Die…

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