Kinowoche: Anomalisa & Brooklyn

Diese Woche die schweizer Edition und deswegen verspätet. Man muss ja schließlich auch erst einmal wieder im guten, dreckigen Berlin ankommen. 


 

Anomalisa

Ich denke, das Schauen von Kaufmans Regiedebüt „Synecdoche, New York“ zuvor hilft, um damit umgehen zu können, dass hier eben kein „Eternal Sunshine Of The Spotless Mind“ anzutreffen ist. Auch wenn der Trailer und das Marketing einen darin einlullt, um den Schmerz erträglicher zu machen. Der Film hat unglaublich tolle Momente, komisch, verschroben, manchmal verstörend, sehr unbequem. Und eine weitere interessante Sexszene für das imaginäre David-Thewlis-Archiv kann auch hinzugefügt werden. 

Ich werde den Film sicherlich noch ein zweites Mal ausgeschlafen und unaufgeregt im Kino schauen, denn ich weiß, dass ich sehr vieles nicht erfasst habe. Mir kam noch nie im Leben eine Schlussszene so abrupt vor, hatte das Gefühl, der Film ginge erst 40 Minuten. Vielleicht war auch Sekundenschlaf im Spiel. Man weiß es nicht. 

Es fällt mir sehr schwer, ein Urteil zu fällen. Er wird als der menschlichste Film des Jahrhunderts beworben. Das fühlt sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Wenn das Liebe oder menschliche Interaktion ist, dann bleibe ich lieber weiterhin ein Franzitierchen. Doch ist da auch eine gewisse Wahrheit, die nicht gerade schmeichelhaft ist, wenn man sich diese eingesteht. Ich meine, warum verliebt man sich in jemanden? Wie viel hat es wirklich mit der Person gegenüber zu tun? Wie viel mit den eigenen Sehnsüchten, Schwächen, die man versucht zu kompensieren. Sein eigenes Leben erträglich machen. Sich selbst erträglich machen.

Mich hat es nicht gewundert Dan Harmon unter den Produzenten zu lesen.

9/10

Brooklyn

Ich muss eine Lanze für Emory Cohen brechen. Der arme Kerl ist ganz klar die männliche Hauptrolle und wird nicht entsprechend gewürdigt. Er macht seine Sache wirklich hervorragend! Der gute Domhnall ist übrigens vielleicht für 15 Minuten dabei. 

Nun zum wichtigen: Ich liebe Saoirse Ronan! Schon immer! Auch wenn sie ein Jahr jünger ist und durch diese Tatsache meine Minderwertigkeitskomplexe ankurbelt. (Man merkt, ich habe gerade viel zu viel über „Anomalisa“ und Charlie nachgedacht.) Auch hier, trotzdem ich weder Kritik noch Trailer vorher zu Gesicht bekam, reichte schon das Poster, um eine falsche Erwartung zu produzieren. Nein, kein überdramatischer Liebesfilm, wo die Dame sich zwischen zwei Herren entscheiden muss bla bla bla bla und man sich wieder über klischeehafte Entscheidungen von diesen Wesen namens Frauen aufregen darf. Nö, hier haben wir eine Saoirse Ronan, die ihr Glück in Amerika versucht und auf der Suche nach ihrem Stück Heimat ist. Und der Film folgt ihr von Durchfall, zum ersten Date mit einem Amerikaner zu unerwarteten Todesfällen auf so leichtfüßige und selbstverständliche Art. Und das finde ich gut, denn Eilis Lacey kann jeder von uns sein.

Krisenbewältigend, Harmonie und Beständigkeit suchend und mit jeder Erfahrung stärker werdend. Man muss nicht immer das Leid und die Last eines Menschen glorifizieren und ausbeuten, um ein tiefgründiges Meisterwerk abzuliefern. In manchen Zeiten, wo die Nachrichten voll von Zynismus und Fremdenhass sind, reicht auch eine gewöhnliche Geschichte, die zuhauf passiert, um deutlich zu machen, dass die Suche nach einem Ort, an den man gehört, schwierig ist, aber jeder das Recht hat, dort glücklich zu werden, wo er will. Mir fallen jedenfalls keine Gründe ein, warum man jemandem dies verwehren sollte. 

9/10

Kinowoche

15 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Danke für deine Eindrücke zu „Brooklyn“! Ich kannte zwar die Handlung im Groben, hatte aber befürchtet, dass sich der Film zu stark auf die Liebes-Themen konzentriert. Beruhigend, dass das nicht so ist. Nun freu ich mich noch mehr auf die Produktion!

  2. Bezüglich der Liebesgeschichte in „Anomalisa“ kann ich nur sagen, dass es die menschlichste und authentischste ist, die ich seit langem in einem Film gesehen habe. Vielleicht mit die beste seit der „Before-„Trilogie von Linklater oder Wong-Kar Wais „in The Mood For Love“. Und das mit dem Schluss kann ich natürlich unterschreiben, der kam wirklich abrupt. Aber der Film ist dennoch sehr, sehr gut.

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