Das gelesene Wort: Sylvia Harke – Hochsensibel – Was tun?

Kinders, ich beschäftige mich ja eigentlich schon seit meinem letztjährigen Nervous Breakdown mit dem immer populäreren Thema der Hochsensibilität. Warum? Nach einer medikamentösen Behandlung von ADS, einer daraus resultierenden Ära des Gewichtsverlustes und der Depression, konnte ich mich nie mit dieser Diagnose anfreunden. Jedenfalls blieben die Probleme bestehen. Einsamkeit, Andersartigkeit und absolutes Versagen in der Schule. Damit meine ich nicht, dass ich in allen Fächern schlecht war, sondern ein Zeugnis der Extreme. Fächer, die ich mochte (Sprachen, Kunst, Psychologie) waren nie das Problem, aber die Fähigkeit etwas zu lernen, was vorgegeben und aufgezwungen wird, habe ich bis heute nicht erworben. Selbst in der Abiturvorbereitung kann ich mich an kein einziges Erlebnis erinnern, wo das Hineinhämmern von (für mich zu dem Zeitpunkt uninteressanten) Fakten funktioniert hat. Wobei ich meine Prüfungen sehr clever wählte und ich der Mathematik verschont wurde, dafür in Physik eine Präsentation über Physik in Filmen machte. 

Ich drifte ab.

Jedenfalls dachte ich, dass nach der Schulzeit alles peachy creamy wird, da man zu nichts gezwungen wird, endlich mit Leuten in Kontakt kommt, die aus ähnlichen Gründen an den selben Ort gehen und alles offener, entspannter ist. Einfacher. Pustekuchen! Genau dieselbe Schulscheiße, Machtspiele und ganz viele Trivialitäten. Und alle kommen damit klar, nehmen es als gegeben hin und man fühlt sich als einzige verletzt und hat auf Dauer einfach keine Kraft für das, was die anderen weder so sehen, noch fühlen. Und wieder ist man an dem Punkt und fragt sich, was zur Hölle ist da falsch bei mir? Kann es nicht einmal im Leben der einfache, gerade Weg sein? 

Und genau, wenn man wieder an diesem Punkt ist, sollte man einfach diese Buch aufschlagen und sich ein paar Minuten Mutmachen und Entspannung gönnen. Ich bin kein Freund von Ratgebern an sich und ich kann verstehen, wenn man sich bei der Aufmachung des Buches fragt, ob es dazu noch Klangschalen und Mandalavorlagen gratis dazugibt. Ich hatte da auch so meine Bedenken, aber die gute Frau Harke schreibt äußerst souverän, bindet viele plausible Methoden und wissenschaftliche Studien ein und hat zu jedem Kapitel interessante Übungsaufgaben parat. Bei diesen geht es schon in die esoterische Richtung (Finde deinen Kraftort, wow!), aber in einem für mich logisch sinnvollem Rahmen. Nichts mit Ecken ausklatschen oder so. Oder Mittelerde finden:

Natürlich sollte man aber auch nicht erwarten, dass nach der Lektüre alle Probleme sich in Luft auflösen und alles am Schnürchen läuft. Es ist eine guter Weg zur Selbstreflexion, zum analysieren verschiedener Verhaltensmuster und deren Ursprünge, aber das bedeutet leider nicht, dass diese verschwinden. Oder sich spontan die Umwelt ändern und du plötzlich anders behandelt wirst. 

Ich denke viele Erkenntnisse und Hilfe können aus einer Therapie gewonnen werden und schulen einfach ungemein das sachliche Herangehen an Konflikte und das Wahrnehmen des eigenen Verhaltens, den kritischen Umgang damit, aber diese Behandlung veränderte nie den innersten Kern meines Seins. Ich bin ein zutiefst schlechter Mensch, der zu nichts zu gebrauchen ist, nicht lebensfähig ist und keinerlei Liebe und Zuneigung verdient. Ich kann dies jetzt aus allen möglichen Blickwinkeln sehen, mir Theorien zu den möglichen Ursachen herleiten, selbstkritisch denken, aber ich bleibe der Mensch, der sich selbst der größte Feind ist. 

Ich habe mir vorgenommen, ein bisschen netter zu mir zu sein. Ab diesem Jahr. Ich sitze noch nicht mit David Lynch am Strand und meditiere, habe noch keinen Sinn oder Gott (außer Mike Patton) gefunden, aber ich versuche offener zu sein und halte die Augen auf. Angeblich sollen 20 Prozent der Bevölkerung zur Hochsensibilität neigen, doch ich habe eigentlich seit der Pubertät schon aufgegeben, dass da draußen irgendwer herumspaziert, der auch nur ansatzweise so begeisterungsfähig oder emotional ist. Und solch Probleme mit der Alltagsbewältigung hat. 

Ich gehe jetzt mein Krafttier suchen. Oder mit Delfinen schwimmen. Oder Frieden mit dem Gedanken machen, dass ich niemals Frieden finden werde. I don’t know.

Links:

Selbsttest

Sylvia Harke

Das gelesene Wort

26 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Um es mit Omar Littles Worten zu sagen: I feel you.
    Nach der Schule wird es tatsächlich nicht besser, aber man lernt besser damit umzugehen und sich durchzubeißen. Macht aber nicht immer Spaß, sorry.

    • Clever, jetzt denke ich die ganze Zeit, dass ich „The Wire“ schauen muss. ^^
      Ich danke dir. Es soll ja nicht immer fun time sein, aber ein Gleichgewicht zwischen Erfreulichem und Bullshit wäre schon irgendwie nett.

  2. Was bullion sagt.

    Oh, die Schule war für mich immer eine Art sicherer Hafen vor der unbekannten Welt da draußen. In der Uni ist es ähnlich, aber Selbstzweifel kommen hier trotzdem in hohem Maße auf mich eingeflogen. Vermutlich weil der Rahmen so locker ist und ich mich immer fragen muss, ob es denn das richtige ist. Den „einfachen und geraden Weg“ suche ich daher auch. Kannst ja Bescheid geben, wenn du ihn gefunden hast. 😉

    • Also ist dein Kurs nicht mega verschult? Für mich wäre ein lockerer Rahmen perfekt, aber was ich so von Freunden aus deren nichtprivaten Studienfächern höre, hat mir da auch vollkommen die Hoffnung genommen. Solche Späße wie jede Woche ein Test etc. kannste bei mir komplett vergessen, habe besseres zu tun.

      Ahaha, ich will ja wenigsten EINMAL einen pflegeleichten, einfachen Weg. Mehr will ich doch nicht. Teile ihn dann auch gerne.

  3. STOP! Zerstöre mir bitte nicht meine Hoffnung auf ein Leben ohne diese ähhh einengende, hier bitte ein noch relativ nett klingendes Wort für „Scheiße“ einfügen… Bin froh wenn ich den Lappen habe und dann für eine lange, laaange Zeit weg bin… Himalya ich komme!

      • Ich finde es so schwierig, mich zu akzeptieren, wenn mein Sein der Grund ist, warum ich immer auf die Fresse falle. Verstehst du, was ich meine? Das ist halt mega anstrengend, weil du sowas ja durchgängig aushalten musst.

      • … dass kenn ich so gut… versuche mal den Humor über deine Unvollkommenheit zu entdecken… was habe ich mich im letzten Jahr schon zum blumigen Obst im Netz gemacht und am meisten über mich gelacht und alle MIT mir… es gibt einen Song, den mir ein feinfühliger Mensch geschickt hat, möglicher weise kommt er bei dir auch gerade richtig… Herzlichst ein Blumenmädchen… “ Luka Bloom Exploring The Blue“ Youe Tube 🎈

      • Was für eine schöne Stimme! Danke für den Anspieltipp.

        Ich nehme eigentlich alles mit Humor und ich merke, wenn ich im Alltagstrott bin und auch nicht gezwungen bin mit irgendwem zu agieren oder großartig rauszugehen (außer Kino, Bibliothek einkaufen, meine ich), dass ich dann kein Problem mit mir meist habe, sondern nur sobald mir die Außenwelt wieder signalisiert, wie wenig ich hineinpasse und es dann irgendwann wieder eskaliert.

  4. Du bist nicht allein 🙂 Ich bin eigentlich ganz gern zur Schule gegangen, aber ich glaube, das ist ganz normal, dass man in Fächern, die einem Spaß machen, besser ist, als in den anderen. Mir haben Sprachen und künstlerische Fächer immer sehr gefallen, da war ich unter den Besten. Mathe und Physik mochte ich aber auch – ein bisschen Logik und Ordnung in dieser chaotischen Welt hat auch etwas für sich 😉 Da war ich dann nicht supertoll, aber ganz gut. Richtig grottenschlecht war ich eigentlich nur in Sport 😛 Zumindest, wenn es um Ballspiele und Leichtathletik ging, da war ich zu klein, zu schmächtig und zu kurzsichtig, außerdem habe ich immer gleich angefangen zu flennen, wenn ich den Scheißball an die Nase bekam. Der Spruch „Heul doch!“ hat mich durch meine ganze Schulzeit begleitet. Aber irgendwie habe ich mich trotzdem durchgebissen. 😀

    Ich bin ja schon etwas älter mit meinen 33 Jahren, und ich fühle mich jetzt viel ruhiger, entspannter und selbstsicherer als vor 10-15 Jahren. Klar, Krisen und Panik-ich-schaff-das-alles-nicht-Flashs gibt’s zwischendurch immer mal wieder, aber ich hab die jetzt schon so oft heil überstanden, dass ich damit inzwischen etwas gelassener umgehe 🙂 Trotzdem, manchmal denke ich, es wäre schon schön, wenn ich nicht ständig das Gefühl hätte, mich erklären und rechtfertigen zu müssen, weil normale Leute Dinge nicht verstehen, die für mich selbstverständlich sind – Einfühlungsvermögen, zwischen den Zeilen lesen, andere einfach mal in den Arm nehmen, wenn sie geknickt sind, anstatt mit völliger Verständnislosigkeit zu reagieren oder – noch schlimmer – gut gemeinten Binsenweisheit-Ratschlägen anzukommen (ohne dass man darum gebeten hätte).

    Die gute Nachricht ist, mit jeder kleineren oder größeren Krise, die man heil übersteht, gewinnt man ein bisschen Selbstvertrauen. Was mir sehr geholfen hat, war, eine Festanstellung in einem Beruf zu finden, der mir einen Riesenspaß macht und in dem ich tatsächlich richtig gut bin. So habe ich in der Struktur Routine, Ordnung und Planbarkeit, aber inhaltlich (ich arbeite als Online-Redakteurin) ist es kreativ und abwechslungsreich. Und ich merke, dass es auch durchaus gute Eigenschaften sind, einfühlsam zu sein und erst einmal zuzuhören, bevor man spricht. Klar, an meinem Durchsetzungsvermögen und meinen Selbstdarstellungskompetenzen muss ich noch ein wenig feilen – aber es wird. 🙂

    • Danke für deine Eindrücke! Ich denke auch, dass ich einfach weiter auf die Suche gehen muss, bis ich endlich auch eine Umgebung finden kann in der ich produktiv und gut mich entfalten kann. Bisher ist das leider eher bescheiden ausgefallen.

  5. Ich lebe mit jemanden zusammen, der sich, glaube ich, sehr in deinen Beschreibungen wiederfindet. Ich habe Seiten in mir, Notlösungen aus anderen Tagen, aber auch eine unzerstörbare Hoffnung auf das gute ;). Mich berühren diese Beiträge von die jedenfalls immer sehr. Und klingen noch lange nach.

  6. Ich denke gar nicht, dass der gerade Weg der gute ist. Die „gerade Wege der anderen“ sind auch nur Quatsch. Bei wem läuft es schon richtig gerade? Was nicht klappt, sieht man nicht und die anderen reden einfach nicht drüber. Das Grundübel ist wahrscheinlich das Vergleichen. Sich mit anderen. Die anderen mit sich. Warum sehe ich nicht so toll aus? Warum lebe ich nicht in so einer klasse Beziehung? Alles Quatsch. Man hat keine Ahnung was in deren Oberstübchen vorgeht. Da tuen sich vielleicht Abgründe auf. Daher ist das eine tolle Idee, dass du dieses Jahr netter zu dir selber sein willst. 🙂 Das ist ganz wichtig. Auch sich selber ein bisschen toll zu finden und auf die Kurven im Lebensweg stolz zu sein. Irgendwie hat mans ja überstanden, oder?

    Und wenn es den geraden Weg gäbe, wäre der wahrscheinlich deprimierend langweilig.

    • Miss, Sie sind sehr weise. Ich glaube auch, dass mir der Vergleich zu Gleichaltrigen gar nicht bekommt und ich das definitiv lassen sollte. Ich habe schon viele Länder bereist, darauf kann ich stolz sein. Das ist doch viel cooler als dreitausend Praktika, perfektes Studium und keinerlei spontane Abenteuer.

  7. Ich glaube, das Buch sollte ich mir auch mal vornehmen, da ich mich mit dem Geschrieben von dir recht gut identifizieren kann. Übrigens meinen Respekt, dass du mit deiner seelischen Lage so offen und strukturiert umgehen kannst!
    Ich kann Mathe im Abi leider nicht entfliehen 😦

    LG, Katha

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: