Refused (+Safi) im Columbia Theater (17.März 2016)

Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass leider nicht alle Menschen, die sympathische, antikapitalistische, feministische Schweden (vegan, glutenfrei und voll Chiasamen) gut finden, ebenbürtig wundervoll sind. Näher war ich meinem Traum des sich mit jemanden Prügelns nie. Erschreckend, wie traurig ich darüber war, die Visage des dazugehörigen Kerls nicht doch noch zu bearbeiten. 

Es ist ein interessantes Phänomen, wenn man zu alteingesessenen Rockbands geht. Oftmals überwiegt das männliche Publikum, alle in ihren Dreißigern aufwärts, meist in schwarz gekleidet und bereit, die Jugend wieder aufleben zu lassen. Natürlich nur mit den alten Songs, schließlich war früher als besser. 

Verständlich, aber wenn Dennis Lyxzén gerade zum Publikum spricht, dann hat man die Fresse zu halten. Egal, wie dringend man „New Noise“ hören möchte. Man sagt doch nicht dem Künstler auf einem Konzert, er rede zu viel. Verzweifelter Drang nach Aufmerksamkeit hin oder her, die erste sprachliche Schelle musste verteilt werden.

Habe ich schon erwähnt, dass ich die Vorband Safi großartig fand? Die Frau hat es mit ihrer Stimme geschafft, dass ich bei deutschen Texten nicht augenblicklich Reißaus nehmen wollte. 

Und dann beobachtete ich meine drei Grazien, von denen nur eine bereits der Magie dieser Band namens Refused verfallen war, wie die zarte Nervosität und Angst vor dem Ungewissen sich in Liebe verwandelte. Mission geglückt. Die Fußkranke und die Punkkonzertunerprobte in der ersten Reihe verfrachtet mit mir und meiner Lieblingsmusikkumpanin dahinter. Als Puffer sozusagen. 

Und dann kam einer der Sorte Mensch an, die ich sehr sehr gerne habe. Mit aller Macht zwängt er sich zwischen uns, versucht in die erste Reihe zu kommen und schaut mich wütend an, weil ich ihm nicht den roten Teppich ausrolle. Verrückt. 

Ich solle mich ficken, sagt er. Ich schaue ihn ruhig an, mache mich breiter, der nette Herr vom Sicherheitspersonal die Situation schon inspizierend, und sage ihm, dass ich den Akt des Selbstfickens ihm überlasse, ein sozialer Ausspruch, wie ich finde, wenn man währenddessen sinniert, wie man bestmöglich gemein Gesicht und Genitalien im Getümmel effizient verdreschen kann. 

Ich schreibe mich schon wieder in Rage. ¹

Ich werde weiterhin bei Konzerten das Verhalten von stressigen Menschen spiegeln. Ein Unding, was mich wirklich in ihrer Penetranz wütend macht, ist das Degradieren zur Haltestange. Ich bin da um mich der Musik hinzugeben, will springen und pogen und leben, aber es graben sich ständig Hände in meine Schultern, da diese wohl in der perfekten Höhe sind, um sich Sicherheit und Gleichgewicht zu verschaffen. Und wenn man weiter in den Moshpit gezogen wird, kann man sich ja auch einfach an meinem Hemd festhalten. Ich freue mich schon auf das Gesicht von dem Menschen, der mir beim nächsten Konzert doof kommt. Erhoffe mir ein sehr verdutztes Gesicht, wenn ich dieses Verhalten plötzlich an den Tag lege. 

Mein erstes Konzert als Kind war Die Ärzte und mir wurde beigebracht, dass man im Moshpit nicht die Ellenbogen benutzt, jedem aufhilft, auf seine Umgebung achtet, sich nicht an komischen Stellen festhält und abstützt (meine bisherigen Favoriten: Zopf, Hüfte, Gesicht, Kehle) und ein angenehmes Chaos entstehen lässt. Kein Kräftemessen.

Was zur Hölle ist daran so schwer? 

Hört auf Becher auf die Bühne zu werfen und zu pöbeln, sondern feiert mit uns, wenn Dennis auf der Bühne steht und euch Herren der Schöpfung sagt, dass ihr die Pflicht habt, dass Patriarchat zu stürzen. 

Den Kerl mit dem „Ghostbusters“-Shirt wollte ich aus Prinzip eigentlich noch fragen, wie er den Trailer zum Reboot findet, aber dann hätte ich vielleicht doch noch meine Prügelei bekommen und sie vielleicht sogar im Nachhinein bereut. Sportlich war ich schließlich nie, aber ich halte es mit Public Image Limited: Anger is an energy.


 

¹ Dieser Prozess der Reflexion bedeutet aber nicht, dass das Konzert nicht gut war. Es war wundervoll, weil wir eine tolle Gruppendynamik hatten und dringend in dieser Konstellation Festivals unsicher machen müssen. Trotzdem sind dies die Gedanken, die bei mir emotional am prägnantesten in den Vordergrund treten, wenn ich an den Abend zurückdenke. Merkt man, dass ich mit „Unendlicher Spaß“ angefangen habe?


 

Friedl On Tour

10 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich hab SAFI bei uns live gesehen. Da sind ein zwei ganz gute Songs dabei (unter anderem das obige), aber so im großen und ganzen sind die Jungs und das Frontmädel dann doch nix besonderes. Aber schön, das sie dir gefallen haben…

    • Ich hatte einfach nicht damit gerechnet eine deutsche Band zu hören. Und live waren sie einfach ein Stück weit härter als die Songs, die ich im Nachhinein angehört habe. Die empfand ich auch eher als enttäuschend.

  2. Wie Refused wohl auf SAFI kamen? Die Wahl hat mich auch sehr überrascht, wenn auch nicht soo überzeugt. Den Spruch mit dem Schweigen hat Dennis auch bei uns in Fribourg gebracht. 😉

  3. Ich kenne leider weder SAFI noch (diesmal) zum Glück ungehobelte Mitkonzertbesucher, doch bei so einem wäre mit ebenfalls der Kragen geplazt. Zum Thema: Nichtaufsuchen des Konzerts… Pleite und Klaustrophobie ;D

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