2016 schlägt zurück: Les Misérables im Tempodrom (19. Januar 2017)

LES MISÉRABLES
Musical-Neuproduktion
nach der deutschen Romanvorlage „Die Elenden“ von Victor Hugo

©HighlightConcerts

Ich dachte, die The Sisters of Mercy würden auf Ewig mein schlechtestes Konzert der Welt bleiben. Ich dachte, ich müsste mich nie wieder so intensiv zwischen Ärger und Scham, ja fast Trauer während einer Veranstaltung bewegen. Noch nie wurde mein Glaube an die Menschheit so strapaziert.

2016 sah ich zufällig an einer Theaterkasse Werbung für eine Neuinszenierung von „Les Misérables“ und kaufte für mich und für eine Freundin zum Geburtstag eine Karte. Ich war gespannt, denn außerhalb der Darbietung in London vor einigen Jahren, hatte ich immer Berührungsängste mit deutschen Versionen. Und da war ich schon gefangen in meinem Denkfehler.

Ich war der festen Überzeugung, dass der Musicalname „Les Misérables“ geschützt ist und somit immer dieselbe Musik dargeboten wird, nur eben hier drumherum neue Impulse gegeben werden. Und wenn ich an die Publikumsreaktionen zurückdenke, dann war dies Konsens. Ich habe noch nie in meinem Leben soviele Menschen aus einer Veranstaltung rennen sehen. Für mich ist es schon ein furchtbarer Gedanke für die preiswerteste Kategorie für zwei Karten etwas über 80 Euro dagelassen zu haben, aber da waren Menschen in den ersten Reihen, die haben für eine Karte ungefähr genau soviel oder sogar mehr ausgegeben.

Nach dem ersten Ton also der Schock, Moment mal, diese Melodie ist mir vollkommen fremd und dann kam die Erkenntnis und ich fühlte mich dumm. Richtig dumm. Doch ich war optimistisch, denn ich liebe die Grundgeschichte und jede Inszenierung kann trotz des Irrtum meinerseits begeistern. Doch mit jeder Minute wurde mir klar, dass hier ganz bewusst rechtlich alles ausgelotet wurde, um den maximalen Gewinn zu erzielen, kriminelle Energie in Perfektion und wirklich auf künstlerischer Ebene eine Zumutung. In jeder kurzen Stille nach einer musikalischen Darbietung, kurz bevor der maue Applaus einsetzte, wünschte ich mir Tourette. Einfach unkontrolliert ganz viele vulgäre Bemerkungen nach unten feuern. Sie hättwn es nach meinem Moralkompass defintiv verdient.

Wie eine billige Raubkopie kam es mir vor. Wie diese Trashfilme, die bei Tele 5 zelebriert werden. Und so machte sich bei mir das Gefühl breit, das hier bewusst getäuscht wurde, denn offiziell heißt dieses Schundstück wohl „Barricade“, wurde dann, weil die Urheberrechte Victor Hugos schon seit einigen Zeiten abgelaufen sind, unter „Les Misérables“ vermarktet.

Aber fangen wir mit dem Positiven an: Das kleine Orchester und die Dirigentin befanden sich auf unserer Seite, so dass ich versuchen konnte, mich ausschließlich auf sie zu fokussieren.

Nun zum ganzen Rest:

Es war kein Inhalt und keine stringente Handlung erkennbar. Und auch keine Protagonisten mit Charakter. Generell war jeder Mensch, der noch nie eine der Verfilmungen und den Roman vor der Nase hatte, aufgeschmissen, denn selbst ich war absolut verwirrt. Es beginnt mit Fantine, die stirbt. Sie singt, stirbt und Jean Valjean erwähnt kurz, dass er wegen Diebstahl eine Vergangenheit als Gefangener hatte und will Cosette retten (warum auch immer, denn Fantine ist bereits tot und sie haben davor nicht ein Wort gewechselt). Inspektor Javert rennt ihm ohne Begründung hinterher, die Thénadiers (schlimmste Kostüme der Welt) sollen lustig sein, geben Cosette weg. Cut. Zeit vergeht anscheinend, wir sind im Zimmer mit Marius und seinem Onkel(?), der das schmerzhafteste Overacting seit Menschengedenken betreibt. Ich stelle mir kurz vor, wie Nic Cage alle Rollen spielt. Und Michael Bay inszeniert. Selbst das hätte mehr Feingefühl und inhaltliche Nuancen.

Javert besingt seinen baldigen Tod: „Mein Herz ist aus Stein. Und dann zittert es. Es löst sich auf.“

Und dann geht es eigentlich nur noch um die Liebe von Marius und Cosette. Die Revolution, die zahlreichen Tote sind mehr oder weniger nicht existent, genauso wie eine Botschaft am Ende. Es ergibt alles dramaturgisch keinen Sinn. Außer dass Gavroche und Eponine sterben, denn die wurden wirklich hassenswert gestaltet. Ersteres wurde von einer Frau gespielt, die kurz davor war eine Babystimme aufzusetzen, damit auch jeder verstanden hat, dass sie einen Jungen spielt und zweiteres wurde mit einer lispelnden Stimme aus der Hölle gesegnet, deren Liebe zu Marius darin bestand, ihn vehement zu Siezen und nach der ersten Begegnung sofort bereit ist, die Adresse von Cosette für ihn zu stalken.

Marius: „Ich liebe dich (ca. 30 mal hintereinander singen) und du bist mein.“

Und dies geschah alles auf einer Bühne mit nichts außer Absperrungen darauf. Sahen jedenfalls wie diese Wellenbrecher aus. Oder irgendetwas von einer Baustelle. Dazu noch ein paar Stühle, einen Tisch und eine Wand mit Tapete, schon hat man eine drehbare Bühne mit null Aussagekraft.

Dahinter wurde ab und zu ein Desktophintergrundbild an die Leinwand projiziert, Windowsstyle, schöne kitschige französische Brücke in Schwarz-Weiß. Genauso schön waren auch die Kostüme. Nicht.

Jeansstoff, nicht der Zeit entsprechende Frisuren, alle gefühlt das gleiche Outfit. Ganz ganz schlimm, sah das aus.

Und mit Abstand die größte Leistung, die tausendfach Schellen verdient hat, waren die Texte umd Stimmen.

„Ich lieb die Liebe, ich lieb den Kampf.“

Die Sänger klangen mittelmäßig bis schlecht und das Sahnehäubchen waren die Texte, die sie singen mussten. Als hätte jemand im betrunkenen Zustand alle bekannten Stücke des Originals umgeschrieben, heruntergelallt und für gut befunden. Im klaren Zustand würde nämlich auffallen, dass weder Reimschemata vorhanden sind, noch mit einem Gefühl für die deutsche Sprache gehandelt wurde. Es gibt Worte, die sind unsingbar, vor allem ohne gescheite Melodie. Wenn ein zweisilbriges Wort gesungen wird, dann klingt ein dreisilbriges Wort in der zweiten Zeile halt scheiße. In dem Fall „[zweisilbriges Wort was ich vergessen habe] euch!“ auf „Bewaffnet euch!“, wo man doch ganz simpel ein „Wappnet euch!“ hätte einfügen können.

Versucht das mal zu singen ohne es zu einer langsamen Ballade verkommen zu lassen:

„Feiger Mörder, du sollst sterben, Kindermörder!“

Leider habe ich erst in der zweiten Hälften begonnen, einige musikalische Ergüsse zu notieren. Ärgerlich.

Ich habe viel gelernt. Ich werde nie wieder einen Gedanken an die die deutsche Musicalkultur verschwenden. Ich werde jetzt immer vor Veranstaltungen ganz genau lesen, nicht dass ich plötzlich vor einer schlechten Coverband von jemandem stehe. Und ich möchte betonen, dass jeder Mensch, der „Les Misérables“ mit diesen Zeilen endet lässt, ein schlechter Mensch ist:

„Lass uns tanzen, lass uns träumen (oder tanzen oder freuen, kann meine eigene Schrift nicht mehr lesen), lass die Welt ein Walzer sein.“

Ich möchte mein Geld zurück. Und meine Würde.

Und zusätzliche Karmapunkte aufs Konto, dafür dass ich das durchgestanden habe, liebes 2016.

Friedl On Tour

10 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Da steht’s doch auf dem Plakat: „Die Musical-NEUproduktion“! 😉

    Oh wei, das klingbt auf jeden Fall echt übel! 😦 Ich bin kein sooo großer Fan des Originals *duck*, aber „Les Misérables“ mit „Lass die Welt ein Walzer sein“ enden zu lassen, klingt ja gar nicht „misérable“. Ich hab ja jetzt – nach „Lazarus“ live und „La La Land“ im Kino – wieder mehr Lust auf Musicals. Aber bitte in London – oder New York! 😉

    • Das Problem war, das bei meiner Theaterkasse kein Plakat zusehen war und als ich nochmal vor Ewigkeiten auf der Seite des Tempodroms war, war es ein anderes Poster, wo gewisse Sachen nicht darauf vermerkt waren (auf den Konzertkarten steht übrigens auch nicht), sondern noch ein Satz wie „Millionen begeisterte Zuschauer weltweit“.
      Ich komme dann mit! Kein Bock mehr auf Deutsche. *lach*

  2. Jahrelang dachte ich Les Misérables sei von Andrew Lloyd Webber und habe es gemieden. Dann hat mir die Verfilmung erklärt, dass das nicht der Fall sei und mich von der wundervollen Musik überzeugt. Seitdem hoffe ich, dass das Musical mal wieder in Deutschland aufgeführt wird. Alle paar Monate gebe ich die Suchwörter ins Internet ein und hoffe, dass es nun soweit ist. Irgendwann letztes Jahr las ich endlich die Worte auf getgo. Ein Freudenjubel, ich wollte schon die Karten ordern und dann las ich irgendwas von „Neuinterpretation“. Oha. Schnell noch einmal genau durchgelesen und ich hatte ungefähr das im Sinn, was du gerade beschrieben hast. Tut mir nur leid, dass du es durchmachen musstes. Echt ein dreister Etikettenschwindel!

    • Das ist eben das Problem, wenn du an der Theaterkasse weder Poster noch Informationen liest, sondern nur die Preisklassen (Oh, das ist soo teuer->muss also seriös sein) und den Titel (Les Miserables) und die Verantwortlichen Deutsche Musical Company (Ah, das klingt auch seriös.). Da kommst du bei einem Ort wie dem Tempodrom, wo auch viele große Veranstaltungen stattfinden einfach nicht auf den Gedanken, dass du verarscht wirst. Ich hatte auch nicht erwartet, irgendwas geliefert zu bekommen, dass an meine Londonerfahrung heranreicht. Aber hier hätte sich Victor Hugo im Grabe gedreht.

      • Das riecht wirklich sehr sehr SEHR nach Abzocke und bewusster Täuschung. Ich bin ja auch zuerst darauf hereingefallen, obwohl es mir bei genauerem Hinsehen komisch erschien. Auf London kann man sich wenigstens noch verlassen… Vielleicht solltest du eine Revolte gegen diese Musicalproduktion anführen! Do you hear the people sing….? 😀

  3. Mein Beileid! Wir stießen damals auch darauf, recherchierten aber erst, weil wir als Musical-Junkies nie gehört hatten, dass Les Misérables zurück nach Dtl. kommt (mit Ausnahme der Open Air Inszenierung in Magdeburg vor ein paar Jahren). Beim Googlen kamen wir dann schnell dahinter, dass das eine reine Abzocke ist. Tatsächlich hat Highlight Concerts das gleiche schon einmal vor Jahren mit „Mamma Mia“ oder dem „Phantom der Oper“ abgezogen (bin gerade nicht sicher, welche). Die Verantwortlichen haben sich damit rausgeredet, dass Hugos Buch nun einmal so heißt und ja der Hinweis „Neu-Inszenierung“ angebracht wurde. Außerdem haben Theater und Highlight Concert sich die Schuld gegenseitig zugeschoben und letztlich durchblicken lassen, dass die Besucher doch selber Schuld seien, wenn sie es verwechseln. Innerhalb der Musical-Fan-Szene ist man sich natürlich einig, dass das Irreführung seitens der Veranstalter und bewusste Täuschung ist. So weit ich das damals verfolgt habe, ist es aber rechtlich schwer, dagegen vorzugehen.

    Hoffentlich bleiben dir ähnliche Erfahrungen in Zukunft erspart!

    • So im Nachhinein kommt man sich auch wirklich doof vor. Ich hatte das damals wirklich spontan an der Theaterkasse entschieden, weil ich uns einfach eine Freude machen wurde. Ich dachte die Musicallandschaft wäre das Copyrightmäßig irgendwie strikter, dass eben so gemeine Geldmacherei nicht passiert. Und das Problem ist ja immer, wenn man dasteht und richtig Lust auf die Songs aus Les Mis hat, dann ist man einfach so im Denkmster drin, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass man richtig verarscht wird. Wirklich der absolute Klassiker. Ich hätte ja nicht einmal etwas dagegen gehabt, wenn die Vorstellung vollkommen eigenständig etwa anderes gemacht hätte und dies in irgendeiner Art und Weise gut gewesen wäre. Oh mann…

  4. Grauenhaft! Und Schade um Geld, Zeit und Nerven. Dass sowas nicht verboten wird, oder halt rechtliche Konsequenzen nach sich zieht, ist mir unverständlich. Aber gut, es verdienen halt Produzent und Veranstalter daran, denen wirs also egal sein. 😦

  5. Oh man wie ärgerlich! Tatsächlich hab ich die Werbung auch gesehen und noch gedacht, dass das spannend klingt und so leid es mir für dich tut, jetzt bin ich sehr froh, dass ich es wieder vergessen hatte und keine Karten gekauft habe. Ich hätte nämlich auch niemals damit gerechnet, dass man „Les Misérables“ einfach so drauf schreiben aber nicht reinpacken darf. Echt unverschämt.

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