Kinowoche: Logan & Silence

Morgen geht es um 4 Uhr morgens ab nach Köln zum Neo Magazin Royale, weswegen ich erst danach die Routine einkehren lasse und die vielen Artikel und Podcasts regelmäßig auf euch einprasseln werden. Versprochen. Die Kinowoche lasse ich mir aber nicht nehmen.

Nun zu „Logan“, dessen Vorschau in mir Vorfreude hervorrief, trotzdem ich mich mit der kommerziellen Verwertung von dem Lied „Hurt“ (egal in welcher Version) recht schwer tue. Ich erhoffte mir eine würdige Verabschiedung von dem Wolverine, wie ihn nur ein Hugh Jackman seit 2000 ausfüllt. In dem Jahr wurde ich 7 Jahre alt. Das ist 17 Jahre her. Hallelujah.

Das erste Soloabenteuer von Wolverine war damals für mich ein enttäuschendes bis ärgerliches Kinoerlebnis, so dass ich seine Wege als Krieger hübsch ignorierte, doch wenn unter den Protagonisten ein gewisser Charles groß angekündigt wird, dann pilgere ich natürlich gerne ins Lichtspielhaus.

Und so begann die Mission, die auf einen dystopischen, sehr sehr dreckigen Bierdeckel passen würde, recht blutig und hoffnungslos, aber auch sehr behäbig. Ich hatte manchmal das Gefühl, James Mangold verwechsle zähe Langsamkeit mit Suspense, bzw. den Aufbau jener. Es sollte irgendwie melancholisch wirken, aber es kam leider kaum eine emotionale, nuancierte Gefühlsregung bei mir an. Ein Film, der von der ersten Minute brutale, ästhetisierte Gewalt zeigt, mich systematisch abstumpft, kann nicht am Ende Rührung hervorrufen. Und ich bin sehr irritiert, das es bisher noch niemanden ähnlich erging. Klar, Comicfilme sind verbunden mit zerstörten Städten und Gegner, die eliminiert werden müssen. Die sind dann alle besiegt. Ist auch Gewalt, ich weiß. Hier wurde allerdings expliziter Gewalt angewendet und gezeigt, teilweise sehr schmerzhaft aussehend. Da rollen nicht nur die Köpfe, sondern sie werden vorher noch auf jegliche Art durchbohrt. Und dann gibt es ja noch Knarren. Solche Szenarien funktionieren in stumpfen Actionfilmen, gerne auch sich überhaupt nicht ernst nehmend, hervorragend. Bei einem Film, der aber mehr als Bumm-Krach-Peng sein will, wird es aber schwierig. Wie kann ich von dem Tod einer Person berührt sein, Trauer empfinden, wenn ich davor bestimmt 50 Menschen habe sterben sehen? Das funktioniert nicht. Jedenfalls bei mir nicht.

Und so hätte ich mir weniger Verfolgungsjagd, mindestens einen Leichenberg weniger, aber dafür mehr Intimität gewünscht. Die ruhigen Szenen zwischen Charles, Logan und Laura, wo sie miteinander agieren und die Beziehungen und verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeiten für einen kleinen Augenblick aufblitzen. Wenn sie bei einer Farmerfamilie unterkommen und Zeit für eine Bemerkung zu Genmais übrig ist. Das waren besondere Momente. Da hätte man sich doch trauen können, dass über die gesamte Spiellänge durchzuziehen. Das wäre mein perfekter Abschiedsfilm für Wolverine gewesen. Tatsächlich auf die Mutanten fokussiert.

So frage ich mich nur, wieso man denn Stephen Merchant so verheizen musste. Oder wieso andere, zwar pathetisch, aber mit dramaturgischen Holzhammer ins Grab befördert wurden.

6.5 von 10 Krallen


Da ist es wohl ausgebrochen. Beobachtet in Doctor Who, vollkommen vergessen im Kabinett von Terry Gilliam, kennengelernt und die Rolle immer noch ausschließlich mit einem fast unanständig offenem Hemd verbindend in den sozialen Netzwerken, mitgelitten in Boy A, begeistert im Kreise der Kotelettenträger aufgenommen und als ernsthafter Schauspieler wahrgenommen und seit den Oscarkandidaten zum schönsten Hals der Welt gekürt.

Ach Andrew, deine Kariere habe ich verfolgt, du warst mir oberflächlich sympathisch, aber außerhalb deiner Film- und SNL-Auftritte, dachte ich, je nachdem, ob du als letztes einen amerikanischen oder britischen Film gemacht hattest, du wärst einfach nur ein viel zu perfekter englischer (verwirrt, weil dazu nicht makellos genug) oder amerikanischer (verwirrt, weil irgendwie nicht amerikanisch genug wirkend) Posterboy der jungen Riege Hollywoods.

Und dann kamen die großen Hauptrollen und somit wie bei allen zu einem perfekten Lächeln der perfekte, durchtrainierte Körper und mir langweilte es. Die Angst vor der Makellosigkeit ergriff mich und ich gab ab an die süßen, netten Mädchen, die wahrscheinlich ganz aufgeregt mit ihren langen Haaren spielen, wenn sie über dich reden.

Und dann kam das Interview mit Stephen Colbert, dem einzigen Late Show Host derzeit, der hervorragende Gespräch zustande bekommt und den ich seit dem Colbert Report zutiefst verehre.

„[…] Hurt people hurt people. People who are hurt, hurt people, hurt other people.“ – Andrew Garfield erklärt die Welt

Und dann wurde Andrew Garfield auf einmal wahrhaftig. Wahrhaftig begehrenswert. Ich nenne es den Jeff-Goldblum-Effekt. Männer, die intelligent und humorvoll sind, aber auch keinerlei Angst vor der Auslebung der eigenen Gefühle haben, die mit sich und ihrer Sexualität dermaßen im Reinen sind, dass sie wahrscheinlich spontan mit wirklich jedem knutschen würden, sind die Krönung der Schöpfung.

Es wird wohl Frühling.

Und solange nicht alle männlichen Wesen, solche Kommentare zum Ende von „Moonlight“ von sich geben, darf man ja noch ein bisschen träumen. Und nein, da die Frage schon einmal im Gespräch gefallen ist, Domhnall ist und bleibt die Nummer 1.

Und zu „Silence“:

Wie viele katholische Youtubekanäle es gibt. Ich hatte nach dem Film guten Willen bewiesen und versucht ein paar theistischen Menschen in ihrer Auslegung des Scorsese-Materials zu folgen.

Ich befinde mich da schon in einer speziellen Lage. Die meisten Menschen, die ich kenne praktizieren auch im Alltag keine Religion, sind aber getauft. Da sind dann doch gewisse Wurzeln vorhanden, auf die man zurückgreifen kann. Ich komme aus einer Familie, die gefühlt schon immer von der Kirche separiert war. Keiner getauft, keiner gläubig. Religiosität war jetzt nicht verboten, ich bin immerhin freiwillig zum Religionsunterricht in der Grundschule gegangen, aber primär, weil man da singen und malen durfte, aber im familiären Kontext war ein Glaube einfach nicht integriert. Schon als Kind hatte ich für mich ganz rational erörtert: In meiner Welt gibt es keinen Gott.

Somit ist das Konstrukt eines Gottes ein sehr abstraktes für mich. Fast so abstrakt wie Adam Driver in dem Film anzuschauen ohne zu lachen.

Dennoch, sehr schön geschossen und mit interessanten Charakteren auf portugiesischer als auch japanischer Seite bestückt, würde ich nicht sagen, dass ich diese 2 1/2 Stunden bereue. Es ist jedoch ein zutiefst unbefriedigender Film, denn es werden mehr Fragen in den Raum geworfen, als beantwortet werden. Und dann gerät man auf einmal in moralisches Hamsterrad, obwohl man doch eh aus Atheist eigentlich aus dem Rennen ist.

Ich habe mir wirklich lange den Kopf zerbrochen.

Ich bin ein sehr idealistischer Mensch. Und ich bin mir sicher, dass ich für diese Ideale auch sterben würde. Ein klassischer Märtyrer eben. Soweit so gut. Doch was, wenn nicht du, sondern andere für deine Überzeugungen leiden und sterben müssten. Schwierig.

Ich denke nicht, dass es da eine allgemeingültige Sichtweise gibt und finde es vermessen, über Menschen in einer Situation, die sich mit dieser Thematik beschäftigt, zu urteilen. Letztendlich entscheidet doch die Zeit, ob eine Entscheidung eine positive oder negative Auswirkung auf das große Ganze hat.

Ich habe oft Christen sagen oder schreiben sehen, dass dieser Film auf den ersten Blick und ohne größere Kenntnis des Evangeliums am Ende bei vielen Menschen eine falsche Botschaft vermitteln könnte.

Ich bin mir nicht sicher, ob es die eine Botschaft gibt.

Sie sagen, dass man nicht auf Abbilder von Heiligen treten oder sie anderweitig beschmutzen darf, um das Leben seiner Mitmenschen zu retten, da dies bedeutet, man Stelle den Menschen über Gott.

Andere sagen, dass genau dieser schwierige Weg von einem idealistischen zu einem realistischen Gläubigen, der wichtigere Aspekt ist.

Ob nun am Ende die Stimme Gottes, des Teufels oder sonst wem zu hören ist, dass müsst ihr mit euch klären. Für mich hat es einfach keine Bedeutung.

Ich sage, es ist scheiße in eine fremde Kultur zu schippern, um die Menschen zu missionieren und es ist auch scheiße, Konvertierte abzuschlachten, damit Japan ein einheitlich buddhistisches Land bleibt. In ihren Überzeugungen und Glauben kann ich sie alle respektieren, in ihrem Handeln bleibt mir leider nichts übrig als sie zu verurteilen.

7 von 10 hölzerne Jesuse


Bilder von „Logan“: 20th Century Fox

Bilder von „Silence“: Concorde Filmverleih

Kinowoche

13 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Als überzeugter Theist kann ich zu solcherlei Überlegungen nur folgendes sagen:

    Gib GOTT keine Chance. Erst recht nicht, wenn du glaubst.

    Und …
    klampfklampf …
    ALLE BEIEINANDER HABEN, DARAUF KOMMT ES AN …
    klampfklampf …

    War Garfield nich Spiderman? Affig. Trotz Giraffenhals. GIB MIR TIERNAMEN!

  2. Das mit den Heiligen, auf denen man nicht herumtrampelt, kann ich als Protestantin nicht bestätigen. Wir halten das eher für Götzendienst, deshalb ist das Herumtreten für uns nicht so das Problem. Aber wer sind wir schon…

  3. Ich fand „Wolverine“ auch nicht so doll, das war zwar gut gespielt und von der Figurenentwicklung plausibel, aber es war sooo langatmig erzählt und es ist so wenig passiert in dem Film. Da gab’s zu viele Leerlaufszenen, gleichzeitig aber auch Szenen, die im krassen Gegensatz dazu viel zu brutal und grausam waren. Einerseits hätte man das ausgewogener gestalten können, andererseits aber auch die Spannungskurve abwechlungsreicher machen und das Tempo insgesamt anziehen können. 90 Minuten hätten gereicht. Hier meine Kritik 🙂 https://www.facebook.com/IsabelleDupuisBloggerin/posts/1237991149583096

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