Der obligatorische Geburtstagspost Part II

Ich mag den 7. April.

Ich kenne niemanden, der an dem Tag auch Geburtstag hat. Außer Gustav Landauer. Und Ole Kirk Christiansen. Und Billie Holiday. Und Ravi Shankar. Und Francis Ford Coppola. Und Jackie Chan. Und…

Da kann doch nur ein anarchischer, bunte-Steine-auf-die-man-ständig-tritt-entwickelnder, revolutionärer, weltoffener und geschichtsträchtiger Mensch mit Oscar- und Kampfsportqualitäten schlüpfen.

Die Tage mit meinem nicht zum Gebrauch geeigneten Füßchen konnte ich prima nutzen, um mir einen Geburtstagskuchen backen zu lassen, Kater Woody mit Katze Karma zu beobachten und über den Menschen Friedl Von Grimm nachzudenken. Man könnte meinen, es folgen nun große Enthüllungen oder Erkenntnisse, aber nö, auch wenn es überraschen mag: Ich gehöre immer noch der Spezies Mensch an.

Ich habe ein wenig in alten Fotoalben geblättert. Diese Bündel an Widersprüchen und Eigenarten war wirklich schon immer so. Meine Eltern erfreuten sich an einem ruhigen Nesthäkchen nach zwei Kerlen, so sagen sie, welches den ganzen Tag hübsch die Hörspielkassette in Dauerschleife hörte und dazu zeichnete. Oder ich schnitt meine Kleidung so, dass ich zum einen meine Liebe zu Pocahontas ausleben konnte und zum anderen, die Fetzen für Puppenkleidung verwenden konnte. Kleidungsstil war also schon von Beginn an extrovertiert, bunt und meistens nicht dem allgemeinen Sinn für Ästhetik untergeordnet. Ich konnte machen was ich wollte.

Und wenn ich mir so unser Familienvideo anschaue, welches in meinem ersten Lebensjahr gedreht wurde, dann sehe ich da eine Rampensau, die auch dort macht, was sie will.

Ich musste für niemanden niedlich und süß sein, sondern beweise bis heute meine exzellenten Streitqualitäten, bei denen traditionellerweise Teebeutel oder Türen fliegen.

Ich wollte zu Weihnachten ein ferngesteuertes Auto und eine Puppe, die aufs Töpfen gehen kann, verdammt. Niemand hatte ein Problem damit. Außer ich, denn ich habe keines der beiden Geschenke jemals bekommen. Ich bewegte mich immer jenseits der Klischees. Ich ließ mich als Vampir oder Frankensteinsmonster beim einen und als Tiger oder Schmetterling mit ganz viel Glitzer beim nächsten Sommerfest schminken.

Spannend sind auch die Gruppenfotos. Im Kindergarten fällt es noch nicht so sehr auf, weil jedes Kind weiche Züge hat und einfach alle zuckersüß sind, aber bei den Fotos der ersten Klasse fällt es schon auf. Da meine Eltern beide aus recht großwüchsigen Familien stammen, war zu erwarten, dass ich auch keine 1,67-Dame werden würde. Und da steht sie dann immer in der letzten Reihe, ein Kopf größer als die anderen, breiter und älter wirkender. Gozilla wurde auf die 1b losgelassen. Ich selbst fand das cool, denn meine Brüder waren groß und cool und ich wollte groß und cool sein und man konnte dann auch durch diese Sozialisation mit South Park, Filmen ab 16 Jahren und den Videospielen angeben. Ich war auf jedem Geburtstag eingeladen. Für die Mädchen Streitschlichterin und Bravoheftdealerin und für die Jungen der perfekte Nazgûl oder Legolas beim „Herr der Ringe“-Spielen auf dem Schulhof.

Und ja, es ist wirklich das einzige, was ich bis heute zutiefst bereue: Ich habe in einem Anflug von Pubertät nach der Grundschule ALLE Liebesbriefe aus der Zeit weggeschmissen. Es beschämt mich zutiefst. Mir waren sie peinlich. Pubertät eben.

Jetzt sitze ich hier mit Kater Woody, um die fehlende Liebe in meinem Leben zu kompensieren.

Dieser Text führt im Moment ins Leere, weil ich mir jetzt klar werde, dass ich mir gar nicht sicher bin, in welche Richtung es gehen soll. Ich könnte jetzt sagen, dass ab der fünften Klasse das Agieren mit Gleichaltrigen eine Farce war. Dass die Jungen mich mit Aggro Berlin und ihrem Verhalten in männlich konnotierten Schulfächern durchgängig degradiert und mich die Mädchen mit ihren Tangas, der Schminke und Kalorien in den Wahnsinn getrieben haben. Wie sehr es mich ankotzt, dass ich mit einem starken Auftreten verschrecke und umgekehrt, wenn ich geschminkt bin und etwas länger überlegen muss, sofort als die hübsche Dumme behandelt werde. Oder dass es mich ankotzt, dass ich mich nur in diesen beschissenen Musikertypus verliebe, der nichts für mich übrig hat, weil ich ihn nicht anhimmeln will, sondern eigentlich selbst meinen Harem haben will, der mich anhimmelt und maximal Muse für meine künstlerischen Werke sein darf. Ich denke mein erhöhter Testosteronwert ist schuld an diesem herrischen Gedanken. Und das System!

Aber einen Text mit Gesellschaftskritik kann man überall lesen. Gibt es schon. Nix neues.

Nehmen wir das hier einfach als Gedankenfragment hin.

Ich habe dieses Jahr einfach gemerkt, dass meine Lernkurve doch langsam nach oben geht. Ich beobachtete meine engsten Freunde beim Feiern meines Ehrentages und kann nun endlich mal im Leben sagen, dass mir alle von ihnen gut tun. Habt ihr mal den Typus Mensch analysiert mit dem ihr am engsten befreundet seid? Mir ist aufgefallen, dass allesamt eher der laute, auf Menschen zugehende Typus ist. So kann ich mich entspannt zurücklehnen, ab und zu einen kleinen Moment Ruhm und Witz abgreifen und dann wieder in die gut unterhaltene Beobachterrolle fallen. Perfekt. Das Umfeld stimmt. Die Person Friedl manchmal auch.

So wie auch in den Texten, ist auch die Person dahinter nicht daran interessiert an Perfektion und Vollkommenheit. Wie die Texte, die manchmal voller Elan, manchmal wortkarg, manchmal unvollständig sind, bin auch ich. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich gerade keinerlei Schimmer habe, wie diese Reflexion enden noch die restlichen Monate dieses Jahres aussehen werden. Ich tue mich schwer mit Regelmäßigkeiten und halte maximal 6 Monate in einem Job durch, bevor ich in Selbsthass zusammenbreche. Das ist eben so, das war immer so. Ich habe weder in Praktika, noch FSJ, noch Studentenjob aufrichtig positives Feedback bekommen. Entweder die Traumtänzerin, die zu ruhig ist oder der Sündenbock, weil man gewisse Verläufe intern hinterfragt und versucht konstruktiv zu arbeiten. Der Mensch Friedl hat Probleme mit Bürokratie, der Arbeitswelt und auch den akademischen Institutionen. Manche kokettieren ja damit, fühlen sich rebellisch und als etwas besonderes. Bei den vielen Extrawürsten, die bei mir zusammenkommen, fühlte ich mich immer eher wie behindert ohne ein Mensch mit Behinderung zu sein. Und dann dachte ich, ich habe vielleicht eine psychische Erkrankung. Doch auch da passte einfach nichts zu mir. Wie immer. Außer es wird bald ein Friedl-Syndrom en vogue sein. Wir werden ja sehen. Bis dahin wünsche ich mir, dass ich weiterhin jedes Jahr an einem Punkt bin, an dem ich mich nie vermutet hätte. Und das ist auch meine wichtigste Superkraft, die ich schätze. Ich scheiße auf Schönheit, Konventionen und Erfolg im herkömmlichen Sinne, breche Studium nach Studium ab, habe Probleme mit Geld umzugehen oder einer geregelten Arbeit nachzugehen, aber ich kann auch mit den Konsequenzen umgehen. Ich brauche den Absturz und die negativen Emotionen, um aus der Wut, Enttäuschung zum Trotz als neue Friedl einen vollkommen neuen Weg einzuschlagen. Vielleicht studiere ich Kunst oder irgendeinen Dreck mit Medien ab September, vielleicht bin ich ab übermorgen Stewardess oder Bestatterin. Oder ich kann auf meinem Sterbebett stolz mit meinem Lebenslauf wedeln, wo dokumentiert ist, dass ich alles, was möglich ist, einmal angefangen habe zu studieren.

Manchmal trifft man sich mit Menschen, die man vor Monaten oder Jahren das letzte Mal gesehen hat. Solange ich da in überraschte Gesichter blicke, weiß ich, dass ich definitiv kein langweiliges Leben führe.

Ich entwickle mich weiter. Ich bilde mich selbstständig weiter. Und darauf kann ich stolz sein. Darauf darf ich stolz sein. Und auf meinen Blog, der heute vier Jahre alt wird! Noch nie habe ich etwas solange durchgehalten. Ein Wunder!

Es hilft übrigens wirklich dem Gemüt täglich in den Planer zu schreiben, welche produktiven Dinge man am Tag realisieren konnte. Mir hilft es sehr weiter, denn mein Gemüt ist sehr schwankend und durch viele Faktoren beeinflusst. Der Psychohygiene nehme ich mich jetzt also mehr an.

Jetzt fehlen nur noch die Liebesbriefe. Und der Erfolg. Und die Schönheit. Und das Geld und der Ruhm. Und die Weltherrschaft.

Als nächstes werde ich mich um meine Körperwahrnehmung kümmern. Und mein Körperbewusstsein. Denn für mich bin ich irgendwie nur ein Kopf, der wichtig ist, wo viel drin ist und das Gebamsel darunter. Daraus könnte ich noch etwas machen. Dann will vielleicht auch wieder jemand mit mir Nazgûl und Orks spielen.

Bis dahin heißt es bei mir back to the basics. Die Frisur wie zur Einschulung, fehlt nur noch ein Bogen und das wunderschöne Kleid, um die verspielte Friedl in den Frühling zuschicken.

Und ja, eigentlich wollte ich nur Kinderfotos zeigen, damit ihr sagt, dass ich mal jung und unverbraucht war.

Erkenntnisse bis Erleuchtungen

20 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Dann mal alles Gute! Und lass dir gesagt sein: Du bist zu jung für eine Midlife-Crisis. Wirklich. Mach da weiter, wo du mit der Selbsthygiene angefangen hast, auch wenn du ganz woanders stehst in deinem Leben, kann ich viele Dinge doch ganz gut nachvollziehen. Sich selbst der positiven Aspekte bewusst zu werden ist ein großer Schritt. Ich musste und muss das auch immer wieder noch lernen.

    Achja und der Hintergrund hier ist immer noch schrecklich! 😀

  2. Du bist immer jung und unverbraucht, und ich denke nicht, dass sich daran etwas ändern wird. 🙂
    Ich würde mich Bullion anschließen und dir ein „Weiter so“ mit auf den Weg geben. Und auch was den Hintergrund betrifft (sorry 😳 ), aber was sagt das über dich aus, das wir trotzdem lesen und kommentieren? Eben, du bist richtig toll. 🙂

  3. Einen freudigen Bloggeburtstag und alles Gute nachträglich zum richtigen Geburtstag! Aprilkinder sind die besten – und ich muss es wissen, denn ich bin auch eins… 😀

  4. Pffff … du kannst ja nichma Zehverehrung zulasssen. Alles überhaupt kein Wunder. Mimimiiiiii, ich passe nirgendwo rein und hatte trotzdem genug Verehrer, um deren Zuneigungsbekundungen (PLURAL!) als peinlich empfinden zu können. Selbstmitleid der Privilegierten.
    Liebesbriefe wegwerfen. Sowas. WENIGSTENS HATTEST DU WELCHE ZUM WEGWERFEN!
    Undankbare Schnalle. Will die Welt mit Liebe erdrücken und wirft die, die sie erhält, auf den Müllhaufen der Geschichte.

    • Ich frage mich wirklich woher das kommt, ich meine, ich hatte eine glückliche Kindheit, mir wurde immer Liebe vermittelt, aber Selbstdemontage ist mein dritter Vorname.

      ICH WEIß, GANZ GANZ GANZ SCHLIMM. Wer hätte denn ahnen können, dass danach nicht mehr soviel kam.

      • Du … bist davon ausgegangen, mit zunehmendem Alter würde es … mehr???
        Wow, das is die arroganteste Selbstdemontage ever.

        Charming as fuck! Wo warst du nur, als ich 18 war …

        …. oh, stimmt, im Kindergarten.
        … Never mind.
        😦

  5. Erkenntnisreiche, tiefgründige Reflexionen! Und süße Bilder! Wobei ich hoffe, dass sich dein Brillengeschmack im Lauf der Zeit verbessert hat.

    Karma ist eine Katze? Ich dachte, Karma ist eine Hündin (pun intended).

    Ich lebe auch immer wieder etwas in Angst vor der Midlifecrisis. Falls es so etwas überhaupt wirklich gibt und es nicht eine Erfindung Hollywoods oder eines großen Konzerns ist, dann ist das nicht nur ein Thema für Männer. Frauen dürfen genauso eine MLC haben! Jawohl!

    Ja, das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Man muss sich halt immer wieder aufraffen. Dann geht es auch wieder besser und man sieht so manches weniger eng usw. Jedenfalls finde ich deine Lebensphilosophie bemerkenswert und ambitioniert. Und wenn du jetzt eine Ausbildung zur Stewardess anfängst, dann bist du sicher rechtzeitig zur Eröffnung der Flughafens BER damit fertig 😉

    In diesem Sinne, weiter so!

    In Friedl we trust!

  6. … du bist wie du bist und das ist genau richtig… du wirst nur nicht mehr gepempert… das muss deine Eigenliebe schon selbst übernehmen… wiege zweimal bevor du du dich entscheidest… 😉

  7. Nachträglich alles Gute zum Geburtstag!
    Das war ein sehr persönlicher Text. Sehr interessante Eigenanalyse.
    Das Einzige, was ich dazu sagen kann: Du bist immer noch jung und unverbraucht. Daraus solltest du etwas machen.Und das Etwas sollte dich glücklich machen. Und laut dem Geschriebenen weißt du, was dich glücklich macht. Also auf geht es! 🙂

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