Keiner findet sich schön

Keiner findet sich schön.

Wohl eher: Keiner sitzt neben mir. Und dass in einer ausverkauften Vorstellung. In meiner Vorstellung jedenfalls würde ich verwegen in der Mitte der letzten Reihe, direkt vor dem Mischpult sitzen, in den 10 Minuten vor Beginn ab und zu den Blick auf meine mitgenommene Lektüre senken, aber eigentlich schweifen lassen. Das Theaterpublikum beobachten, vielleicht auch ein bisschen verachten. Jedenfalls die Gleichaltrigen. Oder mich unsterblich verlieben. Wobei, dass ist ja nicht das Problem. Jemand setzt sich neben mich und verliebt sich unsterblich in mich. So wird ein Schuh daraus. Und dass in einem vollen Haus, wie man so schön sagt, wo die Auswahl an ungeschminkten, alternativen Studentinnen unbegrenzt ist. Sie lieblich vor sich hin vegetieren und meist Arm in Arm mit genauso blonden, bebrillten Studenten zu beobachten sind. Und alle sind gehüllt in Brauntöne. Und keiner findet sich schön. Und keiner sitzt neben mir. Nicht auf der linken Seite, nicht auf der rechten Seite, was traurig und lustig zugleich aussieht. Was sich traurig und lustig zugleich anfühlt. Genauso wie die Inszenierungen von René Pollesch.

Nur leider vergesse ich zu oft, dass ich Theater gar nicht hasse. Nicht mehr, seitdem ich weiß, dass es auch so gehen kann. Aber das fällt einem ja erst ein, wenn es zu spät ist. Wenn alle ein Teil der letzten großen Tage der Volksbühne sein wollen. Ich hole aber keine Kamera heraus. Ich schreibe nicht anderen Menschen während des wohlverdienten Applauses. Ich sammle penibel alle Streichholzschachteln mit Kuttner darauf aus der Tonne, klaue die Hälfte der Kuttnersticker und gehe allein nach Hause, um allein die letzte Staffel „Mad Men“ zuende zu schauen und in Gedanken mir auszumalen, wie die die am lautesten im Publikum gelacht haben, ihre Feierabende auf Tinder und Grindr verbringen. Oder lieber dem Algorithmus von Gleichklang vertrauen. Oder wie mir langweilig wird und ich selbst auf dem Bildschirm hin und her wische, obwohl ich weiß, dass ich mich eh mit niemanden treffen werde. Ist ja auch viel zu anstrengend. Und ich bin müde. Aber zu aufgedreht, um schlafen zu können. Also „Mad Men“ gucken und langsam den Weg in die Schläfrigkeit ebnen. Um die Gefühle zu vergessen.

Vielleicht hasse ich weder Theater noch das dazugehörige Publikum. Vielleicht ist das alles auf sich wirken zu lassen, sich inspiriert fühlen, aber gleichzeitig das Gefühl haben, eine Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie einer Kopie zu sein, anstatt eine Kritik oder Reflexion, ein bisschen anstrengend. Vielleicht sollte ich auch einfach öfter in gute Stücke gehen. Vielleicht habe ich auch einfach nur verdammten Hunger.

Friedl On Tour

6 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Hmm, ich weiß gar nicht mehr, welches Stück ich zuerst von ihm gesehen habe. Das könnte bei den Autorentheatertagen in Hamburg irgendwann vor 13-14 Jahren gewesen sein. Und das fand ich auf Anhieb toll, diese Mischung aus Humor, Gesellschaftskritik, Beziehungskram, Philosophie und auch immer mal wieder so melancholische Momente. Außerdem mag ich das Tempo, den Rhythmus seiner Inszenierungen und dass er die Schauspieler ihren Job machen lässt – und das richtig gut. Der Mix aus Theater und Film / Video ist auch cool. Außerdem ist das mal ein Theatermacher, der Anspruch und Unterhaltung miteinander zu vereinen weiß.

    Oft hat man es ja mit reiner Unterhaltung ohne Anspruch zu tun, was witzig sein kann, wenn es gut gemacht ist, aber es bleibt nichts zum Nachdenken hängen. Oder man kriegt so eine verintellektualisierte, stinklangweilige, überambitionierte, eitle Kunstkacke vor die Füße geknallt, die nur dazu dient, dem Zuschauer unter die Nase zu reiben, was für ein dämlicher Banause er ist, und den Machern dazu dient, sich erhaben, großartig und als was Besseres zu fühlen. Das nervt. Vor allem bekommt man so keine Zuschauer ins Theater, und das ist schade. Echte Kunst, finde ich, schafft es, den Betrachter zu berühren, ihn anzuregen, etwas in ihm auszulösen oder zu verändern. So eitler, narzisstischer Kram macht mich bloß sauer, aber macht sonst nichts mit mir. Und bei Pollesch ist es zwar witzig, aber es berührt einen auch. 🙂

    Vor sieben Jahren habe ich für einen Kulturjournalismus-Workshop mal einen Artikel über Polleschs Theater geschrieben und ihn auf meinem Blog geteilt: https://hamburgischedramaturgie2punkt0.wordpress.com/2010/12/11/21-stuck-das-theater-von-rene-pollesch-%e2%80%93-ein-erklarungsversuch/

    • Du hast es perfekt zusammengefasst! Ich bin außerhalb Polleschs Stücke immer verwirrt bis gelangweilt im Theater, weil ich tendenziell alles nicht ernst nehmen kann, was tut als wäre es intellektuelle große große Kunst. Da muss ich immer lachen und werde von anderen Zuschauern gerügt. Noch schlimmer sind dann die ironischen Stücke, die einem gnädigerweise das Leben (von Flüchtlingen oder anderen krassen Menschen, deren Schicksal man als gut gehender Kunstschaffener ausbeuten kann) erklären wollen, wo alle lachen und man sich einfach fragt, ob man ein Alien ist. *lach*

  2. Wie heißt es so schön? We are all living in Amerika? 😀 Der Trailer erinnert mich verdächtig danach…

    Was ich stets extrem anstrengend finde ist die unbegründete Nacktheit von den Schauspielern, völlig unbegründet, über inszeniert… Völlig unnötig.

    „(…)Arm in Arm mit genauso blonden, bebrillten Studenten zu beobachten sind. Und alle sind gehüllt in Brauntöne. Und keiner findet sich schön. Und keiner sitzt neben mir. Nicht auf der linken Seite, nicht auf der rechten Seite (…)“, war dass etwas der verstecke, tägliche Hitlerwitz? ;D

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