Warum man mindestens einmal im Leben als Wahlhelfer tätig sein sollte

 

  1. Es gibt 50 Euro

Mancher wird zuerst vielleicht verschreckt sein und denken, dass man an einem Sonntag jetzt nicht unbedingt (zusätzlich) arbeiten möchte oder dass für eine Arbeit von 8 bis 18 Uhr das keine würdige Entlohnung ist, aber für Schüler, Studenten und Hartzer wie mich ist es ein gute Arbeit schnell an ein bisschen Geld zu kommen.

  1. Die Arbeitszeit ist kürzer als man denkt und niemand ist gezwungen die Schulung zuvor wahrzunehmen

Wenn man morgens auf seine Kollegen trifft, werden zwei Teams gebildet, so dass in zwei Schichten gearbeitet werden kann. Ich gehe dann immer nochmal schlafen, damit ich dann genügend Energie für die Auswertung der Ergebnisse habe.

  1. Werde Wahlhelfer in deinem Bezirk

So musst du keine Weltreise unternehmen um an deinen Einsatzort zu gelangen und du lernst wirklich viel über deine Nachbarschaft. Ich muss ganze zwei Minuten zu dem Seniorenheim von zuhause laufen und lerne nicht nur sehr viele Anwohner, sondern auch die Bewohner und Mitarbeiter der Einrichtung kennen. Auch Monate später wirst du wiedererkannt und freundlich begrüßt und fühlst dich nicht ganz so anonym in der großen weiten Welt. Empfehlenswert besonders, wenn du erst frisch irgendwo hingezogen bist. Und manchmal, je nachdem ob du Glück hast, steht jemand aus dem Fernsehen vor dir, den du nach seinem Ausweis fragen darfst.

  1. Es gibt nichts inspirierenderes als einen Tag unter Menschen

Ob nun deine Kollegen oder die Menschen, die sich dafür entscheiden an der Demokratie in Deutschland zu partizipieren, wenigstens an dem Wahltag, halten Dialog und Handlungen für dich bereit, die du dir niemals ausdenken könntest. Vor allem wenn du zur schreibenden Zunft gehörst, wartet eine Goldgrube an menschlichen Verhalten und Erscheinungsbilder auf dich, welche soviel über die allgemeine Situation in der Republik aussagt. Anekdoten über Anekdoten.

  1. Spaß

Allein unter Omas, der plötzliche Drang den Herren mit fetten Nazitattoos mit „Heil Hitler!“ zu begrüßen und angeregte Diskussionen mit dem Wahlleiter, warum Ravenclaw das beste Haus wo gibt ist. Du wirst dich nicht langweilen und manchmal sogar hart kämpfen müssen, um Contenance zu bewahren.

  1. Der Sinn für Ästhetik

Menschen, die wählen gehen sind natürlich aus Prinzip etwas attraktiver und durch die Möglichkeit an dem Tag hunderte Personalausweise in Listen abzustreichen und den dazugehörigen Gesichtern mit Rat und Tat beizustehen, kann man diese Chance auch gleich dafür nutzen, an seinen Schäkerfeinheiten zu arbeiten und zu gucken, wer Hübsches denn in der Nähe wohnt.

  1. Werde Meister des Diskurses

Es ist wichtig, einfach immer die richtigen Argumente vorzubringen und diese dem Gegenüber auf eine entwaffnende Art und Weise vor den Latz zu knallen. Dies überzeugend und stets konstruktiv zu tun, kann man im Umgang mit verschiedener Gruppierungen perfekt üben. Hier zwei Beispiele:

a) Ein Reichsbürger möchte mit seinem Dokument wählen gehen. Anstatt ihn zu fragen, was denn mit seiner Logik kaputt ist, freundlichst das Dokument begutachten (wer weiß, wann man so etwas noch einmal in der Hand hat) und in seiner Anwesenheit die für das Wahllokal zuständige Zentrale anrufen und befragen. So wird sich der Reichsbürger furchtbar wichtig fühlen und nachdem er am Telefon vernommen hat, dass man nur mit gültigen Ausweismöglichkeiten wie dem Personalausweis oder dem Führerschein an der Wahl teilnehmen kann, fragt man ihn furchtbar freundlich, ob er denn einen GÜLTIGEN Personalausweis mit sich führt.

b) Ein enthusiastischer AFD-Wähler möchte bei der Auszählung dabei sein. Jeder Bürger hat das Recht sich berufen zu fühlen, darauf zu achten, dass keine Manipulationen durchgeführt werden. Es muss aber Ruhe bewahrt werden. Wenn der AFD-Wähler sich fast mit einer Oma prügelt und allen von vornherein Wahlmanipulation zum Nachteil der AFD unterstellt, dann nimmt man den Menschen zur Seite, weg von den armen Omas, die auf seine angriffslustigen Bemerkungen immer anspringen und sagt ihm, dass man jetzt einmal vor seinen Augen laut einen bereits ausgezählten Tisch mitsamt Stapeln an Stimmen für die AFD durchgehen wird und er, wenn alles zu seiner Zufriedenheit ist, still an seinem Platz zu verweilen hat. Die Wahlhelfer haben sich nämlich zu konzentrieren und wenn er sie ablenkt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass doch leider leider ein paar Stimmen aus Versehen bei gewissen Stapeln verloren gehen könnten. Und das wollen wir ja nicht.

  1. Lerne das System in dem du lebst kennen

Wenigstens ein bisschen hat man das Gefühl nach dem Tag, die politischen Abläufe nachvollziehen zu können. Hilft auf jeden Fall bei Politikverdrossenheit. Und du musst bei unklaren Wahlzetteln mit deinen Kollegen über die Wertung entscheiden. Das Verantwortungsbewusstsein wird dadurch natürlich auch wunderbar aktiviert.

  1. Das große Ganze

Sobald du selbst involviert bist, interessiert du dich automatisch auch mehr für das Endergebnis der Wahl. Du entwickelst ein besseres Verständnis für politische Zusammenhänge und wie gewisse Ergebnisse zustande kommen. Es ist einfach näher an dir dran und du fühlst dich einfach nicht unbeteiligt. Gute Wutbürger-Prophylaxe.

  1. Das kleine Ganze

Dadurch, dass du ja an dem Tag deine Pappenheimer kennengelernt hast und wahrscheinlich bei vielen bezüglich der präferierten Partei gnadenlos daneben gelegen hast, kannst du nach Veröffentlichung der endgültigen Wahlergebnisse lokaler Art gut ablesen, was in deinem Bezirk für eine Stimmung herrscht und was deinem Bezirk gut tun könnte. Du lernst ein wenig taktisch zu wählen. Oder freust dich einfach, dass du mit deiner Stimme etwas ausgemacht hast, da man selbst ja für alle Parteien einen Teil der Stimmen eigenhändig ausgezählt hat und oftmals nur wenige Zettel Vorsprung den Gewinner am Ende des Tages zum Gewinner machen.


Dieser Text bezieht sich allgemein auf alle Wahlen in allen Bundesländern, so dass auf Unterschiede der Stimmzettel, der Wahllokale oder dem Prozedere an sich keine Rücksicht genommen werden konnte. Alles basierend auf meiner bisherigen Erfahrung als Wahlhelfer bei verschiedensten Wahlen in Berlin. Und jetzt fühl dich wichtig und toll und singe das im Wahllokal:

Experiment: Leben

9 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. 1) 50 Euro? Steuerfrei? Bar auffe Kralle? WOW! 10 Stunden verantwortungsvolle Tätigkeit weit unterhalb des Mindestlohns klingt super, gerade für wertlose Randgruppen ohne Selbstwertgefühl und Beschäftigung. #PolitischerMittelfinger
    2) Wenn du die Schulung nich krichst, stehste dann nich nur deppert im Weg rum und machst den „Kollegen“ mehr Arbeit, statt diese zu entlasten?
    3) Glaube mir, in meinem „Bezirk“ grüßt mich niemand freundlich. Gerade WEIL wir uns hier alle kennen. Schon lange. Sehr lange. ZUUUUUU LANGE!
    4) TSCHIEEESES FAKKING KREIST! Großstädter und ihre grenzenlose Naivität …
    5) Hufflepuff! Hufflepuff! HUFFLEPUFF!!!! HOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO!
    6) Wie gesagt … ZUUUUUU LANGE!
    7) Klingt nett und alles, aber wenn du ihn schon als allgemeingültige Anpreisung fürs Wahlhelfen an sich verkaufst, deinen Erlebnisbericht, tu wenigstens so als sei dir bewußt, daß Deutschland zum Großteil aus Hinterland-Einöde besteht und das verfickte Berlin und seine Lebensart die Ausnahme darstellt, nicht die Regel. Über Diskurse wie „Guhde, Gerd. Warsche beim EffZehh am Sammschtahch?“ kommt unsereins beim Wahltreiben nicht hinaus und selbst derlei Zombie-Geblubber hat es nur deshalb, weil noch nicht alle kapiert haben, wie sehr sie es genießen, sich gegenseitig zu verachten.
    8) Nur weil die Sekretärin am Empfang die Abläufe kennt und ihre Karteikarten im Griff hat, heißt das noch lange nicht, daß der Chef im Hinterzimmer nich koksend ihre Tochter schwängern würde auf Bergen von Kinderporno-DVDs.
    9) Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten.
    10) WESENTLICH ZUUUUUUU LANGE!!!!

    Dieser Kommentar wurde geboren aus Verbitterung über das aktuelle Umfrageergebnis für die FDP, akuten Allergieschüben und Spaß am Niederreden des unangebrachten Optimismus junger Frauen ganz allgemein.

    Unrelated Question: Wenn ich dir nen Kuchen backen würde, würdest du den dann essen, oder nur die Nase drüber rümpfen und sagen: „Vegan issat nich!“?

    • 1) Keine 10 Stunden Arbeit. Und es gibt auch Menschen, die zum Beispiel gerade 18 geworden sind, in der Abiphase keine Kraft haben nebenbei regelmäßig arbeiten zu gehen, aber trotzdem zu Konzert XY gehen möchten.
      2) Ich empfehle die Arbeit als Schriftführers, da muss man nur Persos angucken und Namen abstreichen. Dazu braucht man keine Führung und im Notfall kann man den Teamleiter alles fragen. Und die größte Arbeit des Tages ist das Aufbauen der Wahlkabinen. Und das wird in der Schulung nicht geübt.
      3) Dann werde Wahlhelfer im Bezirk nebenan.
      4) Ich bin nicht naiv. Es ist nur einfacher als man denkt, einen Menschen das Gefühl zu geben machtlos zu sein (Ein Gespräch beim Jobcenter) oder der König der Welt zu sein (ein Gespräch mit Friedl). Und es ging bei Nummer 4 auch primär um Inspiration bzgl Charaktere, die man sich niemals selbst ausdenken könnte, weil sie kein bisschen sind wie du oder so fernab deiner Realität ein womöglich besseres Leben als du führen.
      5) Loser.
      6) Nein.
      7) Kleinstädte ja, aber ich habe in der dörflichsten Gegend die man sich vorstellen kann bei einer großen Familienfestivität vom Koch persönlich eine Gemüsepfanne kreiert bekommen, da bei sämtlichen Beilagen Speck war. Und ich hatte ihn nicht darum gebeten, sondern er sprach mich an als ich versuchte die Bohnen herauszupulen. Generell habe ich bisher erlebt, dass mir je weiter entfernt optisch und gesellschaftlich ein Ort von Berlin entfernt ist, desto akzeptierter sind meine Macken. Find ich schön. Vielleicht solltest du umziehen.
      8) Die Sekretärin oder Sekretär entscheidet aber, welche Dokumente und welche Termine an den Chef oder die Chefin, egal wie moralisch verwerflich er oder sie ist, herangetragen werden.
      9) und 10) Ich finde Leute die das sagen, machen es sich zu einfach.

      Allergie ist scheiße. Pollen? Werde doch einfach vegan. Dann ist dein Körper perfekt.
      FDP vermisse ich aus einem Grund: https://www.youtube.com/watch?v=3DOE8b21NcA

      Wenn du ein Kuchen backen würdest, dann würde ich ihn bei einem Kaffeeklatsch meinen Freunden anbieten und protokollieren wie er wohl schmeckt und dies in meiner Danksagung für die nette Geste vermerken. Wahrscheinlich mit Grüßen.

      • 9) und 10) Wenn ich mir Dinge einfach mache, gibt es immer gute Gründe dafür.
        8) Nein. Die Sekretärin trägt ALLE Termine und Dokumente an den Chef heran, sie entscheidet garnix, sonst fliegt sie raus.
        7) Is eventuell doch ein Unterschied, ob man sein Leben im Gulag zubringt oder mal für’n Stündchen im Restaurant „Zum Gulag“ dem Personal als Gast schöne Augen macht?
        6) Doch.
        5) Bully!
        4) Naiv UND philanthrop. Pures Dynamit. Ich wünsch dir Glück.
        3) Das geht nich, die schießen auf Sicht.
        2) Empfehlung einer Deutschen mit Kindeswunsch: am besten Führer! Zeig mir deine Wahlkabine, Fräulein Grimm, und ich mach dir ein Mutterkreuz.
        1) Was für Konzerte besucht man denn so für 50 Euro? „Die Offerbacher Heartbeats spielen Roberto Blancos größte Hits“??? Is wahrscheinlich wieder so’n Berlin-Ding … bei uns im Hinterland ist bereits die Anfahrt zu allem, was sich zu sehen lohnt deutlich teurer als 50 Euro, da hilft auch Unkrautfressen nich.
        Ja, Umziehen. Sicher. Geh doch nach Drüben. Nix einfacher als das. Perfekter Körper durch Sellerie. ARGH.
        ES GIBT TAGE, AN DENEN KÖNNT ICH DICH …
        bewundern ob deiner Unverdrießlichkeit. Mögest du sie dir bewahren. Das hoffen wir alle.

      • Vorteil der Großstädter lieber Herr Samuel, ich habe Avatar, Myavi, Leningrad44 und Lords of the Lost für alles unterhalb der 30€ Grenze geschoßen. Von 10€ pro Woche zu Leben ist die wahre Kunst 😉

      • Gib mir 150 und ich erklär dir genau, warum Hufflepuff die einzig annehmbare Alternative darstellt! Wenn du dann noch Lust hast, in Leningrad rumzuballern, sag mir bitte Bescheid, ich schick ne Drone mit Discokugel.

      • Klar, rumballern. Weil jeder Jugendlich sich gleich in die Rebellion stürtzt wie die Soldaten in einem Ego-Shooter…. Natürlich, soll ich sonst noch irgendwelche Klischees erfüllen?

        Die Discokugel nehme ich allerdings gerne und die 150 auch. Dankeschön

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: