Das letzte Mal Volksbühne: Von Mainz bis an die Memel CXXXIV : Superlativen

 

Ich weiß, ich bin nicht die Richtige, um diese Kritik zu veräußern. Theater und ich, das war ein schwieriger Start. Als Kind von der einer Inszenierung von „Das kalte Herz“ traumatisiert, in der Schule von klassischen Stoff terrorisiert, habe ich erst spät einen Hoffnungsschimmer erleben dürfen. „Kill Your Darlings! Streets of Berladelphia“ von René Pollesch in der Volksbühne. Ich wusste bis dahin nicht, dass man sich beim Schauen eines Stückes so fühlen kann. Die perfekte Mischung aus Humor und Melancholie. Eine Magie, die man oftmals im Alltag vergeblich sucht. Doch wie bei allen Dingen, nahm ich die Volksbühne als gegeben hin. Ich war mit wirklich talentierten Schauspielerinnen befreundet, doch ihr Einfluss zementiert sich erst jetzt, wo wir längst getrennte Wege gehen. Es ist wie bei allem. Der Wert einer Sache oder Person wird einem eben erst bewusst, wenn die Verabschiedung längst vonstatten ging.

Komisch oder, wie man dann fast zur Karikatur eines anderen wird ohne es zu merken?

Egal.

Ich werde jetzt kein Plädoyer halten (Lüge.) oder Chris Dercon verurteilen (Lüge.), obwohl er mir zutiefst unsympathisch ist. Generell sind mir Leute, die auf so ein Maß an Antipathie kühl reagieren, sehr suspekt. Stichwort: Tim Renner und die Bierdusche.

Ich habe seit einiger Zeit das Gefühl, dass Berlin, sobald jeder Fleck verschachert wurde, alles tourismusfreundlich und in teurer Investorenhand ist, kurz vom kollektiven Ausrasten steht.

Von den 10 000 Wohnungen, die jährlich gebaut werden, sind 1000 Sozialwohnungen. Und so ähnlich geht man eben auch den Kultursektor an. Es muss hübsch, prestigereich und angepasst an andere große Metropolen sein. Etwas womit man sich als Politiker schmücken kann.

Während ich im HAU oder im Berliner Ensemble saß und mich fragte, was die auf der Bühne mit ihrer modernisierten Fassung von Stück Z oder einem Herumgetanze zur Flüchtlingskrise von mir wollten und dafür durch halb Berlin fahren musste, fing mich die Volksbühne, zu der ich einfach nur in eine Straßenbahn plumpsen musste, mit ihrer herben, rücksichtslosen Art auf beruhigende Weise auf.

Und das fiel mir zu spät auf.

Ich habe seit Januar vieles gesehen, was zum letzten Mal aufgeführt wurde. Ich habe noch nie so viele Theaterschaffende auf der Bühne gesehen, die während des Abschlussapplauses unter Tränen und als Privatpersonen ihre Emotionen so deutlich kundgetan haben. Viel Wut, sehr viel Schmerz. Und das ist schlicht ergreifend scheiß indiskutabel.

Und so musste ich mich emotional nun auf mein letztes Mal Volksbühne einstellen. Wieder ein Saal voller wehmütiger, trauriger oder sensationsgieriger Menschen. Der letzte Videoschnipselvortrag von Kuttner nach über 20 Jahren in dem Gebäude. Ich konnte schon zum offiziell vorletzten weder in Worte oder Kritzeleien fassen, wie wenig ich damit umgehen konnte, Kuttner weinen zu sehen.

Klitschnass lief ich barfuß in meiner Strumpfhose durch das Foyer, erfreute mich an der spannenden Menschenansammlung. Deichkinder, Henry Hübchen, die Hegemanns und andere Freunde des Hauses mischten sich mit dem Kuttner-Klientel, also alles von 16-99 Jahre, Westberliner, Ostberliner, Zugezogene, alles dabei. Bevor ich mich endgültig setzen konnte, fasste ich schnell meinen Mut zusammen und ging zum Tischchen auf der Bühne und legte noch ein kleines Dankeschön bereit. Danach war meine Anspannung verflogen, die des restlichen Publikums war jedoch deutlich spürbar. Ich habe zwei Fastprügeleien beobachtet.

Es war eben kein gewöhnlicher Abend. Die Videoschnipsel waren zutiefst persönlich, ob nun russische Bob Dylans, wo schon die erzählten Anekdoten einen die Tränen in die Augen treiben, Frank Castorfs Pöbeleien inklusive Konterpöbeleien anwesender Schauspieler in einem Fernsehbericht oder Szenen der Eröffnung des Media Markts im Alexa Einkaufszentrum, wo es zu 15 Verletzten kam und die abgesperrte Masse an Menschen, die nicht hineinkommen „Wir woll’n kaufen!“ skandierten.

Der Irrsinn des Menschen in einer Nussschale.

Und natürlich am Ende mit Heiner Müller und Joseph Beuys.

Es war eine aufrichtige Veranstaltung. Mehr wollte ich nicht. Keine Beschönigungen, keine Show für die Unterhaltungssüchtigen, sondern ein konsequenter Umgang mit der Situation.

Der Beifall hielt lange, die Wertschätzung war spürbar, das Saufgelage in der Kantine mitsamt famoser Blaskapelle für alle eröffnet.

Bevor ich mir auch ein Bild von den Innenräumen, den coolen Leuten, die sich hinter und auf der Bühne tummeln, machen konnte, verabschiedete sich meine Mama mit einem Augenzwinkern und drückte mir schelmisch etwas in die Hand, von dem sie wusste, dass es mir beim Anblick am nächsten Morgen, viel bedeuten würde.

Da hat’se einfach dit Reihenbeschilderungsschild der Reihe, in der wir saßen, jeklaut. Trost spenden konnte sie schon immer gut.

So tanzten ich ein bisschen in der Kantine den emotionalen Stress weg, wechselte kleine Solidaritätslächeln und beobachtete ein schön anzusehendes Trotzverhalten. Man stirbt eben nicht durch Veränderungen, aber meckern ist in Berlin erste Bürgerpflicht.

Der Abend wurde zum Abschluss rund. Der Ausgang war gefunden, meine Schuhe nur noch feucht und nicht mehr triefend und daneben standen der Meier, der immer die Videoschnipsel koordiniert und auch wenn er nichts sagt, wie der freundlichste und gutherzigste Mensch der Welt wirkt und der Kuttner, vertieft in ein Gespräch mit jemanden. Einmal vorbei, Ausfallschritt und dann doch überwunden kurz hinzugehen.

Je mehr mir die Arbeit eines Menschens bedeutet, je mehr er mich geprägt hat, desto intensiver ist bei mir das Alptraumszenario von der jeweiligen Person richtig zur Sau gemacht zu werden. Don’t meet your idols unless you don’t need their inspiration anymore. Sach ich immer. Doch die Ungewissheit nagte an mir und ich fragte kurz nach, ob der Kuttner denn sein kleines Präsent entdeckt und mitgenommen hat. Hat er. Friedl glücklich. As simple as that. Ein kleines feines Momentchen. Für mich jedoch sehr bedeutsam.

Ab September erhält Kuttner die Möglichkeit im deutschen Theater weitere Videoschnipselvorträge halten zu dürfen. Ich habe aus meiner Unachtsamkeit gelernt und plane bis an mein Lebensende keinen zu verpassen.

Wertschätzung, Leute.

Ich habe mir jetzt alles von und über Heiner Müller aus der Bibliothek ausgeliehen. Abbitte quasi.

Heute um 20:30 Uhr endet die letzte Vorstellung in der Volksbühne. Danach ist ein Straßenfest angesagt. Ich hoffe, man beschließt einfach kollektiv dat Ding danach anzuzünden. Da bin ich ehrlich.

Ist nicht sonderlich konstruktiv, aber was soll ich sagen…

Ich bin nur eine abgebrochene Regiestudentin, die Schauspieler liebt. Die die Kunst liebt, die gemacht wird aus einem lebendigen, unerklärlichen Drang heraus, ohne Erklärungen und Eingeständnisse an ein Publikum im primären Fokus. Ehrlich, direkt und mitten ins Herz.

Jeht doch zur Schaubühne!


Nettes Interview mit Kuttner

Netter Artikel aus der Berliner Zeitung

Nette Doku über die Volksbühne

Noch einer der sich herrlich aufregt

Nettes zu dem kommenden Programm von Dercon

Freaks, Einzelkämpfer, Individualisten

Und dann gibt es noch die Partei DIE PARTEI

Friedl On Tour

5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ohne von mir behaupten zu können, jemals einen besonderen Bezug zur Volksbühne gehabt zu haben … oder zu Kuttner … oder zu Berlin … oder zur Kunst …

    kann ich den Geist des Besonderen, Einzigartigen spüren, der aus deinen Zeilen drängt.
    Und dein Plädoyer für das ehrliche, ungefilterte Kunstschaffen stürzt auch mich in Anwandlungen von Solidarität und Trotzigkeit.
    Wertschätzung, Leute.
    Amen, Schwester!

      • Ich habe zum Einschlafen noch eine Doku laufen lassen, wo. Viele Incestoren zur Wort kommen. Und da hatte ich schon in das Bedürfnis in den Fernseher zu springen. Wat für Unsympathen. Würde mich da gerne als professioneller Schellenverteiler revanchieren.
        Ach ja, das Interview mit Kuttner und die kleine Doku sind wirklich spannend! 💪🏾👍🏾🤘🏽

    • Du wirst von mir auch noch eine ungefilterte Version des Abends hören. Da lachste dich dann tot. 😘 Ich werde definitiv noch einen Artikel über Kuttner veröffentlichen, um mal für einen leichteren Zugang zu schaffen.

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