Anleitung für den suizidalen Menschen

Dieser Text ersetzt nicht die Hilfsangebote und Maßnahmen von psychiatrischen Einrichtungen, fachlich ausgebildeten Therapeuten, Medizinern oder Ehrenamtlern, an die man sich sich jederzeit wenden kann.

Suizidalität definiert sich als „die Summe aller Denk-, Verhaltens- und Erlebensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch Handelnlassen den eigenen Tod anstreben bzw. als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen“. (Woltersdorf)

Thesen, Theorien, Prävention, einen Suizidpräventionstag, man findet wirklich einiges, wenn man recherchiert. Es wird Initiative ergriffen, aufgeklärt und versucht ein Zeichen zu setzen. Doch macht dies den Begriff „Suizidalität“ greifbarer? Hilft ein Nummernkatalog in dem Moment, wenn man sich seiner Gedankenwelt ausgeliefert fühlt und nicht weiß, was in der nächsten Minute geschehen wird? Ich habe eine Liste herausgearbeitet mit Maßnahmen für die Stunden zwischen Mitternacht und 5 Uhr, die oftmals so realitätsfern und unheimlich sein können. Ich hoffe sie bietet Anregungen oder wenigstens Ablenkung.


  • Die psychische Gesundheit 

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das erste Mal Suizidgedanken verspürte, wahrscheinlich zu Beginn der Pubertät, aber ich kann mich sehr genau an das letzte Mal erinnern. Ich saß in der Straßenbahn Richtung Ausbildung, ein, zwei Tage vor der Weihnachtsferien letztes Jahr und zwischen der Freude auf das gemeinsame Frühstück und den Planungen, wie ich bis zum 24. Dezember am effizientesten alle Geschenkvorbereitungen erledigen kann, sah ich vor meinem inneren Auge, wie ich nach einem deprimierenden Heiligabend einfach das komplette Medikamentenkörbchen ausräume und mir die Enttäuschung und Demütigung der restlichen Feiertage nicht geben werde und zuhause einen richtig pathetischen, halbgaren Suizidversuch unternehme, so mit Geigenmusik untermalt und weinenden Familienmitgliedern, die danach von Zauberhand sich dafür entscheiden an der Dysfunktionalität des Konstrukts zu arbeiten. Und natürlich standen auch alle männlichen Wesen, die ich jemals toll fand, um mein Krankenhausbett und mich, voller Angst und Schuldgefühl und gelobten ewige Liebe.

Da saß ich in der Bahn und war erst einmal schockiert. Angeekelt von dieser manipulativen Art und natürlich beschämt über die weiche Methode, die sagt: „Hey, ich meine es nicht wirklich ernst, ich will nur allen Außenstehenden bestmöglich wehtun.“ Der Gedanke biss sich aber fest und ich zählte die Tabletten, versteckte sie in einer schönen Dose unter meinem Kopfkissen und es war nun mein bittersüßes Geheimnis.

Und ab so einem Moment realisiert man, dass irgendetwas nicht stimmt und man kurz innehalten und sich umschauen sollte. Neben der Eigen- ist natürlich auch eine kleine Familienanamnese hilfreich.

Ich bin familiär seit der Grundschule vorbelastet, da mein Opa sich suizidierte. Dass heißt, ich habe jetzt fast zwei Jahrzehnte lang beobachten können, was ein gewaltsamer früher Tod mit einer Familiendynamik anstellen kann. Desweiteren finden sich auch gehäuft psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen. Ich kann also davon ausgehen, dass ich ungünstige Prädispositionen, für die ich tatsächlich nichts kann, mit mir führe. Somit könnten die Suizidgedanken ein Symptom sein, beispielsweise von einer depressiven Episode. Ich als großer Freund von Psychotherapie, empfehle übrigens jedem dieses wunderbare Luxusgut, eine Stunde lang nur über sich selbst reden zu dürfen ohne dafür im Austausch jemand anderem zuhören zu müssen.

Ich konnte jedoch eine andere mögliche Ursache ausmachen, die mir prägnanter erscheint als mein Normallevel an psychischen Stress. Ich kann seit Monaten nicht vernünftig schlafen und es gibt Studien, die eine Verbindung zwischen Insomnie und erhöhter Suizidalität aufzeigen. Da da auch wieder das gute Serotonin eine wichtige Rolle spielt, erhärtet sich bei mir der Verdacht, dass bei mir und meinen Neurotransmittern im Hirn definitiv einiges suboptimal läuft. Ich habe also eine Spur, die den Schmerz ein wenig lindert und mich wenigstens kurzzeitig aus der Gedankenspirale hinauszieht.

Was es bewirken soll: Du bemerkst, dass zermürbende, festsitzende Eigentodesphantasien keine Ausgeburt eines schlechten Menschens sind, sondern dass sie ein Hinweis auf eine psychische oder physische Erkrankung sein können und es sehr viele Möglichkeiten gibt, diese zu behandeln. Suizidalität ist multikausal und unglaublich individuell.

Was es nicht bewirken soll: Bitte achte darauf, dass du nicht zum Hypochonder wirst, der sich nur noch über seine (angeblichen) Krankheiten und Defizite definiert. Nur weil du irgendwann mal eine Diagnose erhalten hast, bedeutet das nicht, dass du mit dieser für immer verbunden sein musst. Und bitte vergleiche niemals dein Leid mit dem anderer. Da gewinnt keiner.


  • Das Kartenhaus

Wenn man in einer starken Suizidalität steckt, dann ist Planung erforderlich. Die Alltagsbewältigung wird schwierig. Meist hat man spätestens jetzt Schlafprobleme, zieht sich nur noch zurück und kommt aus dem Bett nicht heraus oder treibt sich nur noch herum und vollzieht leichtsinnige, gefährdende Handlungen. Impulsiv und hoffnungslos wird man langsam zu seinem größten Feind. Ich habe in solchen Phasen besonders ambivalente Empfindungen, sehr zerrissen zwischen der Nichtfähigkeit zu Leben, aber auch der zu großen Hemmschwelle sterben zu können. Stichwort Parasuizid:

„Die meisten Menschen, die Selbstmordhandlungen begehen, wollen nicht entweder sterben oder leben. Sie wollen beides gleichzeitig, gewöhnlich das eine mehr als das andere.“ Stengel (1969, S.74)

Man wandelt da ein wenig wie ein Geist in seinen Gedanken, wenn man täglich die Herausforderung annimmt, zu versuchen den Tag zu überleben. Und darum geht es tatsächlich. Das Ziel ist es, den Tag zu überstehen. Babyschritte sind hier angebracht.

Wichtig ist dann, dass metaphorische Kartenhaus wieder aufzubauen. Am besten schaut man sich dazu einfach mal Die fünf Säulen der Identität nach H.G. Petzold an:

http://www.daju.ch/files/daju_ch/files_kurse/dokumente/Jusesotagungen/Juseso%20Herbst%202015/Petzold.pdf

Und dann braucht man sich wahrscheinlich nicht wundern, warum man sich gerade in einer Krisensituation befindet. Ich habe Schlafstörungen, habe deswegen enorme Schwierigkeiten jeden Tag dem Ausbildungsunterricht beizuwohnen und Leistung zu erbringen, bin enttäuscht, dass mir meine Tradition des Baumschmückens entzogen und ich zur Hälfte aller Familienfestivitäten ausgeladen wurde und bin finanziell nachdem alle monatlichen Rechnungen beglichen sind, komplett pleite und weiß nicht, wie das werden wird, wenn ich im April 25. Jahre alt werde und somit das Kindergeld entfällt. Und seitdem ich im Sommer ein Antibiotika nehmen musste und die Ärztin mir mit Vaginalmykose drohte, wenn ich nicht hin und wieder einen Joghurt esse, bekomme ich so Käsefressflashs, was die Veganerpolizei nicht gerne sieht. Somit volle 5 von 5 Säulen wacklig. Man darf sich für seine Stärke nun gratulieren.

Und dann? Sich am besten sowohl kurzfristige als auch langfristige Ziele einfallen lassen und pro Säule Prioritäten festlegen.

Bei mir sind besonders Konzerte ein regelmäßiges Ziel. So war Ende des Jahres tatsächlich mein Gedanke an 2018, dass ich ja zu Nine Inch Nails gehen muss und gar keine Zeit zu sterben habe, schließlich ist es die Lieblingsband. Ansonsten sieht der Plan so aus:

  1. Säule: Schlafprobleme ärztlich behandeln lassen
  2. Säule: Kontakt zur Kernfamilie abbrechen
  3. Säule: Ausbildung an erster Stelle, somit ich an erster Stelle in meinem Leben
  4. Säule: Kein selbstverletzendes Verhalten ergo keine Onlinekäufe, wenn man Belohnung braucht, aber der Dispo nun mal ausgereizt ist und man sich bei Freunden verschulden muss
  5. Säule: Dein Körper zahlt dir das schon heim, wenn du wieder Cornflakes mit Milch frisst. Vielleicht kommt ja bald der Lerneffekt.

Was es bewirken soll: Die Zukunft nimmt tatsächlich Gestalt an und wird greifbar. Und vor allem werden die Baustellen bezwingbar.

Was es nicht bewirken soll: Diese klassische Theorie von Petzold soll dich nicht überfordern. Setze dir erreichbare Ziele, bespreche dich mit deinen engsten Vertrauten und hole ihre Meinung ein. Andere Blickwinkel, andere Lösungswege. Oftmals sind es nur kleine Problemchen, die in der Summe ein riesigen Konflikt machen. Schritt für Schritt abarbeiten, anstatt sich selbst zur selbst erfüllenden Prophezeiung zu machen, die dafür konzipiert ist, zu scheitern.


  • Die Hemmschwelle

Der wirklich unangenehme Part ist eigentlich immer sich mitzuteilen. Ich habe weniger Probleme mir die Blöße zu geben und zu sagen, dass es mir gerade nicht sehr gut geht. Sobald es ausgesprochen ist, wird man ja, wenn man sich ein kompetentes Umfeld geschaffen hat, mit Liebe und Empathie meist überrannt. Es kann natürlich auch böse nach hinten gehen und man steht allein da. Das hatte ich auch schon mehrmals im Leben. Dass man wirklich dachte, man sei mutterseelenallein. Für immer einsam. Und das faszinierende ist, dass dieser Zustand niemals von Dauer ist, wenn du es verdammt nochmal in die Welt hinaus brüllst.

Ich bin heute mit Leuten aus der Schulzeit befreundet, mit denen ich damals so gut wie nie etwas zu tun hatte, aufgrund von einem Smalltalk, einem Treffen, wo sich beide Parteien einfach für harte Ehrlichkeit bezüglich des eigenen Befindens entschieden haben. Ich wurde an den See für ein paar Tage verschleppt, ich wurde zum Essen eingeladen, mir wird immer wieder, trotz viel zu langer Wartezeit Geld geliehen und mir werden von Personen, die mich nur über meine Stimme und meinen Schreibstil kennen, die mich vielleicht ein oder zweimal gesehen haben, wundervolle Pakete, Karten, Mails, Sprachnachrichten und Briefe gesendet. Es ist wirklich so, wenn du denkst, du bist ganz unten und du bist überfordert mit allem und hast die Suche nach dem Sinn längst aufgegeben, dann kommt da meist ganz keck aus der Ecke ein Menschlein gesprungen, mit dem du auch nie gerechnet hast, und ist verdammt liebenswürdig zu dir. Und dann erzählst du eben schnell, was da tagtäglich in deinem Kopfkino läuft, der andere hat vielleicht ähnliches zu berichten und auf einmal ist die Thematik vielleicht nicht mehr so lebensgroß und die Bürde nicht mehr so schwer.

Was es bewirken soll: Die Suizidgedanken sollen ihre Macht verlieren und du gefälligst Hilfe annehmen.

Was es nicht bewirken soll: Es wird Menschen geben, die im ersten Moment überfordert sein werden. Gib ihnen die Chance zu verarbeiten und zu verstehen und nutze dies nicht, um sie abzustoßen und dir somit selbst wehzutun.


  • Das Mantra

Es wird Augenblicke geben, die sich unerträglich anfühlen. Irgendwo zwischen Entzug, Exorzismus, Herzinfarkt und absoluten Kontrollverlust über Körper und Geist. Der Schmerz in deinem Herzen wird sich wahrhaftig so anfühlen, als wirst du daran elendig verrotten. Dein Mantra für diese Zeit ist:

Es ist ein Gefühlszustand, den ich jetzt habe. Er dauert nicht an. Er geht vorüber.

Was es bewirken soll: Du lernst mit extremen Gefühlszuständen umzugehen und erwirbst die Fähigkeit Krisen aller Art in deinem Leben zu bewältigen. Und du lernst zu akzeptieren, dass man auch sehr oft daran scheitert und Mist baut, aber dazu dann im Teil „Die Eskalation“. Ich empfehle übrigens die Anschaffung von Hunden und/oder Katzen. Die können mit ihrem Wunsch nach Nähe, Liebe und Streicheleinheiten einen tatsächlich entspannen und langsam in den Schlaf schnurren, bevor man anderweitig versucht einem unerträglichen Gefühlszustand zu entweichen.

Was es nicht bewirken soll: Deine Gefühle, dein Bier. Da hat dir niemand hineinzureden, wie du damit umzugehen hast.


  • Die Recherche und Reflexion 

Ich kann mich noch erinnern, wie ich in der Blüte der Adoleszenz Suizidmethoden gegooglt habe und als erster Link noch ein Selbsthilfeforum (Name vergessen und auch nichts auffindbar) angezeigt wurde. Ich meldete mich an, schrieb einen Eintrag und fühlte mich schlechter als vorher aufgrund des Feedbacks. Du hast die Menschen, die dir sofort raten professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber du hast da auch sehr, sehr viele Menschen, die dein Leid herunterspielen, die eigentlich nur über ihre Traumata und Diagnosen reden und die Elendstouristen, die sich an deinem Leid aufgeilen. Und ich persönlich habe meine Probleme mit eben jenen, die alles mit dem Hashtag #sadanddepressiveandwhatever versehen und jeden Satz mit „Ich als Mensch mit Borderline, Bulimie und [INSERT DRAMA HERE]“ beginnen. Diese Personen umweht ein Hauch zu viel Narzissmus, der eher dazu führt, dass Jugendliche wieder anfangen ihre Mitschüler als „Emos!“ zu beschimpfen, als das produktive Gespräche zur Suizidalität und zur Prävention entstehen. Deswegen ist ein wichtiger Schritt die eigene Recherche. Und damit meine ich nicht, sich traurige Dokumentationen über suizidale Kindern anzugucken oder eben sich in unprofessionellen Chats einzulesen, sondern Material auf sich wirken zu lassen, was einen neuen Blickwinkel zutage fördert. Die Suizidologie ist eine relativ neue Wissenschaft, die viele Theorien und Versuche zu bieten hat, die aber bisher empirisch noch sehr wacklig stehen. Und so kann man noch recht unverfangen reflektieren und abgleichen, ob die Ansätze eines eher esoterischen Dr. Hanisch vielleicht gar nicht so sehr Unfug sind oder inwiefern man sich von den TEDTalks motivieren lässt.

Was es bewirken soll: Du erweiterst deinen Horizont und hast neue Erkenntnisse, die zu neuen Herangehensweisen führen, wenn du wieder in einer akut suizidalen Phase bist.

Was es nicht bewirken soll: Du gehst nicht auf Seiten und Videos, die deine Suizidalität verstärken. Wir arbeiten lösungsorientiert.


  • Die Konfrontation

Eine spannende Theorie ist die The Interpersonal-Psychological Theory of Suicidal BehaviourLaut dieser wird ein Individuum sich nicht suizidieren bis es sowohl das Verlangen als auch die Fähigkeit für diese Handlung hat. Das Verlangen setzt sich durch die Komponenten „Perceived Burdensomeness“ und „Low Belonging/Social Alienation“ und die Fähigkeit aus „Acquired Ability to Enact Lethal Self-Injury“ und „The Interactive Nature of the Theory“ zusammen. Ich versuche die Essenz mal zusammenfassen, man vergebe mir spontane Fehlübersetzungen.

  • „Perceived Burdensomeness“: Je tiefer verankert die eigene Anschauung ist, dass der eigene Tod auf sozialer Ebene (also für Familie, Freunde oder die Gesellschaft) wertvoller ist als das weitere Leben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit des suizidalen Verlangens.
  • „Low Belonging/Social Alienation“: Je niedriger das Zugehörigkeitsempfinden und je höher das Gefühl sozialer Isolation ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit des Auftretens suizidalen Verhaltens.
  • „Acquired Ability to Enact Lethal Self-Injury“: Um zu einem Suizid fähig zu sein, muss das Individuum zu einer tödlichen Verletzung des eigenen Körpers fähig sein. Dies ist dann gegeben, wenn das Individuum durch angst- und schmerzvolle Erfahrungen, die auch den Selbsterhaltungstrieb beinhalten (weiß nicht an welcher Stelle ich den sonst erwähnen soll) eine höhere Schmerztoleranz und eine Furchtlosigkeit im Angesicht des Todes entwickelt.
  • „The Interactive Nature of the Theory“: Es ist noch nicht geklärt, inwiefern die Interaktion der drei Elemente zu einem Suizid führen und man muss forschen.

Auch wenn wir noch weit entfernt von Allgemeingültigkeit sind, ist das bisher die Theorie, die mir am plausibelsten erscheint. So kann ich mir zum Beispiel die hohe Suizidrate bei US-Soldaten erklären. Dadurch, dass Soldaten dazu neigen in lebensgefährlichen Lagen zu agieren und ihren Überlebenssinn den Befehlen anderer unterzuordnen, würde für die Theorie sprechen.

Was es bewirken soll:  Wenn du mal in dich und deine Suizidalität hineinschaust, dann kannst du versuchen anhand der Theorie abzuschätzen, wo du stehst. Und so können dein Umfeld und du darauf achten, dass ein Todesfall verhindert werden kann.

Was es nicht bewirken soll: Das Ziel des Ganzen ist nicht, dass du austestest, wie viel deines Selbsterhaltungsdranges noch vorhanden ist. Und bitte werde nicht Soldat.


  • Die Eskalation

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, gibt es Gefühlszustände, die man wirklich keinem wünscht. Und wenn also der Körper ruhelos ist, die Anspannung unerträglich und selbst mit geschlossenen Augen furchtbare, grausame Szenarien über einen herfallen, dann platzt man eben vor Selbsthass, Wut, Trauer oder Hilflosigkeit. Das machen viele auf gesellschaftlich anerkannte Weise, also durch Alkohol- und Drogenmissbrauch, Orgien und andere hedonistische Genüsse und viele neigen zu klassischem selbstverletzenden Verhalten wie Schneiden oder Verbrennen des eigenen Körpers.

Ich persönlich befinde mich da zwischen den Stühlen. Ich kann mich noch an die Quotenpunkerin auf dem Gymnasium erinnern, die mir Tipps gegeben hat, wie man sich selbst verletzen kann, ohne das offensichtliche Wunden entstehen. Und sie ist so sehr darin aufgegangen und hat sich daran ergötzt, als sie mir gezeigt hat wie sie welches Gliedmaß an die kalte Wand haut und ich wusste ab dem Moment, dass ich niemals ein klassiches SVV-Mädchen werde.

Wenn ich merke, dass da gleich wahrscheinlich etwas durchknallt und wir schon wieder auf den Tiefpunkt eigenhändig zusteuern, dann ergebe ich mich dem erst und versuche dann, wenn ich gewütet habe und ganz unten mit klarem Verstand angekommen bin, aus dem Scherbenhaufen etwas Gutes zu machen. Klar, sind die Wunden auch zur Schmerzkompensation, aber das Muster ist bewusste Bemalung und entspricht eher dem, was die Menschen mit Tätowierungen bewirken wollen. Ich skizziere mit dem Blut und schreibe mir das Innerste hinaus und erreiche dann tatsächlich einen Gefühlszustand, der zwar erschöpft ist, aber auf eine extreme Art friedlich. Schamanin Friedl. 

Ich denke, es ist wahrscheinlich gesünder einfach sich zu betrinken und sich mit jemanden zu prügeln, aber bisher hat das noch nicht für mich funktioniert. Man muss ja auch nicht alles psychologisieren, von daher lebt eure Gefühle so aus, wie ihr wollt. David Lynch sagt, aus Negativität kann keine Kunst entstehen. Ich denke er hat Recht und füge hinzu, dass du aber aus negativen Erlebnissen oder als negativ in der Gesellschaft angesehenen Emotionen etwas authentisches und positives machen kannst. Und wenn du wieder bei klarem Verstand bist, kannst du auch wieder auf weniger spektakulärem Weg deine Kreativität an deinen Jacken ausleben.


 

  • Die Komplizenschaft

Kurz und knapp: Du schaffst das nicht allein und brauchst Menschen, denen du Aufgaben delegieren kannst und die gleichzeitig ein Auge auf den Verlauf deines Zustands werfen, dich rügen und ermutigen. Mehr Menschen, mehr Kraft. Keiner muss so etwas allein stemmen.


  • Die Philosophie 

Neben den Menschen, (die dir gut tun!) in deinem Umfeld, sind Krafttiere auch sinnvoll. Warum sich nicht philosophisch ausknocken und analysieren, wie Camus den Suizid betrachtet hat? Wie ist deine Betrachtung? Welcher Literat, welches Kunstwerk, welche Musik lässt dich verstanden fühlen? Wen nimmst du mit in deinen Alltag?


  • Der Nutzen

Natürlich vermag ich nicht zu sagen, dass an dem Wunsch oder der Vorstellung sich zu töten etwas nützliches ist. Es ist leider nicht glamourös oder romantisch, noch cool und verwegen. Ich sehe mich als Mensch mit Suizidhintergrund in der Verantwortung ehrlich darüber zu schreiben und zu hoffen, dass darin ein Nutzen liegt. Anbei findet ihr noch nützliche Links.

http://www.frnd.de

Wovon man am Besten schon mal gehört haben sollte:

http://www.telefonseelsorge.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention

http://www.suizidpraevention-deutschland.de

http://www.u25-deutschland.de

Casta est, quam nemo rogavit!

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15 Comments Hinterlasse einen Kommentar

      • Das Zitat stammt aus dem Film „Die Atlantikschwimmer“ von Herbert Achternbusch. Da stehen Herbert und Heinz am Meeresufer und wollen weg, aber es fehlt ein Schiff. Da sagt Herbert: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ – steigt angekleidet ins Wasser und schwimmt los. Da endet der Film.

  1. Ich drück dich jetzt einmal ganz fest, wickel dich fett in eine Decke ein und wir gucken zusammen imaginär Modern Family. Dann passt es schon wieder 😉 Irgendwie, bis jetzt hat es ja immer irgendwie gepasst. Du bist zu friedlig für die Welt, als dass du entbehrlich wärst. Ich würde dir ja gerne mehrSprachnachrichten senden, aber mir geht’s selbst gerade nicht besser… Ich freue mich einfach auf Island, vielleicht sind die entspannter.

    Zumindest habe ich eine Lösung gefunden diesbezüglich deiner Ärztin und dem Jogurt Esszwang 😉 Es gibt nämlich auch vegane Probiotika Quellen… Scheiß auf den Jogurt:

    Kefir, wenn du denn mit Ziegen oder Schafsmilch züchtest, dann ist der laktosefrei
    Sauerkraut
    Misopaste
    Saure Gurken oder auch die berüchtigten Spreewald Gurken 😉
    Kombucha
    Apfelessig
    Tempeh und Kimchi!

    Es gibt wohl auch fermentierten Sojajogurt nur den habe ich noch nie gesehen, also von daher….

  2. Ein wichtiges Thema. Danke für deine Offenheit dafür!

    Mir gefällt dein lösungsorinetierter Ansatz.
    Und ich gebe dir Recht. Niemand ist allein, auch, wenn es sich des öfteren so anfühlen mag.

    • Bitte bitte. Es suizidieren sich ja jährlich rund 10 000 Menschen in Deutschland, da ist schon mal Diskurs angebracht.

      Ja, ich habe versucht einen ein paar Werkzeuge und Gedanken den möglichen Lesern mit an die Hand zu geben. Natürlich ist das jetzt keine Universallösung für jeden, aber ich finde es wichtig keinen Samthandschuhbemitleidungstext auf die Welt loszulassen. Immer auf Augenhöhe herangehen.
      Hattest du schon mit suizidalen Kindern auf Arbeit zu tun? Gab es dazu eine Fortbildung oder etwas in der Ausbildung?

  3. Alle 52 Minuten ein Suizid? Das ist ein ziemlich hoher Wert. Hätte ich jetzt nicht gedacht. Drüber schreiben ist wahrscheinlich auch eine gute Idee, um sich selbst klarer zu werden. Den Fokus auf sich und das eigene Vorankommen zu richten erscheint mir auch plausibel. Allerdings spreche ich aus der laienhaften Aussenperspektive, da mir das Thema selbst (glücklicherweise) fremd ist.
    Da du mir aber nicht unwichtig bist, sage ich nur noch: Bleib noch eine Weile. Du hast 2018 noch ein Podcast-Treffen mit mir. Und das willst du definitiv nicht verpassen. Das wird das Highlight! 😀 Ich nehm dich dann auch ganz fest in die Arme und knuddel dich durch, mein Lieblingsfranzitier. 🙂

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