Das gehörte Wort: Roger Willemsen – Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament

Könnt ihr euch noch an meine 10 Gründe für das Wahlhelferdasein erinnern? Es folgt in der Woche noch ein Blick auf den tatsächlichen Alltag während eines Wahlsonntags. Nach dem 24. September 2017 war ja lange nicht klar, ob es zu Neuwahlen kommen wird oder ob generell irgendwas passieren wird. GroKo, Koko, man weiß es nicht. aber wir wollen ja gegen eine mögliche Politverdrossenheit arbeiten. Warum also nicht einen Blick in den Bundestag wagen.

2013 hat Roger Willemsen ein Jahr auf der Zuschauertribüne im Bundestag verbracht und daraus ein feines Buch gemacht. Von der täglichen bürokratischen Prozedur bis zum Klientel der Besuchergruppen, die meist ausschließlich zwischen Senioren und Schulklassen variieren, wird ein pointiertes Bild gezeichnet, welches niemals in die Trivialität abdriftet. Da gibt es ja schließlich sämtliche Abgeordnete zu beobachten. Und das ist wahrlich ein Spektakel.

Willemsen bricht das Erlebte nicht auf die politischen Lager herunter und versucht zu verallgemeinern. Er beschreibt einzelne Szenenarien, benennt Namen und schafft es die Atmosphäre im Raum für den Leser (oder Zuhörer) greifbar zu machen. Man kann nur staunen. Oder erschüttert sein. Für 20 Minuten herrscht Ruhe und Anstand während der Debatte über die Ergebnisse des NSU-Untersuchungsausschusses im Beisein von Angehörigen der Toten und dann lässt sich mit der Verspätung auch Herr Kulturstaatsminister sehen und zeigt deutlich mit Mimik und Gestik, dass seine Prioritäten anscheinend woanders liegen. Die Menschen sitzen noch in der Zuschauertribüne und es wird wieder wild dazwischen gerufen und Kindergarten gespielt. Ich kann nur empfehlen doch für ein paar Minuten im Parlamentsfernsehen zu verweilen. Was Redner da für Zwischenrufe erdulden, ohne darauf zu reagieren oder sich davon verletzen zu lassen ist schlicht beachtlich.

Ich kann mich an meinen Wandertag in den Bundestag zu Grundschulzeiten leider nur vage erinnern. Bis auf unsere Pflichtzeit auf der Tribüne. In der Sitzung waren nur eine Handvoll Abgeordnete, die tatsächlich allesamt der Rednerin keinerlei Aufmerksamkeit schenkten, sondern in ihre Dokumente oder in den Kaffee starrten oder schliefen. Und wir sollten dem Ereignis aufmerksam folgen und die Demokratie wertschätzen und verstehen.

Und solche Situationen häufen sich leider auch in dem Buch. Politiker verkünden stolz wie günstig der Wohnraum in den Großstädten für Studenten sei und oben schüttelt die Bevölkerung den Kopf, ist aber im Gegensatz zu den dort arbeitenden nicht zu einem lauten, womöglich unhöflichen Zwischenruf befugt. Oben sitzen ältere Menschen, Klassen mit Kindern aus jeglichen Milieus, mit den verschiedensten kulturellen Hintergründen und unten gehen die wenigsten Politiker zu Sitzungen mit sozialer Thematik, die tatsächlich die meisten Bewohner Deutschlands betreffen würden.

Doch es wird eben nicht nur auf die negativen Ereignisse geschaut. Roger Willemsen erfreut sich an jeder guten Rede, an jedem Menschen, der im hohen Haus mit Eifer und Tatendrang auftritt und ich teile seine Wertschätzung. Es ist einfach zu sagen, dass die Politik den Sinn für die Realität verloren hat und nichts in dem Alltag meines oder deines Lebens ändert. Da stehen täglich Menschen vor dem Pult, die für die kleinen Errungenschaften, ob nun beispielsweise die Senkung des Preises von Fahrkarten für Hartzler oder die kostenlose Übername der Antibabypille für alle Studentinnen, Schülerinnen und Geringverdienerinnen in Berlin, engagieren.

In dem Buch „Der leidenschaftliche Zeitgenosse – Zum Leben Werk von Roger Willemsen“ fand ich eine Auflistung von Fragen an Politiker aller zur damaligen Zeit vertretender Parteien des Bundestags, die „Das hohe Haus“ gelesen haben. Finde ich leider nirgends digital, aber war teilweise sehr erheiternd, auch wenn ich mich leider nicht mehr sicher bin, wer von welcher Partei Rede und Antwort stehen musste, so dass ich mich mit Namen jetzt zurückhalten werde. Jedenfalls findet die Person der CDU/CSU, dass Die Linke zu gut weggekommen sind, Die Grünen kommen wie immer nicht zurande, Gysi redet nur über sich und sein Charisma, weshalb mir sein Name wohl als einziger nicht entfallen ist und die Person der FDP hat eh noch nie ein Buch gelesen. Alles also wie immer. Am Ende zeigt sich, wir brauchen viele verschiedene Standpunkte in der Politik. Es muss kommuniziert werden, bereit offen und mit Engagement und keiner Angst vor Reibung. Und das geht der Politik immer mehr verloren.


Dabei wissen wir doch nicht erst seit 2003, als die Ärzte „Deine Schuld“ veröffentlichten:

„Lass uns diskutieren, denn in unserem schönen Land
Sind zumindest theoretisch alle furchtbar tolerant
Worte wollen nichts bewegen, Worte tun niemandem weh
Darum lass uns drüber reden. Diskussionen sind ok.“

Anbei findet ihr eine fantastische Lesung, die vielleicht ja wirklich Appetit auf das Werk in Langfassung anregen könnte.


Das Buch ist im S.Fischer Verlag erschienen und kann beispielsweise hier käuflich erworben werden.

√(Amorem&Amor)

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