Das letzte Wort: Ein Tag im Leben eines Wahlhelfers

Dies ist ein Eindruck von dem 24. September 2017 aus einem Wahllokal in Berlin. Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr als Wahlhelferin tätig. Man kann sich für dieses Amt freiwillig melden und erhält eine Aufwandsentschädigung, wie ich bereits in einem Artikel erwähnte. Man erhält im Voraus eine Einladung ins Rathaus seines gewünschten Bezirks, wo eine Informationsveranstaltung zu besuchen ist. Wie ich dieses Jahr erfahren habe, kann man diese auch schwänzen und sich seine Unterlagen zuschicken lassen. Hatte nämlich meinen Termin erfolgreich verschwitzt.

6:45 Uhr

Ich sprinte ins Bad, putze Zähne, käme Haare und werfe mir ein wenig Wasser ins Gesicht. Da ich weiß, dass in meinem Bezirk die Wahlhelfer tendenziell 30-40 Jahre älter sind als ich, beschränke ich das optische Herrichten damit und renne ohne Frühstück herüber zum Seniorenheim.

6:59 Uhr

Ich erschrecke mich über die Anwesenheit meines Hassnachbarns im Wahllokal für eine Sekunde, entdecke aber neben einer mir bekannten und vielen weiteren älteren Damen den Wahlleiter der letzten Abstimmungszeremonie. Ich bin erleichtert über den entspannten und humorvollen Kerl Ende Dreißig, der augenscheinlich auch erleichtert darüber ist, dass er wieder einen Menschen mit Ravenclawbeutel auf Gryffindor’sche Art und Weise foppen kann.

Ich werde mit „Party on, Wayne!“ begrüßt. Ich bin beruhigt, dass somit klar ist, dass der Tag somit nicht nur aus Diskussionen, Pöbeleien und schweigender Leere in der wählerfreien Zeit bestehen wird.

Wir richten das Wahllokal ein. Die zwei Kabinen stehen dank dem Personal der Senioreneinrichtung schon. Wir legen Stifte darin aus, achten auf die Barrierefreiheit und stehen wie immer vor der Wand zwischen den zwei Wahlabgebevorrichtungen mit einer europäischen, einer deutschen und einer berliner Flagge in der Hand. Keiner hat sich die korrekte Reihenfolge gemerkt, so dass der Wahlleiter in seinen Unterlagen nachschauen muss. Europa, Deutschland, Berlin. Ich stehe mit der Deutschlandflagge da und muss selbst für eine unangemessen frühe Uhrzeit zu lange darüber nachdenken, wie herum die Deutschlandflagge gehangen werden muss. Die anderen haben bereits begonnen Orientierungsschilder auf sämtliche Eingänge, Türen und Flecke, die ein möglicher Wähler auf der Suche nach seinem Wahllokal mit dem Auge erfassen könnte, zu kleben. Ich helfe mit dem Klebeband.

7:41 Uhr

Das Wahllokal ist eingerichtet, wir unterschreiben unsere Anwesenheit, bekommen sogar schon unsere Aufwandsentschädigung ausgezahlt. Der Wahlleiter tätigt den ersten seiner minutiös in den Unterlagen terminierten Pflichtanrufe mit dem Bezirkswahlamt.

Es wird eingeteilt, wer die erste Schicht von 8-13 Uhr und wer die zweite Schicht von 13 bis 18 Uhr übernimmt. Die erste Schicht ist mit steigendem Alter wohl sehr begehrt. Ich freue mich auf mein Bett. Nach der Einteilung überprüfen wir ein letztes Mal, ob der Wahlraum wie gesetzlich vorgegeben eingerichtet ist. Der Eintretende muss zuerst in einem U-Schlenker zuerst den Tisch zur Ausgabe der Stimmzettel passieren, darf dann in der Wahlkabine seine Stimme abgeben und gelangt danach zu meinem Tisch, wo das Wählerverzeichnis und die Wahlbeteiligung erfasst wird. Erst nachdem ich mithilfe des offiziellen Wahlbrief die Verzeichnisnummer oder umständlicher mithilfe des Personalausweis die Adresse des Wählers herausgefunden, die Daten und das Foto abgeglichen und ein Kreuz gemacht habe, darf neben mir ein Strich bei der Wahlbeteiligung gemacht werden und erst dann, ist der Wähler dazu berechtigt seine Stimmzettel in die Wahlurne zu befördern.

Die Anordnung stimmt, ich verabschiede mich und gehe schlafen.

12:15 Uhr

Ich mittage, ziehe mir ein fesches Kleid an, investiere meine Energie in einen Lidstrich, der Kompetenz und Klasse ausstrahlt und vollende das Gesamtpaket mit meinem Clockwork-Orange-Pullover und meinen verwegenen Stiefeln, damit sich versteht, dass auch auf der Seite des Tisches die Berliner Freundlichkeit jederzeit zum Vorschein kommen kann.

Ich packe in meinen Beutel genügend Essen und Süßes, um mindestens drei Tage zu überleben. Dazu noch „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende.

12:56 Uhr

Ich löse die stellvertretenden Schriftführerin ab. Der Wahlleiter übernimmt neben mir die Liste der Wahlbeteiligung. Gegenüber am Tisch fehlt die zweite Person zur Ausgabe der Stimmzettel. Dies wird heute häufig passieren, da viele Raucherpausen von gewissen Personen, gegen die ich schon Abneigung bekundet habe, eingelegt werden. Diese werden am liebsten dann eingelegt, wenn eine der älteren Damen auf Toilette ist und natürlich von einem Wählerschwall von mindestens 5-10 Menschen, den mein Wahlleiter und ich zu zweit führen müssen, begleitet wird.

Ich frage, ob es besondere Zwischenfälle gab, wie bei der letzten Veranstaltung, wo wir gleich als zweiten Wähler (Ich verlange immer als erstes das Wahllokal als Wähler einweihen zu dürfen. Kindliche Freunde eben.) einen Reichsbürger hatten, der es darauf angelegt hatte mit seinem Fantasiedokument wählen zu gehen und bestimmt 20 Minuten und ein Anruf im Bezirkswahlamt bedurfte bis er schmollend aus der Hosentasche seinen Personalausweis kramte.

Es gab keine Zwischenfälle. Es kleckerten bisher unregelmäßig aber stetig Menschen ins Lokal. Berlin erfreue sich offiziell wohl an einer soliden Wahlbeteiligung. Ich bin vorsichtig optimistisch.

13:45 Uhr

Ich bin wahrlich zen. Ich schaue nach, ob jemand in meinem Bezirk am selben Tag Geburtstag hat oder in meinem oder umherliegenden Wohnkomplexen Gleichaltrige männlicher Natur mit attraktiv klingenden Namen zu finden sind. Ich überprüfe, ob meine Vorgängerin Fehler bei der Führung des Verzeichnisses unterlaufen sind und zähle jedes verdammte Kreuz auf jeder verdammten Seite nach. Dies werde ich heute noch sehr oft machen, aber ich habe Freude an der Ansammlung von Namen und Adressen, die mich zur Höchstleistung bei der Imagination der dazugehörigen möglichen Person treiben. Und ich kann gut überfliegen und finde sehr schnell im geschriebenen Wort die Information, die ich schnellstmöglich benötige.

Ich öffne meinen selbstgemachten Eistee. Der Wahlleiter fragt mich, ob ich Hühnerbrühe mitgenommen habe. Ich biete ihm ein Stück meiner Zuckerinfusion in Form eines Cashew-Schokoladenriegels an. Er enttarnt mich als tierproduktfrei und ärgert mich. Ich ärgere ihn zurück und wir freuen uns. Die anderen Wahlhelfer reden nicht wirklich. Außer wenn sie eine Pause machen wollen. Man bleibt auf einem sehr distanzierten Sie.

15:15 Uhr

Ich bin fasziniert. Die meisten Menschen gehen in Gruppen wählen. Und trotz der Anwesenheit von Partner, Kinder oder Hund herrscht bei vielen eine unhöfliche Gehetztheit. Wow. Ich beobachte zum 300. Mal wie drei Personen gleichzeitig den Raum betreten, trotz nettem Winken und Anweisen zum falschen Tisch (also meinem) rennen, dann hektisch den Wahlhelfern am anderen Tisch ungefragt den Personalausweis oder den Wahlbrief vor den Latz knallen, die benötigten Unterlagen aus der Hand reißen und in der Wahlkabine verschwinden.

Danach kommen sie zu mir an den Tisch, beginnen nach meiner freundlichen Begrüßung die Konversation mit der Anmerkung, dass sie ja bereits mit einem Dokument ausgewiesen haben und wollen dann am liebsten augenblicklich ihren Stimmzettel in die Urne verfrachten. Nach meiner Erläuterung meiner Funktion und meiner Bitte nach entsprechenden Dokumenten beginnt der zweite Akt: Hier ist der Verlauf äußerst spannend. Die Person entscheidet sich oftmals dazu mit Freundlichkeit zu reagieren. Oder entschuldigend. Das macht Freude. Ist aber nicht so erwähnenswert.

Ausgeprägt war diesmal die Personengruppe, die meine Arbeit als persönlichen Angriff gesehen hat. Entweder man war beleidigt, dass ich dem wohlbeschäftigten Business-Bürger bewusst und mit voller Absicht Zeit stehle und ging dann demonstrativ ohne Verabschiedung oder man begann zu diskutieren, wie anprangerungswürdig dieses oder jenes Prozedere bei der Abgabe eines Stimmzettels sei und das ich, weil ich ganz klar diese Regelung just in dem Moment erfunden habe, um nur diesen einen Menschen, der mir gegenübersteht, zu ärgern, diese gefälligst sofort ändern soll.

Ich verweise zum 300. Mal an das Bezirkwahlamt, die sich über jede Zuschrift und jeden Anruf bezüglich Verbesserungen im Ablauf freuen und berufe mich auf meine offiziellen Dokumente, die meine Bibel, meine Verfassung sind.

Die Steigerung dieser Kategorie Wähler ist dann der lautstarke Protestwähler. Der kann wild und laut sein. Dann reißt er seine Stimmzettel an sich und ist zu ungeduldig zum Warten bis eine Kabine frei ist. Er teilt den anderen Wartenden mit, dass er sich nicht mehr so behandeln lasse, lehnt sich an die Wand und macht so viel Wind um seine Stimme, die er einer der zahlreichen Parteien gibt, die ihm ein klares Feindbild und Hoffnung geben, so dass wirklich jeder im Raum verstanden hat, dass ab morgen die Säuberung äh Revolution startet und dann sein Leben ausschließlich aus Sonnenschein bestehen wird.

Dann gibt es den leisen Protestwähler, der alles, was „die da oben“ ihm im Leben angetan haben auf dich projiziert und egal wie aufgeschlossen und freundlich du dem Menschen begegnest, dich als Politiker wahrnimmt, den man jetzt mit jeder Faser des Körpers endlich mal zeigen kann, was man von dir hält. Da hört man sich einiges an. Da lässt man sich Gesten und Mimik gefallen, die Ohrfeigen verdienen. Und ich möchte betonen, dass jegliches Verhalten, ob negativ, ob positiv mir persönlich durch Repräsentanten jeder sozialen Schicht widerfahren ist. Die unhöfliche Oma, der obszöne Arzt, der höfliche Schornsteinfeger mit gestochenen Nazisymboliken. Menschen sind Wundertüten.

16:30 Uhr

Der Berliner geht gerne nach dem Kaffee wählen. Auch die meisten meiner Nachbarn. Viele sehe ich das erste Mal und die, die ich mit einem vertrauten Gruß bedenke, erkennen mich nicht. Ich bin traurig als der einzige gutaussehende Kerl hineinspaziert. Er ist 1998 geboren.

Ein grantige Dame mit Rollator kommt zum Wahlleiter und mir an den Tisch. Da sie davor schon jegliche Hilfe verweigert hat, warten wie höflich auf ihre Ankunft.

Sie will sofort den Stimmzettel in die Urne befördern und hört mir aus Prinzip nicht zu. Der Mann des Tisches erhebt mit einem charmanten Tonfall, den Männer ab einem gewissen Alter ausschließlich für ältere Damen reservieren, seine Stimme und erklärt ihr meine Bitte. Sie holt widerwillig ihr Portemonnaie aus dem Rollatorkörbchen, schaut mich grimmig an und beginnt vor meiner Nase bewusst zeitintensiv nach ihrem Personalausweis zu suchen. Wir sehen beide das benötigte Dokument und der Wahlleiter bietet seine Hilfe an. Die Suchende herrscht ihn an. Er solle sie gefälligst nicht hetzen.

„Entschuldigen Sie bitte vielmals meine Schnelligkeit.“

Ich versuche mein Lachen mit einem Husten zu kaschieren. So ehrlich unterwürfig habe ich noch keinen englischen Butler mimen sehen. Die Dame reagiert darauf nicht. Bei der Rückgabe des Ausweises verkündet der Wahlleiter voller Glück, dass sie nun gerne ihre Stimmzettel in die Wahlurne tun kann. Erbost erwidert sie erneut, dass er sie nicht hetzen solle.

„Entschuldigen Sie abermals meine Schnelligkeit.“

Der Lieblingsmoment des Tages ist gefunden. Wie die Schulkinder wird im leeren Wahllokal nach ihrer Abreise gelacht. Das hat man sich auch verdient.

Wie jedes Jahr entläuft rund einmal die Stunde ein verwirrter Senior aus seinem Zimmer und schaut bei uns vorbei. Und jede Stunde sagen wir ihm, dass er ein Ausweisdokument mitbringen soll und er dann gerne wählen darf. Man sieht ihn dann einige Runden im Flur drehen bis er kurzzeitig vom Personal eingesammelt wird. Die Wahlhelfer schauen ihn mitleidsvoll an, aber auch ein bisschen erleichtert, dass sie noch nicht in der Phase ihres Lebens sind. Ich frage mich, was er gewählt hätte.

16:52 Uhr

Mein Lieblingswähler betritt die Bühne. Zur letzten Wahl wollte er als einziger Bürger sein Recht geltend machen und bei der Stimmzettelauswertung anwesend sein. Damit auch ja niemand von uns Schweinen mit dem offensichtlichen Plan der Vertuschung der AFD-Stimmen durchkommt. Dafür wurden wir vom System und der Lügenpresse nämlich ausgebildet und engagiert. Ganz klar.

Heute begrüßt er mich mit den Worten: „Ey, ich erkenne dich. Du hast schon das letzte Mal die Wahl gefälscht. Ein paar Stimmen weggeschafft.“ Ich bin ein bisschen beleidigt, schließlich bin ich nicht die Oma, mit der sich letztes Mal fast geprügelt hat. Ich bin der gute Cop. Ich hatte deeskaliert, ihn beiseite genommen und den offiziellen AFD-Stapel an Stimmen laut durchgezählt, so dass er aus nächster Nähe beobachten konnte, ob im letzten Zähldurchgang korrekt gezählt wird und er im Austausch dafür danach ruhig war.

Diesmal möchte er darüber reden, dass die Urne nicht ordnungsgemäß versiegelt ist. Und wir somit danach die Stimmen mit den fingierten Zetteln unserer Geheimorganisation mühelos austauschen können. Der Wahlleiter ruft gleich das Bezirkswahlamt an und übergibt die arme Person am Apparat an unseren Lieblingswähler, da er die Antwort definitiv aus dem Munde einer befugten Amtsperson hören will. Er ist nicht glücklich. Er lässt sich die Nummer für Bürgerfragen durchgeben, droht mit seiner Anwesenheit zur Auszählung und wir hören ihn noch mindestens 15 Minuten draußen telefonieren, immer mit der Gewissheit, dass hier ein abgekartetes Spiel vonstatten geht.

18 Uhr

Das Lokal wird offiziell geschlossen. Neben unserem Lieblingswähler gesellt sich noch eine unaufdringliche ruhige Frau dazu, die ernsthaft interessiert an unserem Vorgehen ist und sich im Hintergrund hält. Ich schaue mir die zahlreichen Schriftstücke an, die es auszufüllen geht. Dank dem Volksentscheid zum Flughafen Tegel sogar noch mehr als regulär. Ich ärgere mich kurz, nicht auf die Vorbereitungsunterlagen geguckt zu haben. Unverständlicher als ein Antrag auf Sozialleistungen. Es gibt ein Übersetzungsblatt zu jedem Dokument.

Die älteren Damen und mein Hassnachbar haben die Aufgabe, die Stimmzettel nach gleichen Erst- und Zweitstimmen den aufgestellten Parteischildern zuzuordnen. Besonders letzterer macht dies nur bei Aufforderung. Ungültig erscheinende Stimmzettel werden auch auf einem Stapel gelagert. Anschließend wird über deren Gültig- bzw. Ungültigkeit gemeinsam debattiert und von mir und jeder Beschlussfall mit einem Buchstaben versehen, der für ein bestimmtes Ausschlusskriterium steht und in das entsprechende Dokument haarklein eingetragen.

Ich darf mich kurz absondern und setze mich in die Ecke, um mit Taschenrechner bewaffnet das Wählerverzeichnis auszuwerten. Zuerst ein letztes Mal alle Kreuze überprüfen und zählen und danach mit der Anzahl auf der Zählliste und der Gesamtzahl an berechtigten Wählern vergleichen. Es muss mindestens eine Person nachzählen bis offizielle Zahlen von mir in das entsprechende Dokument notiert werden. Es haben 674 Menschen in diesem Lokal heute ihre Stimme abgegeben.

Ich stoße zu den anderen, die nun fertig sortiert haben. Es beginnt das Zählen. Ich notiere ein vorläufige Zahl und koordiniere das Nachzählen. Erst danach wird die Zahl umkreist und gilt als offiziell. Ich als Hüterin der Zahlen. Nehmt das, alle Mathematiklehrende, die mir zu verstehen gegeben haben, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin!

Danach folgen die Zweitstimmen. Sortieren nach Partei, die fragwürdig gezeichneten auf den Debattierstapel und danach beginnt wieder das große Zählen, Delegieren und Notieren.

21 Uhr

Die Beschlussfälle sind geklärt, die offiziellen Dokumente nach viel Hin und Her mit meinem Wahlleiter ausgefüllt. Selbst er hat nicht bei jeder Seite durchgesehen. Ich warte noch auf ein Heilmittel gegen Amtsdeutsch. Ich habe gespürt, dass ich essenziell war, um ein korrektes Ergebnis zu erreichen. Ich bin stolz, dass alle meine Zahlen sich bei der Endkorrektur als valide herausstellten und nur ein Standardfehler vermerkt werden musste, der zu einer Differenzsumme von 1 führte. Es passiert öfter, dass zwischen Erst- und Zweitstimmenzählgang bereits Beschlussfälle notiert werden und dadurch nach dem Zweistimmenzählgang alle Beteiligten auf deren Vollständigkeit achten müssen.

Der Volksentscheid ist auch beackert und in mir hat sich doch viel Unverständnis angesammelt. Ich persönlich habe gegen einen Weiterbetrieb gestimmt, allein schon aus umwelttechnischen Gründen. Doch ich bin mehr irritiert über meinen Bezirk. Im Osten Berlins angesiedelt ist Lichtenberg ein klassisches Gebiet, wo die Linken und die Rechten sich gute Nacht sagen.

Und auf einmal wird die CDU gewählt? Ich versuche es wertungsfrei zu sagen, aber der Direktkandidat auf den Plakaten sieht aus wie ein Arsch mit Ohren. Und hier ist doch niemand getauft oder religiös im Allgemeinen. Es ergibt keinen Sinn.

Ich bin desillusioniert und wütend und schaue immer wieder auf meinen Notizzettel. Bei den Erst- und Zweitstimmen für die gleiche Parteien haben mit einem beachtlichen Vorsprung 153 Menschen die AfD gewählt. 128 Stimmen für Die Linke, 116 Stimmen für die CDU, 62 Stimmen für die SPD, gefolgt von FDP, Die Grünen und Die Partei. Die Menschen sind wirklich konservativer geworden.

21:30 Uhr

Der Wahlleiter hat Probleme das Bezirkswahlamt zu erreichen, um die offiziellen Zahlen durchzugeben.

21:45 Uhr

Die Reinigungskraft verbannt uns in den Speisesaal, der so hell erleuchtet ist, dass es weh tut. Danach macht sie furchtbare Musik an. Die Lautstärke lässt Konversation kaum zu. Wir warten und sind erschöpft.

Ein Anruf später wissen wir, dass die Computer, die die Wahlergebnisse aufnehmen und auswerten berlinweit (nur in Berlin natürlich) abgestürzt sind. Auch in dem Fall ist alles geregelt. Alle Wahlhelfer müssen verweilen. Michael Endes „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ kommt endlich zum Einsatz.

Ich unterhalte mich mit meinem Wahlleiter darüber über unsere gewählten Parteien. Er arbeitet bei der Bundeswehr und findet eine Mischung aus FDP und Die Grünen solide. Ich bekunde meinen Ekel. Wir lachen und er stellt ein paar kluge Fragen, die meine Positionen hinterfragen. Ich habe kein Problem damit, dass jemand der in einer Branche arbeitet, die ich ablehne und Parteien wählt die ich ablehne, mir extremst sympathisch ist. Wir wissen beide, dass ohne uns heute nichts gelaufen wäre und sind unserer gegenseitigen Anwesenheit einfach respektvoll dankbar.

23 Uhr

Die Computer leben wieder, die Ergebnisse wurden durchgeben und Verabschiedungen (inklusive Drohungen, dass man sich gefälligst das nächste Mal auch nicht hängen lassen darf) wurden vollzogen. Ich liege in meinem Bett und bin zu müde und frustriert, um mir das tatsächliche deutschlandweite Resultat anzuschauen.

Mitternacht

Ich habe mir doch das Ergebnis angeschaut. Ist ja genauso schlimm wie mein Eindruck des Tages.

0:01 Uhr

Ich bin dann mal in eine Partei eingetreten.

Und was hast du gemacht?

Amabilis|Insania

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5 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Respekt für Deinen Einsatz. Ich hab mir bisher keine Gedanken gemacht wer da so im Wahllokal antritt, damit eine Wahl überhaupt funktioniert. Mein Vater meinte früher das sind Beamte die „zwangsweise dafür herhalten müssen“.

  2. Ein sehr spannender Einblick.
    Interessant, was du da so erlebt hast. Manche Handlungen von den lieben Mitmenschen lesen sich unglaublich und ich wüsste nicht, wie ich darauf reagieren würde.
    Aber viele junge Menschen waren nicht zum Wählen dort?

  3. Oh Mann, da hast du ja einiges erlebt. Ich habe diesen Zirkus lange genug mitgemacht.

    Angefangen bei dem glatzköpfigen Individuum, das im Wahllokal lautstark NDP-Parolen drosch und das wir deshalb hinauskomplimentieren mussten…

    weiter mit der Dame, die sich aufregte, dass sie ihren Fifi draußen lassen musste, weil der Hausmeister ein Hunde-Verboten-Schild am Grundschulklassenzimmer befestigt hatte: Die wollte meinen Namen, um sich bei meinem angeblichen Arbeitgeber, der Stadt über mich zu beschweren (blöd nur, dass ich weder für die Stadt noch in dieser Stadt, sondern woanders arbeite)…

    oder die stellvertretende Wahlleiterin, die zu blöd war, die Zahlen richtig einzutragen und mir mit dem dämlichen Spruch „wer lesen kann, ist klar im Vorteil“ kommen wollte (jo. aber lesen reicht nicht, meine Liebe, man muss auch verstehen, was man da liest). Tja, schon doof, wenn man die Zahl der abgegebenen Stimmen da einträgt, wo die Anzahl der Wahlberechtigten hingehört. Nach ihrer Version hätten wir mehr als phänomenale 100% Wahlbeteiligung gehabt…

    Das Highlight aber war der Hausmeister, der alle Räume im ersten Stock zu Wahllokalen deklariert und der Barrierefreiheit einen fetten Strich durch die Rechnung gemacht hatte – morgens vor acht musste dann alles umgeändert werden. Dann schloss er die Räume im ersten Stock ab und die Wahlhelfer, die arglos ihre Sachen dort noch liegenhatten, guckten dann mittags in die Röhre, als sie nach Hause wollten und sie an ihre Sachen nicht mehr kamen, weil abgeschlossen war und sie den Hausmeister erst mal suchen mussten.

    Nur diese rotzfrechen/strunzdummen Reichsbürger hatte ich zum Glück noch nie.

    LG
    Ulirke

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