Flimmerfreundschaft #1: Explorers (Joe Dante, 1985)

Das Kino ist ein kommunales Erlebnis. Über die Leinwand flackern bewegte Bilder und der Zuschauer zeigt in dem Moment erschreckend viel über seine Persönlichkeit.
Emotionen werden erlebt und Meinungen entstehen, die im Austausch offenbart werden. 
Friedl Von Grimm und Michael möchten mit einer gemeinsamen Aktion diese Tiefe zelebrieren.
Zweimal im Monat bestimmt der Herr mein Sehverhalten.
Zweimal im Monat bestimmt Frau Von Grimm seine Filmauswahl.
2×2 Filmvorstellungen der Extraklasse. 4×10 Fragen, die die Betrachtungsweise des Anderen zeigt.
Willkommen bei der Flimmerfreundschaft – zwischen Friedl und Michael!

Es geht in die warme Kindlichkeit der 80er Jahre. Ethan Hawke, Jason Presson, River Phoenix und ich träumen kollektiv einen Schaltplan und bauen uns ein Raumschiff. Wir haben Ahnung von Computern bevor es cool war, werden verprügelt und bekommen natürlich am Ende die Klassenschöne, ha! Und James „Gut gemacht, Schwein!“ Cromwell schaut auch noch vorbei.

Die Story empfand ich als…

faszinierend unausgeglichen. Die erste Stunde empfand ich als locker flockig verspielt. Man erhält auf undramatische Art und Weise den familiären Hintergrund der drei Protagonisten kennen und erlebt ein Abenteuer. Diese Unschuld wird in der zweiten Stunde seltsam demontiert, die Sexualität, die Medienkritik verstören in ihrer überdrehten Inszenierung, so dass ich an dem Grusel natürlich meine helle Freude hatte. Aliens, die Guillermo del Toro entworfen hätte, wäre er zur Clownschule gegangen. Setdesigns, in denen man als 9-Jährige Stunden herumgetollt hätte und die unnötigste weibliche Figur seit langem.

Mir ist besonders aufgefallen, dass…

ich es seltsam finde, wenn Kinder agieren wie Jugendliche. Da wird ein Mädchen zur heiligen, mystischen Liebe des jungen Lebens gemacht, die doch nicht einmal geschlechtsreif ist. Und dieser Kuss. Oder der Bierkonsum.

Meine liebste Szene war…

in der ersten Hälfte das erste Herumexperimentieren, wo das blaue Bällchen mit dem die Jungwissenschaftler bald Spazierfahrten unternehmen würden, Wolfgangs Keller übel herrichtet. Die Katze meckert, es scheppert und klirrt und man sieht dieser turbulenten Sequenz an, dass da viel Koordination und Liebe hineingesteckt wurde, um allem um das CGI-Bällchen herum Leben einzuhauchen. Und man merkt den Kindern einfach auch den Spaß an.

In der zweiten Hälfte ragt die Fernsehsequenz mit den Aliens deutlich heraus. Diese mündet dann in einer seltsamen Musicalfrequenz, die durch ihre bewusste Beschwingtheit auf mich einen düsteren Eindruck machte. Als würden die Kinder plötzlich in der zynischen Erwachsenenwelt ankommen, wo alles glitzert und scheint, aber unter der Oberfläche alles unecht und seelenlos ist. So ist es irgendwie schön, dass die Kinder sich mit den Alienkindern verbünden, nachdem man das furchterregende Alienelternpendant kennenlernt, aber die verschiedenen Anliegen wirken unfokussiert.

Ich habe diesen Film noch nicht gesehen, weil…

ich seit „Stranger Things“ und Co. Probleme habe die achtziger Jahre und ihre Popkultur dauerhaft zu zelebrieren. Und ich mag ja den River Phoenix sehr gerne, arbeite deswegen aber seine Filmografie recht sparsam ab, denn irgendwann ist da ja Schluss. Also keine vernünftige Argumentation bzw. Verteidigung meinerseits, verzeihe.

Du hast mir diesen Film empfohlen, da…

du tagtäglich mit Kindern arbeitest und ich mir vorstelle, wie du aus Pappe Raumschiffe bastelst, das Urzeitmonster spielst und dich da ausleben kannst. Der Film heißt ja nicht umsonst „Explorers“. Essenziell für den Menschen ist das Erforschen und Entdecken.

Wie ist dein Verhältnis zu Regisseur Joe Dante?

Ich liebe „Gremlins“ plus Fortsetzung und ich liebe seinen Namen. Man merkt seinen Werken eine Vorliebe für Horrorwerke der Vierziger und Fünziger an (hier läuft ja unter anderem ein aberwitziger Sci-Fi-Streifen im Autokino) und ich glaube, dass er ein Regisseur ist, der sich die Magie des Inszenierens und Erschaffens einer eigenen Welt beibehalten konnte. Und ich weiß, ich habe einiges nachzuholen.

Was ist dir bei der erzählerischen Struktur des Filmes aufgefallen?

Ich hatte nach dem Schauen gelesen, dass es bei der Produktion einige Schwierigkeiten und Konflikte gab und Dante seine Vision nicht so umsetzen konnte wie erhofft. Ich finde das merkt man der Struktur an. Ich wusste nach einer Stunde nicht genau auf welche Prämisse es hinauslaufen sollte und empfand das Mädchen als Preis und Ziel deplatziert. Ansonsten bin ich furchtbar in Filmanalyse und übersehe wahrscheinlich das Offensichtliche.

Wie fandest du die Effekte?

Das blaue Bällchen und die Tron-Kollektivträume sind schon ein wenig angestaubt, aber meine Liebe zu handgemachten Effekten, Kostümen, Puppen und Make-Up ist ungebrochen und wird es auch immer bleiben. Da bewahre ich mir meine kindliche Wahrnehmung und kann jede Kreation und die Millionen an Stunden, die an Arbeit da hinein geflossen sind, wertschätzen.

Wie sieht und sah es mit deinem kindlichen Entdecker-Verhalten aus?

Ich erinnere mich an selbstgebaute Flöße, Schatzsuche und unser Geheimversteck, was wir in der Grundschule hegten und pflegten. Und letztes Jahr musste alle zu meinem Geburtstag eine Schnitzeljagd machen, die ich mit Liebe organisierte.

Ich glaube, dass man als Kind wirklich jeden Tag etwas Neues lernt und wahrnimmt und je älter man wird, die meisten Menschen vergessen einfach aktiv wahrzunehmen. Nicht hochtrabend, lebenssinnverändernd, sondern einfach die ganze Ernsthaftigkeit von Bord werfen und einem Impuls nachgehen.

Welche anderen „Coming-of-Age“-Werke kannst du empfehlen?

Mein Herz hängt wahrlich an „Coming-of-Age“-Geschichten. Auf der Beziehungsebene ist die Schwärmerei des Protagonisten Shaun aus „This Is England“ spannend zu beobachten. Da empfinden viele ein ähnliches moralisches Unbehagen, wie ich bei der Kusssequenz in „Explorers“. Ansonsten ist meine Liebe ganz bei den drei „Th“s: „The Outsiders“, „The Warriors“ und „The Wanderers“. Und bei dem Messias: Ferris Bueller.


Wenn ihr wissen möchtet, was währenddessen der Michael sich zu Gemüte führen musste, so klicket hier.
„Explorers“ kann man derzeit kostenlos auf Amazon Prime anschauen oder sich im DVD- und Blurayfach(online)geschäft seines Vertrauens kaufen.
Das Poster ist auf IMDB zu finden.

√(Amorem&Amor)

Advertisements

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Das war die erste Runde. Ich finde unsere Aktion so cool!
    Und deine Meinung zu dem Film enttäuscht nicht.
    Ich mag ihn sehr. 80er Feeling, seltsamer Genremix und verrückte Bottin-Effekte.

    Der Film hatte das Problem, dass er von heute auf morgen veröffentlicht werden sollte. Somit ist der Film ein Rohschnitt, der nie fertig gedreht wurde. Das ist unglaublich schade, zumal er hierdurch wirklich nicht rund wirkt. Neue Vorgesetzte waren das Problem.

    Ein sehr interessanter Gedanke, dass „The Warriors“ auch ein Coming-of-Age Film ist.

    • Aber findest du die TV-Aliensequenz unheimlich bis verstörend oder lustig, wie es (glaube ich) intendiert war? Und was sagst du zu meinem Empfinden von Kinder bzw. Jugendlichensexualität?

      Oh je, ich hatte zwar gelesen, dass der Film jetzt schon so einen Kultstatus innehat, aber es wäre a
      natürlich sehr spannend, wenn Dante nochmal die Chance bekommen würde, daraus das zu machen, was ihm eigentlich vorschwebte. Hatte auch irgendwo gelesen, dass das Ding auch geremaked werden soll. Jut oder furchtbarer Gedanke?

      Naja, die Gangs bestehen doch aus Jugendlichen oder? Ich finde das schon passend. Vielleicht auch, weil ich selbst noch jung war, als ich den Film desnächtens zum ersten Mal sah.

      • Leider kann ich mich kaum an die zweite Hälfte des Filmes erinnern x)
        Um dir eine ordentliche Antwort darauf zu geben, müsste ich den Film nochmals sehen.

        Ich habe nie etwas gegen Neuverfilmungen. Der Gedanke ist also ganz spannend 🙂

        „The Warriors“ ist ein ‚Into the Night‘ Film, für mich. Ich liebe ihn. Aber ja, ein gewisses ‚Coming-of-Age‘ Feeling ist vorhanden 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: